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"Der Fachkräftemangel ist akut"
Wirtschaft 3 Min. 08.03.2019

"Der Fachkräftemangel ist akut"

Tom Wirion, Generaldirektor der Handwerkskammer: Die Lösung besteht aus vielen Puzzleteilen.

"Der Fachkräftemangel ist akut"

Tom Wirion, Generaldirektor der Handwerkskammer: Die Lösung besteht aus vielen Puzzleteilen.
Foto: Steve Eastwood
Wirtschaft 3 Min. 08.03.2019

"Der Fachkräftemangel ist akut"

Marco MENG
Marco MENG
Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist für Unternehmen im Handwerk ein Problem; aber auch der gesamte Wirtschaftsstandort Luxemburg hadert damit. "Für viele ist die Problematik nicht konkret genug", kritisiert Tom Wirion, Generaldirektor der Handwerkskammer.

Wo spürt das Luxemburger Handwerk den Fachkräftemangel am deutlichsten?

Quer durchs Handwerk haben wir einen Mitarbeiter-Notstand. Immer wieder höre ich von Betrieben, dass sie Aufträge nicht annehmen, weil sie nicht genügend Leute dafür haben. Wir sind zwar noch nicht so weit wie in Deutschland, wo der Mangel an Mitarbeitern im Handwerk das Wirtschaftswachstum bremst, aber es geht in die Richtung. In den nächsten Monaten werden wir uns darum als Handwerkskammer dieser Problematik verstärkt annehmen, um Lösungsansätze zu finden. 

Welche Möglichkeiten sehen Sie kurzfristig und langfristig?

Dass wir hier im Land nicht genug junge Leute finden, die den Weg ins Handwerk einschlagen, ist bekannt. Betriebe finden nicht die Leute, die sie brauchen, wissend, dass die Anforderungen auch immer technologischer werden. Ein Großteil der Mitarbeiter im Luxemburger Handwerk stammt aus der Großregion, also geht der Blick jetzt noch weiter hinaus.

Weiter hinaus, was heißt das?

Das bedeutet vor allem, dass die Leute nicht nach Luxemburg pendeln können, sondern mit Familien hierhin umziehen müssen, was wiederum eine Reihe von Fragen aufwirft, zum Beispiel die nach Wohnraum. Für Osteuropa sind Luxemburger Gehälter zwar interessant, aber wenn sie hierhinziehen müssen, verringert sich die Attraktivität wegen der Lebenshaltungskosten im Land.

Die Überlegung ist darum, wenn wir Leute von weiter her hierhin bekommen, dass der Arbeitgeber für sie Wohnungen baut, wofür es staatliche Beihilfen gibt. Der Mitarbeitermangel ist für das Handwerk, aber auch den gesamten Wirtschaftsstandort Luxemburg akut.

Auch von der Digitalisierung soll man sich keine Wunder erwarten.

Würden Fort- und Weiterbildung helfen?

Bei der Berufsausbildung sind die Weichen inzwischen richtig gestellt worden. Was nicht richtig ist, ist die Aussage, am Fachkräftemangel im Handwerk tragen Schule, Ausbildung und berufliche Orientierung Schuld. Es darauf festzumachen ist zu kurz gegriffen. Das Problem ist vielmehr die Diskrepanz zwischen Wirtschaftswachstum und Demographie. Es gibt einfach nicht genug Nachwuchs.

Welche Lösungsansätze gibt es?

Die meisten Maßnahmen wirken sich erst nach einer gewissen Zeit aus. Zum Beispiel die Neuordnung der Meisterbriefe, die das Handwerk attraktiver für Quereinsteiger macht. Das wird mittelfristig zweifellos eine positive Wirkung haben. Es gibt auch ein Gesetzesprojekt, das Menschen ermöglichen soll, eine Berufsausbildung zu absolvieren ohne ihren aktuellen Arbeitsvertrag aufgeben zu müssen.

Das andere ist, das Abitur mit dem Gesellenbrief zu verbinden. Das alles kann auf längere Sicht etwas Abhilfe schaffen.


Meisterbrief, Chantier Electricité, Elektriker, foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
"Die Reform der Meisterbriefe bringt mehr Möglichkeiten"
Der Meister für einzelne Berufe weicht dem berufsübergreifenden Meistertitel. Marc Bissen, zuständig bei der Handwerkskammer für Weiterbildung, und Charles Bassing, beigeordneter Generalsekretär der Handwerkskammer, ziehen vorläufige Bilanz.

Auch Fort- und Weiterbildung ist in diesem Zusammenhang wichtig, nicht nur, weil sich die Berufsbilder stets ändern, sondern auch, weil neue Mitarbeiter auf andere, ausländische Diplome haben. Was ebenfalls hilft, den Bedarf an Mitarbeitern zu senken, ist die Steigerung der Produktivität. Chancen eröffnen hier Innovation und Digitalisierung.

Aber auch von der Digitalisierung soll man sich – gerade im Handwerk – keine Wunder erwarten, denn vor allem das Handwerk braucht nach wie vor Menschen, Hand-Werk eben. Wie man sieht, gibt es nicht das eine Patent-Rezept, sondern viele Puzzleteile sind nötig.

In Luxemburg kommt hinzu, dass der Staat als Konkurrent der Betriebe auftritt…

Ja. Die 80-80-90-Regelung, die das Gefälle zwischen Fonction Publique und Privatsektor für Berufseinsteiger verringerte, wird aber abgeschafft.

Wenn man die Problematik des Fachkräftemangels sieht, erkennt man schnell, dass sich dahinter noch tiefergehende Fragen verbergen, solche wie: Was ist die Vision für die Zukunft des Landes? Welche Vision haben wir für Luxemburg? Welche Ausrichtung soll unsere Wirtschaft haben? Warum hört man nichts mehr von qualitativem Wachstum?

Der Fachkräftemangel besteht übrigens nicht nur auf der Arbeitnehmerseite. Auch auf der Seite der Patrons werden viele in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen ohne einen Nachfolger für das Unternehmen zu haben.

Wer familiär nichts mit dem Sektor zu tun hat, hat ihn deswegen auch oft gar nicht als potenziellen Arbeitgeber auf dem Radar.

Stimmt, denn viele kommen kaum noch direkt mit Handwerkern in Kontakt; den Bäcker auf dem Dorf gibt es ja nicht mehr. Darum haben wir ein Konzept ausgearbeitet, um während einer Schulwoche fächerübergreifend Handwerksberufe in den Primärschulen vorzustellen. Das Konzept ist vom Bildungsministerium sehr positiv aufgenommen worden und wird im letzten Trimester 2019 als Pilotprojekt in den Klassen quer durchs Land angeboten. Kommt es gut an, könnte es auf weitere Berufe und übers Handwerk hinaus ausgeweitet werden.


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