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"Das Ziel ist noch nicht erreicht“
Kunden erhalten umfassende Informationen über Finanzprodukte, damit sie deren Eigenschaften und Risiken besser verstehen und einschätzen können.

"Das Ziel ist noch nicht erreicht“

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Kunden erhalten umfassende Informationen über Finanzprodukte, damit sie deren Eigenschaften und Risiken besser verstehen und einschätzen können.
Wirtschaft 4 Min. 10.01.2019

"Das Ziel ist noch nicht erreicht“

Eigentlich soll die europäische Finanzmarktrichtlinie mit dem kryptischen Namen Mifid II Anleger besser schützen. Doch die europaweit geltende Regelung, seit 3. Januar 2018 in Kraft, führt bei manchen Bankkunden und Geldinstituten zu Schwierigkeiten.

Eines der Hauptziele von Mifid II ist, das durch die Finanzkrise 2008 erschütterte Vertrauen der Anleger wiederherzustellen. Die neuen Vorschriften sollen die Transparenz auf den Aktienmärkten stärken und besseren Kleinanlegerschutz in den Mittelpunkt stellen. Dazu müssen Finanzinstitute bestimmte Informationen von ihren Kunden einholen, um ein individuell passendes „Anlegerprofil“ erstellen zu können. Kunden erhalten zudem umfassende Informationen über Finanzprodukte, damit sie deren Eigenschaften und Risiken besser verstehen und einschätzen können. Verhindert werden soll, dass Anlegern riskante Produkte verkauft werden, ohne sie ausreichend über mögliche Risiken aufzuklären. Zu diesen Informationen zählen genaue Angaben über die Kostenstruktur des jeweiligen Finanzprodukts.

Die neuen Vorgaben sehen auch vor, dass jedes Telefonat eines Kunden mit seinem Wertpapierberater aufgezeichnet und für mindestens fünf Jahre archiviert wird. Im Falle möglicher Rechtsstreitigkeiten soll sich so leichter nachvollziehen lassen, ob der Berater ausreichend über Risiken aufgeklärt hat.

Eine gemischte Bilanz

Ein Jahr nach der Einführung dieser neuen Vorschriften zieht die Bankenvereinigung ABBL nun eine gemischte Bilanz. „Unsere praktischen Erfahrungen zeigen, dass Mifid II das vorgegebene Ziel nicht unbedingt erreicht hat, Bankkunden also nicht besser geschützt sind“, erklärt Gilles Walers, Rechtsberater bei der ABBL. „Auch wenn Anleger mehr Informationen bekommen, ist nicht sicher, ob alles tatsächlich verstanden oder überhaupt gelesen worden ist“.

Auch gibt es Kunden, die es so genau gar nicht wissen wollen. Die europäische Richtlinie sieht aber nicht vor, dass der Kunde in diesem Zusammenhang eine schriftliche Verzichtserklärung unterschreiben kann. „Im Prinzip muss die Bank die erforderlichen Informationen trotzdem geben“, so Gilles Walers. Das Fazit ist deshalb: „Allein die Tatsache, dass man dem Kunden alles Wichtige an die Hand gibt, ist kein Allheilmittel, das Anleger besser schützt“, sagt Gilles Walers.

Zu Problemen im täglichen Geschäft führt auch, dass einige komplexe und intransparente Finanzprodukte für Bankkunden nicht mehr zugänglich sind. „So etwa können einige nicht mehr in bestimmte Produkte investieren, obwohl sie das zuvor jahrelang gemacht haben. Für die Banken kommt es immer wieder zu äußerst unangenehmen Situationen, wenn das im Beratungsgespräch thematisiert werden muss und dem Kunden nicht passt.“

Trotz aller Kritik halten sich die Probleme in Grenzen: „Natürlich erschwert Mifid II die Prozesse, aber alles geschieht im Interesse des Kunden. Viele scheuen die Bürokratie, aber wenn wir es gut erklären – was unsere Aufgabe ist – stellen wir fest, dass es verstanden und akzeptiert wird“, sagt Stefan Van Geyt, Group chief investment officer bei KBL European private bankers.

Es erlaubt uns, mit Anlegern Bilanz zu ziehen und zu prüfen, ob ihre Anlagestrategie noch mit den Zielen übereinstimmt. Im Großen und Ganzen haben sie das als eine interessante Übung empfunden, um eine gewisse Distanz zu ihrer Strategie einzunehmen und sich wieder fundamentale Fragen zu ihrem Portfolio zu stellen.“

Die Kunden zeigen Verständnis

„Wir betrachten Mifid II als gute Gelegenheit, mit dem Kunden die Fragen rund um Risiken, Rendite und Erwartungen erneut im Detail zu diskutieren“, sagt Danielle Goedert, bei der Banque de Luxembourg zuständig für Private Banking in Luxemburg. „Es erlaubt uns, mit Anlegern Bilanz zu ziehen und zu prüfen, ob ihre Anlagestrategie noch mit den Zielen übereinstimmt. Im Großen und Ganzen haben sie das als eine interessante Übung empfunden, um eine gewisse Distanz zu ihrer Strategie einzunehmen und sich wieder fundamentale Fragen zu ihrem Portfolio zu stellen.“

Natürlich führt die Direktive auch zu aufwendigeren Prozessen und weniger Flexibilität. Wer heute bei seiner Bank anruft und einen spontanen Aktienkauf in Auftrag geben will, wird ausgebremst. Denn: Zuvor muss die jeweilige Bank prüfen, ob das gewünschte Anlageprodukt dem ursprünglich erstellten Kundenprofil entspricht. „Am Anfang war das schon ein bisschen holprig, aber allmählich setzen sich Einsicht und Verständnis durch“, sagt Danielle Goedert. Auch laut ABBL ist nicht jeder Bankkunde mit dem immensen Aufwand zufrieden. „Derjenige Anleger, der bisher gewohnt war zu sagen, was die Bank machen soll, muss sich auf die neuen Regeln einstellen. Das ist nicht immer im Sinne aller Beteiligten.“

Nachteile für Kleinanleger

Neben den oftmals eher atmosphärischen Störungen hat die Mifid-Richtlinie aber auch einen ganz konkreten Nachteil: Will beispielsweise ein Kleinanleger nur eine vergleichsweise geringe Summe investieren, steht für manches Geldinstitut der Beratungs- und Zeitaufwand in keinem Verhältnis. „Damit besteht das Risiko, dass Geldinstitute ihre Beratungsleistungen nur noch vermögenden Kunden anbieten, und das war sicherlich nicht so vom Gesetzgeber beabsichtigt“, bedauert Danielle Goedert.

Auch wenn Mifid II bereits seit dem 3. Januar 2018 in Kraft ist: Die praktische Umsetzung der Prozesse und Verfahren wird nach wie vor verfeinert, um alles in Einklang mit den Erwartungen der Kunden und der Banken zu bringen“, sagt Gilles Walers. Hinzu kommt, „dass wir noch auf eine Reihe von Texten von der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA warten“. Diese soll etwa Erklärungen liefern, wie die nationalen Besonderheiten in der Praxis umzusetzen sind. „Wir brauchen ein Rundschreiben, das die luxemburgischen Besonderheiten berücksichtigt“, so der ABBL-Experte.

Während in Deutschland einige Finanzinstitute bereits auf eine Reform von Mifid II drängen, sieht die ABBL keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. „Es gibt zwar Punkte, die verbesserungswürdig sind, etwa die Informationspflicht. Auf der anderen Seite würden kurzfristige Änderungen nicht dazu beitragen, dass sich die Anleger wohler fühlen. Es muss jetzt erst mal darum gehen, eine gewisse Ruhe in den Markt zu bekommen“.

Eine erste grundlegende Neuregelung gibt es dennoch bereits: Mifid II wurde jüngst auch auf nachhaltige Finanzprodukte ausgedehnt. „Wir begrüßen natürlich diesen Schritt, bedauern aber, dass die Banken nun Formulare und Prozesse mit enormem Aufwand neu überarbeiten müssen“ stellt Gilles Walers fest.


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