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„Das schönste Geschenk der Welt“
Wirtschaft 1 4 Min. 09.03.2018 Aus unserem online-Archiv

„Das schönste Geschenk der Welt“

Wirtschaft 1 4 Min. 09.03.2018 Aus unserem online-Archiv

„Das schönste Geschenk der Welt“

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Friseur Jean-Marie Ferber muss sich nicht um eine Nachfolge sorgen – dank seiner Kinder. Laura und Lionel wollen das Familienunternehmen weiterführen.

(ndp) - "Es war eigentlich nie mein Traum, in das Familienunternehmen einzusteigen. Es war ein langer Selbstfindungsprozess“, sagt Laura Ferber, die in die Fußstapfen ihres Vaters getreten ist. „Klar habe ich als Jugendliche hier mein Taschengeld verdient, aber als junge Frau hatte ich keine konkrete Vorstellung, welchen Beruf ich später ausüben würde“, sagt die heute 31-jährige Unternehmerin.

Danielle und Jean-Marie Ferber übergeben das Zepter an Sohn Lionel und Tochter Laura (v.l.n.r.).
Danielle und Jean-Marie Ferber übergeben das Zepter an Sohn Lionel und Tochter Laura (v.l.n.r.).
Foto: Gerry Huberty

Nach ihrem Management-Studium in Paris wollte sie draußen möglichst viel Erfahrungen und Ideen sammeln. „Ich hatte das Glück, sechs Monate bei l'Oréal in Brüssel zu arbeiten und zu sehen, wie dort alles funktioniert. Dort habe ich gemerkt, dass ich nicht viel bewirken und entscheiden kann. Darum hat es mich dann gereizt, in unseren Familienbetrieb einzusteigen, wo ich die Prozesse von A bis Z verfolgen und Einfluss nehmen kann.“

Laura beteiligt sich 2015 am Programm der Banque de Luxembourg für junge Mitglieder von Familienunternehmen, die an eine Übernahme denken. Es gibt monatliche Treffen mit anderen jungen Leuten in der gleichen Situation, Erklärungen von Experten, Tipps und Austausch. „Dies hat mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass die Beschäftigung im eigenen Familienbetrieb der richtige Weg für mich ist“, sagt sie.

Seit fünf Jahren arbeitet Laura nun im elterlichen Unternehmen. Weil sie 2010 einen Hirnschlag erlitt, der ihr nicht möglich macht feine Arbeiten durchzuführen, muss sie auf die Meisterprüfung verzichten, erklärt die Inhaberin, die sich gerne um Zahlen, Daten und Analysen kümmert und nun jede Menge Verpflichtungen hat. Das 1928 gegründete Unternehmen mit Sitz in Bascharage beschäftigt immerhin 160 Mitarbeiter und betreibt hierzulande 13 Salons sowie ein eigenes Weiterbildungszentrum. Kein kleiner Betrieb.

Lionel übernimmt mehr Aufgaben

Ihr Bruder Lionel stößt zwei Jahre später hinzu. Während sich Vater Jean-Marie Stück für Stück zurückzieht, übernimmt der Junior immer mehr Aufgaben aus dem operativen Geschäft. Er leitet heute die Personalabteilung, den Marketingbereich und kümmert sich um die Auszubildenden. „Obwohl ich sozusagen in den Lockenwicklern geboren bin, ist auch mir die Entscheidung nicht leicht gefallen, den elterlichen Betrieb zu übernehmen.“ Als Teenager war es für ihn zunächst undenkbar, in die Fußstapfen seiner Eltern und Großeltern zu treten. „Unsere Eltern haben uns dabei immer die Freiheit gelassen selbst zu entscheiden, welchen Beruf wir auswählen”.

Nach dem Abitur schlägt er zunächst den eigenen Weg ein, studiert Medienmanagement in Köln, arbeitet aber zwischendurch wieder im Familienunternehmen. Nach dem Studium zieht es Lionel dann doch zurück zu seinen Wurzeln und beginnt eine Meisterprüfung. Das sei wichtig, um das Geschäft von der Pike aus zu lernen und von den Mitarbeitern respektiert zu werden – „das hat unser Vater schon immer gesagt!“.

Ja, der Vater. Jean-Marie Ferber kennt die Branche wie kaum ein anderer – er hat Präsenz und Charisma. Ihn nachzuahmen, käme den Geschwistern nicht in den Sinn. Von ihm zu lernen, sehr wohl. „Dass wir von seiner Erfahrung profitieren können ist für uns ein Riesenvorteil“, sagt Lionel. Doch die Geschwister wollen auch ihren eigenen Weg gehen, innovativ sein. „Wir wollen etwa die Arbeitsprozesse optimieren“, sagt der Junior. „Das Engagement der Mitarbeiter, ihr Wohlbefinden bei der Arbeit liegt uns sehr am Herzen. Wir wollen für jeden ein offenes Ohr haben. Das stärkt auch bei allen Mitarbeitern das persönliche Verantwortungsbewusstsein“, ergänzt seine Schwester. Beide haben sich klare Wachstumsziele gesetzt – von riesigen Sprüngen träumen sie dabei nicht, vielmehr von einer stetigen Entwicklung.  

Vertrauen aufbauen

Laura und Lionel haben sich selbst nichts geschenkt. Ihnen sei von Anfang an klar gewesen, dass sie als Unternehmerkinder mit dem Vorurteil „Die setzen sich ins gemachte Nest“ klarkommen müssen. „Jeder von uns muss 150 Prozent geben“, so Lionel. Er erinnert sich an die ersten Gespräche mit den Mitarbeitern in Anwesenheit des Vaters. „Wenn er einen Raum betritt, zieht er alle Blicke auf sich. Man hört auf ihn. Er wird respektiert und diese Anerkennung muss ich mir hart verdienen.“


24.1.2018 Luxembourg, Ellange, zone d'activités, entreprise Grosbusch, Lynn et Goy Grosbusch übernehmen die Firma,  photo Anouk Antony
„Unsere Werte hochhalten“
Generationswechsel im Familienbetrieb: Bei Grosbusch in Ellingen übernehmen Lynn und Goy nächstes Jahr das Ruder. Beide arbeiten seit fünf Jahren im Familienunternehmen.

Der Junior muss sich Gehör verschaffen, sich einmischen. In den beiden letzten Jahren war ihm wichtig, das Vertrauen der Mitarbeiter aufzubauen. Und er ist überzeugt, dass das ihm gelungen ist. „Ich glaube, ich genieße bei 90 Prozent der Mitarbeiter großes Vertrauen“. Dies sei auch eine wichtige Voraussetzung, um den Familienbetrieb voranzutreiben, neue Projekt zu starten. „Dann kommt der wirtschaftliche Wachstum von selbst.“

Wichtig ist auch der Rückhalt in der Familie. Relevante Entscheidungen werden zusammen gefällt, oft gemeinsam mit dem Vater. Auch Mutter Danielle ist in der Firma tätig. Auch von ihr schauen sich die Kinder viel ab, um ihre Rollen im Unternehmen zu finden. „Wir können immer offen über alles sprechen und eine eigene Meinung vertreten. Unsere Eltern lassen uns viel Raum um Projekte und Ideen selbst zu entwickeln.“ Untereinander herrsche auch bei Meinungsverschiedenheiten eine große Offenheit, sagt Lionel. Und Laura drückt es so aus: „Wenn wir nicht die gleiche Meinung haben, stimmen wir einfach ab – ein sehr demokratischer Vorgang.“

Beide haben mittlerweile ihren Platz gefunden. Den Vater freut's. Er bleibt Berater und Stütze, arbeitet noch vollzeitig im Geschäft und möchte sich aber künftig mehr zurückziehen und die Fäden in die Hände seiner Kinder legen. „Unser Geschäft ist kompliziert, man braucht viel Erfahrung, muss den gesamten Markt kennen. Wichtig ist, sich die guten Mitarbeiter auszusuchen“, sagt Jean-Marie, der die Firma 1986 von seiner Mutter Lea übernommen hat. Das Unternehmen zu verkaufen, wäre ihm schwergefallen. Dass er seinen Handwerksbetrieb an seine Kinder übergeben kann, erfüllt ihn mit Freude und sehr viel Stolz. „Es ist das schönste Geschenk der Welt“. Schließlich wird damit garantiert, dass das Familienunternehmen in vierter Generation weitergeführt wird.


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