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Deutsche Bank versucht, "mit sieben Jahren Verspätung das Ruder herumzuwerfen"
Wirtschaft 3 Min. 12.07.2019

Deutsche Bank versucht, "mit sieben Jahren Verspätung das Ruder herumzuwerfen"

In Asien, Großbritannien und den USA gab es bereits die ersten Entlassungen.

Deutsche Bank versucht, "mit sieben Jahren Verspätung das Ruder herumzuwerfen"

In Asien, Großbritannien und den USA gab es bereits die ersten Entlassungen.
Foto: AFP
Wirtschaft 3 Min. 12.07.2019

Deutsche Bank versucht, "mit sieben Jahren Verspätung das Ruder herumzuwerfen"

Marco MENG
Marco MENG
Radikalumbau als Befreiungsschlag für die Deutsche Bank: Die Erfolgsaussichten sind ungewiss, sagt ihr ehemaliger Chefvolkswirt gegenüber dem „Luxemburger Wort“.

Die Konkurrenz hat sich nach der Finanzkrise erholt. Die Deutsche Bank nicht. Der Aktienkurs ist am Boden, die Bedeutung geschwunden, der Ruf hat gelitten. Jetzt versucht Deutschlands größtes Geldhaus, „mit mindestens sieben Jahren Verspätung das Ruder herumzuwerfen“, kommentiert der einstige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, gegenüber dem „Luxemburger Wort“.

Die einst viel gelobte Sparte „Investmentbanking“ wird um 40 Prozent zurückgefahren, bis Ende 2022 will die Deutsche Bank weltweit rund 18 000 Stellen abbauen. Uneinig sind sich Analysten, ob die bislang angekündigten Maßnahmen ausreichen. Ohnehin hatte die Deutsche Bank in der Vergangenheit vieles angekündigt. Statt Kulturwandel kamen aber weiter Skandale.


06.07.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Die Zentrale der Deutschen Bank spiegelt sich in einer Glasfassade. Am 07.07.2019 kommt der Aufsichtsrat des Kreditinstituts zu einer Sitzung zusammen. Finanzmarktexperten rechnen mit einem radikalen Umbau des Konzerns. Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Deutsche Bank baut rund 18.000 Stellen ab
Die Deutsche Bank kündigte am Sonntag einen radikalen Umbau des Konzerns an. Beim Personal gibt es drastische Einschnitte.

Begonnen hat die Deutsche Bank diesmal unverzüglich nach ihrer Bekanntgabe am letzten Sonntag: von Singapur, Tokio, Hongkong, Sydney und Bangalore in Indien bis London und New York wurden die ersten Investmentbanker bereits am Montagmorgen vor die Tür gesetzt, mehr als hundert allein in New York. Bilder wie einst von Lehman Brothers soll es aber nicht geben, aus diesem Grund wird den Entlassenen Privates per Post nach Hause geschickt.

Eine andere Wahl hat die Deutsche Bank nun nicht mehr.

Entlassungswelle kostet viel Geld

7,4 Milliarden Euro soll der Umbau kosten, gerade mal das Doppelte des Börsenwerts der Bank. Zuerst musste der Chef des Investmentbankings, Garth  Ritchie, gehen, der bis zu 18 Monatsgehälter Abfindung erhält. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wird Ritchie das Ende mit elf Millionen Euro versüßt, Regulierungschefin Sylvie Matherat erhält etwa zwei Jahresgehälter, neun Millionen Euro, als Abfindung, Privatkundenchef Frank Strauß geht mit einer Abfindung von etwa 13 Monatsgehältern (sechs Millionen Euro). Darum wird der massive Stellenabbau die Deutsche Bank erst einmal viel Geld kosten. Freilich wird auch nicht jeder, der nun gekündigt wird, mit einer solchen Summe abgefunden. Für viele, vor allem am Standort London, dürfte es schwierig werden, einen gleichwertigen neuen Job zu finden.

Wie kam es zu dem Dilemma? „Ende der 1980er-Jahre änderte sich das Verhältnis großer Unternehmen zu den Banken“, so Ex-Chefvolkswirt Mayer. Statt auf Finanzierung durch Bankkredite zu vertrauen, wollten sich große Unternehmen lieber am Kapitalmarkt finanzieren. Die Ex-Chefs Kopper und Breuer verfolgten das ehrgeizigere Ziel, aus der Deutschen Bank eine Vollblut-Investmentbank zu machen, die den US Banken ebenbürtig sein sollte.

„Nach der Finanzkrise wurde jedoch deutlich, dass gerade dieser Bereich durch zunehmende Regulierung unter Druck kommen würde“, sagt Mayer. Andere Banken zogen sich zurück. Anshu Jain baute als Co-Chef und unter Aufsichtsratschef Paul Achleitner den Bereich jedoch aus. „Das war eine schwere unternehmerische Fehlentscheidung, an der auch der Nachfolger John Cryan mit Unterstützung Achleitners festhielt“, urteilt Mayer. Achleitner ist noch immer Aufsichtsratchef.


ARCHIV - 10.02.2015, Hessen, Frankfurt/Main: Das Schild einer Commerzbank-Filiale ist nahe der Zentrale der Commerzbank platziert. Aus einer Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank wird nichts. Die Gespräche über einen Zusammenschluss seien ergebnislos beendet worden, teilten die Institute am Donnerstag in Frankfurt mit. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Deutsche Bank und Commerzbank verfolgen Fusionspläne nicht weiter
Am Ende überwogen doch die Bedenken: Aus der großen Banken-Hochzeit wird nichts - aller Werbung aus der Politik zum Trotz.

Der neue Chef Sewing versuche nun, dass die Banken „sich auf den Gründungsauftrag (…) als Dienstleister für die Industrie zu konzentrieren“, fährt Mayer fort. „Ob ihm das gelingt, ist offen. Aber eine andere Wahl hat die Deutsche Bank nun nicht mehr.“ Thomas Mayer hatte das Unternehmen 2012 verlassen.

Die Deutsche Bank hat hoch gepokert – und verloren. „Die Bonuszahlungen waren in der Vergangenheit teilweise viel zu hoch und viel zu sehr an kurzfristige Erfolgsmaßstäbe geknüpft”, gab im Handelsblatt-Interview am gestrigen Freitag Bankchef Sewing zu. Rechnet man aus den Unterlagen des Geldhauses zusammen, so hat die Deutsche Bank in den letzten zehn Jahren die enorme Summe von etwa 20 Milliarden Euro nur für Boni an Mitarbeiter ausgezahlt – und einen ähnlich hohen Betrag für verschiedene Strafen und Vergleiche. Erst am Donnerstag wurde bekannt, dass erneut US-Behörden gegen das Institut ermitteln, diesmal wegen ihrer Rolle im Skandal um den malaysischen Staatsfonds 1MDB.

Ungewissheit für die Mitarbeiter

Auch am Heimatstandort Deutschland werde eine „substanzielle Zahl“ an Stellen wegfallen, sagte Vorstandschef Sewing. Unwahrscheinlich sei indes, dass in Luxemburg weitere Stellen abgebaut würden, meinte kürzlich der Luxemburg-Chef Frank Krings. 2013 hatte die Deutsche Bank in Luxemburg 175 Mitarbeiter entlassen. Am stärksten betroffen von den Entlassungen war die Deutsche Postbank, die zur Deutschen Bank gehört: Hier verloren 104 von 157 Mitarbeitern den Arbeitsplatz.

Symbolisch für Aufstieg und Fall der Deutschen Bank dürfte ihr ehemaliger Londoner Star-Wertpapierhändler Christian Bittar sein, der 2009 mit 80 Millionen Euro den höchsten Bonus in der Geschichte der Deutschen Bank erhielt – und heute eine fünfjährige Haftstrafe wegen Zinsmanipulation absitzt.


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