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Der Traum von der Mensch-Maschine
Wirtschaft 4 Min. 15.09.2020

Der Traum von der Mensch-Maschine

Im Labor des Roboterforschers Hiroshi Ishiguro unterhält sich eine Assistentin mit dem weiblichen Androiden Geminoid F.

Der Traum von der Mensch-Maschine

Im Labor des Roboterforschers Hiroshi Ishiguro unterhält sich eine Assistentin mit dem weiblichen Androiden Geminoid F.
Foto: AFP
Wirtschaft 4 Min. 15.09.2020

Der Traum von der Mensch-Maschine

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Schon heute ist der Computer ein Gegner, der bei Brettspielen nicht mehr zu besiegen ist. Mit selbstlernenden Algorithmen beginnt nun die nächste Phase der IT-Revolution.

Die Geschichte erfolgreicher Erfindungen ist auch die Geschichte menschlicher Niederlagen. Der Maschine gelingt meist alles viel schneller und besser als ihrem Erfinder. Das kann ganz schön am Ego kratzen, wie etwa an dem von Schachspielern.

Der Kampf Mensch gegen Maschine wurde schon vor über zwanzig Jahren entschieden. Dem IBM-Computer „Deep Blue“ gelang es 1996 als erstem Rechner, den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow in einer Partie mit regulären Zeitkontrollen zu schlagen.

„AlphaZero“ wird immer besser

Erst zwanzig Jahre später kam es zum definitiven Schachmatt. Den Entwicklern der Google-Firma DeepMind glückte 2017 der Durchbruch – sie schufen eine künstliche Intelligenz, die sich im Schachspiel innerhalb von nur vier Stunden eigenhändig zu einem unschlagbaren Riesen entwickelte. Die „AlphaZero“ genannte Software kannte eingangs nur die Grundregeln des Spiels, das Weltmeisterniveau brachte sie sich selbst bei. Dank selbstlernender Algorithmen und großer Rechenkraft spielte „AlphaZero“ immer wieder gegen sich selbst, um sich so selbstständig zum Superhirn zu entwickeln.

Forscher versuchen seit Langem, das menschliche Gehirn in Maschinen zu simulieren.
Forscher versuchen seit Langem, das menschliche Gehirn in Maschinen zu simulieren.
Foto: Shutterstock

Schachcomputer wie „Deep Blue“ mussten noch auf gewaltige Bibliotheken mit Partien und Zügen von Großmeistern zurückgreifen, neuartige selbstlernende Programme wie „AlphaZero“ können auf diesen Fundus an menschlichen Wissen verzichten.

Kasparow ist begeistert

Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow hatte lange Jahre Zeit, um über seine demütigende Niederlage hinwegzukommen. Heute sieht er in der künstlichen Intelligenz eine Chance für die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Dass KI eine Gefahr darstellen und die Menschheit versklaven könnte, glaubt er nicht. Selbstlernende Programme wie „AlphaZero“ hält er für die wichtigste Entwicklung seit der Erfindung des mechanischen Webstuhls, mit dem vor fast 300 Jahren die industrielle Revolution begann. „Die Auswirkungen sind offenbar wunderbar und gehen weit über Schach und andere Spiele hinaus. Die Fähigkeit einer Maschine“, so der 57-jährige Russe, „menschliches Wissen aus Jahrhunderten in einem komplexen, geschlossenen System zu kopieren und zu überflügeln, ist ein Werkzeug, das die Welt verändern wird.“

Homo sapiens hat keine Chance mehr: Schachcomputer können heutzutage auch eine typisch menschliche "intuitive Spielweise" nachahmen.
Homo sapiens hat keine Chance mehr: Schachcomputer können heutzutage auch eine typisch menschliche "intuitive Spielweise" nachahmen.
Foto: Paul Ernster

AlphaZero kann mehr als Schach. Das Programm hat die bislang besten digitalen Versionen für die Spiele Schach, Go und Shogi (eine japanische Schachvariante) geschlagen – mit der immer gleichen Softwarearchitektur und denselben Algorithmen. Bis zu dem Durchbruch der Forscher von DeepMind waren künstliche Intelligenzen immer nur auf die Eigenschaften eines einzigen Spiels zugeschnitten. AlphaZero jedoch kommt ohne Spezialwissen aus und kann in mehreren Disziplinen Spitzenleistungen bringen.

Der Traum von Computerpionieren wie Charles Babbage, Alan Turing und John von Neumann ist wahr geworden.

Noch 50 Jahre bis zur „Singularität“

Bis zur Entwicklung einer autonom handelnden, vielseitig einsetzbaren Software – einer sogenannten „starken KI“ ist es noch ein weiter Weg. HAL 9000, der neurotische Bordrechner aus dem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ ist ein Beispiel, wenn auch ein gefährliches, einer solch starken KI.

Heutige Computer erreichen noch nicht einmal annähernd die Fähigkeiten von HAL, dabei hat Stanley Kubrick seinen Kultfilm schon 1968 veröffentlicht.


BEIJING, CHINA - MAY 01: A robot delivers food at a Haidilao Hotpot restaurant on May 1, 2020 in Beijing, China. (Photo by Jiang Qiming/China News Service via Getty Images)
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Noch ein halbes Jahrhundert, dann werden Maschinen die Intelligenz von Menschen erreicht haben. Das prophezeit Toby Walsh, ein Pionier im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), in seinem neuen Buch „2062“. Der gebürtige Brite, der in Australien forscht, wird wegen seiner medialen Auftritte auch als „Rockstar“ der KI-Forschung betitelt. In seinen Sachbüchern und Vorträgen will er vor allem vermitteln, dass es die heutigen Weichenstellungen sind, die entscheiden werden, welche Rolle KI in der Zukunft spielen wird.

2062 werden Maschinen dem Menschen ebenbürtig 

Vor einem Jahr hielt Walsh einen Vortrag am Campus Belval. Dabei warnte er vor übertriebenen Erwartungen. Von der Singularität, also dem Punkt, an dem intelligente Maschinen sich so rasant selbst verbessern, dass die Folgen nicht mehr abgeschätzt werden können, sei die Forschung noch weit entfernt. Ehe Roboter auch nur in Reichweite der Fähigkeiten von Menschen gelangen, gelte es das Moravec’sche Paradox zu verstehen. Dabei handelt es sich um die Feststellung, dass Computer bei komplexen Denkaufgaben wie Schach mit Leichtigkeit den Menschen übertreffen, einem Einjährigen in Bezug auf Wahrnehmung und Mobilität aber unterlegen sind.


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Angst vor einer Zukunft, in der Maschinen ihren Schöpfern ebenbürtig sein werden, hat Toby Walsh nicht. 2062 wird seiner Prognose nach dieser Punkt erreicht sein. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt, sondern basiert auf den Prognosen von Hunderten befragten KI-Experten. „Bis es tatsächlich so weit ist, kann es 45 Jahre dauern, vielleicht 100 Jahre, aber sehr wahrscheinlich weniger als 200 Jahre“, sagt Professor Walsh.  

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