Der Staat als Unternehmer

Mythen der Innovation

Die Bestsellerautorin Mariana Mazzucato liebt es, vermeintliche Gewissenheiten über Innovation zu zerstören.
Die Bestsellerautorin Mariana Mazzucato liebt es, vermeintliche Gewissenheiten über Innovation zu zerstören.
Foto: Joaquim Valente

Von Laurent Schmit

Mariana Mazzucato liebt das Beispiel des iPhone: „Alle Technologien, die Ihr Smartphone smart macht, wurden staatlich finanziert – sei es das Internet, das GPS, das Touchscreen und selbst Siri, die virtuelle Assistentin. Doch in der 700-Seiten-Biografie von Steve Jobs steht kein einziger Satz darüber.“

Die revolutionären Genies der Privatwirtschaft im Gegensatz zum trägen, kafkaesken Staat: Dieses Bild ist für die Wirtschaftsprofessorin der Universität Sussex der zentrale Mythos der Innovation. In ihrem Bestseller „The Entrepreneurial State“ erzählt sie eine andere Version der Erfolgsgeschichten aus dem Silicon Valley. In ihrer Fassung sind es die US-Behörden wie die Nasa oder die 
militärische Forschungsagentur Darpa, die durch langfristige Investitionen Universaltechnologien wie das Internet oder Nanotechnologie ermöglicht haben.

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Fehlendes Verständnis

Der Staat als Held des Innovationsmärchen war Balsam für die Seelen der Beamten, die am Dienstag ihren Vortrag in den Räumen der Europäischen Investitionsbank (EIB) verfolgten. „Der Juncker-Plan hat innovationsgetriebenes Wachstum zum Ziel. Es ist das Zugeständnis, dass Investitionen nötig sind.“ Der Juncker-Plan könne zum Erfolge werden, wenn er mit der nötigen Risikofreudigkeit umgesetzt werde, erklärt Mazzucato.

Wir wissen wenig über das, was in Silicon Valley passierte.

Damit dieses Ziel eines innovationsgetriebenen Wachstums gelingen soll, müsse die Rolle des Staates in der Gestaltung dieses Wachstums besser verstanden werden. Doch dies fehle noch, betont Mariana Mazzucato: „Wir wissen wenig über das, was in Silicon Valley passierte.“

Die klassische Auffassung lautet, dass der Staat sich darauf beschränken solle, faire Konkurrenzbedingungen zu schaffen und Marktversagen auszugleichen. Mazzucato sieht das anders: Mit Bezug auf Karl Polanyi argumentiert sie, dass der Staat neue Märkte schafft und gestaltet. Sie zitiert John Maynard Keynes mit den Worten, dass es wichtig für den Staat ist, dass er „die Dinge tut, die überhaupt nicht getan werden.“

„Die Rolle des Staates ist es nicht, kleine Marktversagen auszugleichen, sondern große Träume zu verfolgen“, glaubt Mazzucato. Schaffen staatliche Akteure neue Märkte, dann greifen die privaten Investoren diese Gelegenheit auf, sagt sie.

Risikoscheues Venture-Capital

Für technologische Durchbrüche seien die umworbenen Venture-Kapitalisten jedoch nutzlos, sagt sie: „Investoren stellen Risikokapital für drei bis fünf Jahre, dann erwarten sie einen Börsengang oder eine Übernahme. Das ist eine sehr kurzfristige Sicht, wenn einzelne Innovationsphasen zehn bis fünfzehn Jahre dauern.“ Besonders innovative Unternehmen wie etwa Tesla wurden ganz zu Beginn staatlich unterstützt, betont sie. In Europa übernehme die EIB oft diese Rolle.

Als weiteres Beispiel nennt Mazzucato das gewünschte grüne Wachstum. „Die Venture-Kapitalisten werden diese Welle reiten, doch die Frage ist, wer wird sie anstoßen?“ Die Antwort ist naheliegend: Die EIB finanziert ein Viertel der weltweiten Investitionen in grüne Technologien.

Doch es brauche den Staat nicht nur in der Anfangsphase, betont sie. In Ländern wie Deutschland, den USA oder Finnland sei der Staat während des gesamten Innovationsprozesses involviert.

„Der Fokus auf Startups ist falsch“

Von der überall gehypten Start-up-Kultur hält Mazzucato wenig, erklärt sie auf Nachfrage: „Startups sind die Kirsche auf dem Kuchen und nicht der Kuchen selbst.“

Laut Mazzucato sind Startups und kleine Unternehmen weder besonders innovativ noch produktiv. Wichtiger als die Förderung von Unternehmensgründungen sei die Schaffung eines „Ökosystems der Innovation“, von dem Unternehmen jeder Größe profitieren können. Ein solches Ökosystem beruhe auf einer dynamischen Interaktion zwischen öffentlichen und privaten Investments.

Ein großes Problem für Startups seien auch die Beziehungen mit großen Unternehmen, betont Mazzucato. „Konzerne beschäftigen sich heute mehr mit Finanzinstrumenten als mit dem Erfolge von kleinen Unternehmen, die sie übernehmen“, kritisiert sie.

„Auf die Menschen kommt es an“

Mazzucato betont, dass die staatlichen Investitionen in Forschung sehr zielgerichtet sein müssen. „Gewinner rauszusuchen“ sieht sie als zentralen Erfolg der US-Agenturen. Außerdem müssten sich die Institutionen konkrete aber ambitiöse Ziele setzen – so wie die Nasa, die zum Mond flog.

Um diese Herausforderung erfolgreich anzugehen, brauche es sehr gute Leute, betont sie. Es sei kein Zufall, dass mit Steven Chu ein Nobelpreisträger das amerikanische Energieministerium an die Spitze der Forschungsförderung gebracht habe.

„Die Patentbox ist sinnlos“

Vom Steuervorteil für Einkünfte aus geistigem Eigentum hält die Ökonomin Mariana Mazzucato wenig. Dass Luxemburg seine Patentbox zum Juli abschafft (mit langer Übergangsfrist), findet sie „toll“.

„Eine Patentbox ist sinnlos, denn deren Ziel ist ausschließlich, die Gewinne von Unternehmen zu erhöhen“, kritisiert Mariana Mazzucato. Der britische Staat verliert dadurch etwa drei bis vier Milliarden Dollar an Steuereinnahmen pro Jahr. In Luxemburg waren es 2011 eine Viertelmilliarde Euro. „Dieses Geld fehlt dem Staat, um direkt in Forschung zu investieren“, betont sie.

Will die Luxemburger Regierung Innovation trotzdem mit Steuervorteilen fördern, schlägt Mazzucato einen anderen Ansatz vor: „Luxemburg sollte Steuervorteile auf die Arbeitskosten konkreter Forschungsarbeit gewähren, wie etwa die Niederlande tun. Das hilft Forschung zu ermöglichen, die ansonsten nicht entstanden wäre. Patentboxen belohnen dagegen Forschung, die bereits existiert.“ Die Ökonomin bleibt dennoch skeptisch: „Um ehrlich zu sein: Steuervorteile bewirken wenig. Sie bringen damit kein Unternehmen dazu, in Forschung zu investieren.“


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