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Das Telefonieren stirbt aus
Blick im Berliner Museum für Kommunikation auf ein Telefon mit Wählscheibe.

Das Telefonieren stirbt aus

Foto: dpa
Blick im Berliner Museum für Kommunikation auf ein Telefon mit Wählscheibe.
Wirtschaft 4 Min. 12.01.2019

Das Telefonieren stirbt aus

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Im Zeitalter von WhatsApp und Sprachnachrichten werden Anrufe zum Störfaktor

Wenige Gegenstände erzählen so viel darüber, wie sich der Alltag verändert hat, wie Telefone. Doch die nützlichen Fernsprecher sind auf dem Rückzug. Vom Festnetz ruft nur noch Mutti an, die Nichte schreibt per WhatsApp. Stirbt das Telefonieren aus?

Im Berliner Museum für Kommunikation haben sie einen Spitznamen: die „grauen Mäuse“. Viele Besucher bleiben vor den Telefonen mit den Wählscheiben stehen. Die älteren werden da nostalgisch. Kinder fragen: Wie geht das? Und was ist das für eine komische Scheibe?

Die grauen Telefone gehörten auch in Luxemburg zu den 70er Jahren wie Staatsminister Pierre Werner und die Citroën 2CV. In großmütterlichen Haushalten bekamen sie eine Brokathülle verpasst. Auf der Wählscheibe standen ordentlich notiert die Nummern von Notruf und Feuerwehr. Was ein „Display“ ist, wusste noch kein Mensch. Es waren die Zeiten, als man noch nicht sehen konnte, wer anruft. Kinder lernten, sich mit Vor- und Nachnamen zu melden. Ein einfaches „Hallo“ war undenkbar. Hatte man es nicht rechtzeitig zum Telefon geschafft, musste man warten, bis sich der Anrufer wieder meldete: Chance verpasst!

Immer weniger Telefonzellen

Wenige Gegenstände erzählen so viel darüber, wie sich der Alltag verändert hat, wie Telefone. Heute sieht das graue Modell vorsintflutlich aus – ein Relikt aus einer anderen Zeit. Mit dem Zeitalter der Handys wurde vieles anders. Telefonzellen verschwanden: Waren es in Luxemburg 2013 noch 621, so sind es mittlerweile nur noch um die 400. Nicht nur ihre Zahl nimmt ab, sondern auch die Nutzungsdauer zeigt nach unten. 2013 lag die durchschnittliche Redezeit in einer Kabine bei rund 6,7 Stunden.

Auch die Zahl der Festnetzanschlüsse sinkt, wenn auch nur um durchschnittlich 0,3 Prozent im Jahr. Zählte die Post 125.100 PSTN-Anschlüsse und 147.500 Telefonanschlüsse über Breitband.

Daheim klingelt es weniger

Daheim klingelt es also immer weniger. Auch bei den Gesprächsminuten gehen die Kurven nach unten, besonders beim Festnetz, aber auch beim Mobilfunk. „Die Telefonkultur verschwindet“, schrieb das US-Magazin „The Atlantic“. Der Befund: Keiner nimmt noch ab, wenn es klingelt.

In der Fernsehserie „Das Pubertier“ erschrickt die Teenager-Tochter, als auf einmal ein Junge auf dem Handy anruft. Sie nimmt lieber erstmal nicht ab. Telefonieren, das ist für manche in Zeiten von WhatsApp, SMS und Mail zu etwas Intimem geworden. Eine Kolumnistin des Magazins „Edition F“ mag es lieber schriftlich: „Ein Anruf kommt mir oft vor wie ein Überfall aus dem Hinterhalt. Man weiß nie, wobei man den anderen gerade stört.“

Telefonzellen werden seltener: Waren es 2013 in Luxemburg noch insgesamt 621, so sind es mittlerweile nur noch um die 400.
Telefonzellen werden seltener: Waren es 2013 in Luxemburg noch insgesamt 621, so sind es mittlerweile nur noch um die 400.
Foto: Pierre Matgé

Ist jetzt wirklich Funkstille? Ruft nur noch Mutti an? Ganz so drastisch ist es nicht, viele nutzen auch Internetdienste wie WhatsApp zum Telefonieren. Für 2017 besagt der Bericht der Kontrollbehörde ILR, dass über Festnetz 602 Millionen Minuten im Jahr gesprochen wurde. Das ist weniger als vor ein paar Jahren, aber deutlich mehr als noch 1997. Klarer Favorit ist das Mobiltelefon. 1.175 Millionen Minuten ausgehende Gespräche wurden 2017 registriert.

Es ist also nicht so, dass gar nicht mehr telefoniert wird. Es passiert eher auf anderen Drähten als früher. „Das würde ich so unterschreiben“, sagt der Studienautor Torsten Gerpott von der Universität Duisburg-Essen. „Dass wir gar nicht miteinander reden, zeigen die Statistiken nicht.“ Denn: Die Textnachricht passt nicht für jede Lage. „Immer wenn es auf den Kontext und auf Zwischentöne ankommt, werden wir auch weiter das klassische Gespräch nutzen.“

Alles Mögliche wird zum Telefon

Klar ist: Die Jüngeren kommunizieren anders als die Älteren. „Ich schreib' dir noch mal“, sagt die Nichte – und meint damit die Textnachricht über WhatsApp. Torsten Gerpott kennt das von seinen vier Kindern. Die melden sich beim Papa fast nur über WhatsApp. „Dass mich einer anruft, kommt am Geburtstag vor.“

Beliebt sind bei den Nutzern von Messenger-Diensten wie WhatsApp auch die Sprachnachrichten. Laut einer Studie des deutschen Digitalverbandes Bitkom verschickt mehr als die Hälfte diese gesprochenen Botschaften – bei den Jüngeren zwischen 14 und 29 Jahren sind es demnach sogar rund drei Viertel. Auf der Straße sieht das fast so aus, als würden die Leute in ihr Handy beißen, wenn sie Nachrichten aufnehmen. Ein typisches Bild für den Telefon-Alltag im Jahr 2019.

Besonders Jugendliche telefonieren weniger als früher. Sie texten, verschicken Emojis und Sprachnachrichten.
Besonders Jugendliche telefonieren weniger als früher. Sie texten, verschicken Emojis und Sprachnachrichten.
Foto: AFP

Und wie sieht die Zukunft aus? Bald könnte alles Mögliche zum Telefon werden – Brille, Kopfhörer, Kleidung. Wichtig ist die Sprache, siehe die Lautsprechersysteme, mit denen man reden kann. Generell gehen die Anbieter davon aus, dass Kommunikation immer wichtig bleiben wird, denn sie ist ein menschliches Urbedürfnis. Nur die Art der technischen Unterstützung werde sich ändern. Das Smartphone werden wir wohl bald im Museum bewundern können.

Noch gibt es das Telefon als nützliche Informationsquelle. Wer kein Smartphone mit WLAN-Verbindung sein eigenen nennt, über kein Tablet und kein Notebook verfügt, der kann bei Post Infotel anrufen, um zu erfahren, wer im Sport gewonnen hat, wie das Wetter draußen ist, oder bei welcher Zahlenfolge der Hauptgewinn beim Lotto winkt.