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„Das Niveau von vorher wird die Wirtschaft nicht mehr erreichen"
Wirtschaft 5 Min. 26.03.2020

„Das Niveau von vorher wird die Wirtschaft nicht mehr erreichen"

Der Ökonom und Chef-Anlagestratege der Deutsche Bank Wealth Management Christian Nolting: „Eine zweite Infektionswelle muss verhindert werden."

„Das Niveau von vorher wird die Wirtschaft nicht mehr erreichen"

Der Ökonom und Chef-Anlagestratege der Deutsche Bank Wealth Management Christian Nolting: „Eine zweite Infektionswelle muss verhindert werden."
Foto: Deutsche Bank
Wirtschaft 5 Min. 26.03.2020

„Das Niveau von vorher wird die Wirtschaft nicht mehr erreichen"

Marco MENG
Marco MENG
Covid-19 ist auch eine Herausforderung für Anleger. Das „Luxemburger Wort“ sprach dazu mit Christian Nolting, Chef-Anlagestratege von Deutsche Bank Wealth Management.

Christian Nolting, momentan steht alles im Zeichen der Virusepidemie. Wie gehen Sie als Anlagestratege damit um? 

Wir reden jetzt natürlich viel mit unseren Kunden. Wichtig ist zu versuchen, den Markt zu beruhigen. Das heißt ganz konkret, die extrem hohe Volatilität, die wir momentan sehen, nach unten bringen mit Geldpolitik und Fiskalpolitik, wobei letztere in der aktuellen Krise wahrscheinlich mehr helfen wird. 

Dennoch bleibt die Geldpolitik notwendig, da Unternehmen in der aktuellen Phase faktisch eine Überbrückung von A nach B brauchen. Und das Dritte ist natürlich, die Verbreitung der Infektion einzudämmen. Solange wir da keine besseren Nachrichten hören, wird sich der Markt auch nicht beruhigen. Da schauen wir auch auf Italien, das als erstes europäisches Land substanzielle Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie ergriffen hatte. Ein erster Fortschritt wäre, wenn dort die Wachstumsraten der Infektionen abnehmen würde. 

Wie beeinflusst die Epidemie Ihre Anlagestrategie? 

Da alles heruntergefahren wurde, haben wir im zweiten Quartal eine Rezession. Wir gehen davon aus, dass die ersten Maßnahmen, die Wirtschaft wieder zu öffnen, im dritten Quartal und vierten Quartal in Europa erfolgen sollen. 


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Wir glauben auch, dass wir jetzt nicht die Wirtschaft zwölf bis 18 Monate lahmlegen können. Als Anleger wäre es sicher falsch, in der jetzigen Situation alles zu verkaufen und abzuwarten. Solange wir keine Besserung bei der Virusausbreitung sehen und der Markt weiter volatil bleiben wird, muss man bei Gelegenheit auch entsprechend zukaufen. Sie haben die Geldpolitik angesprochen. 

Die Zentralbanken haben die letzten Krisen mit massiver Liquidität bekämpft. Wird das auch bei der jetzigen so funktionieren, oder ist die Luft raus? 

Es ist wichtig, dass dem Markt Liquidität bereitgestellt wird, damit der Finanzmarkt nicht austrocknet und nicht mehr funktioniert. Im Gegensatz zur Finanzkrise ist jetzt aber Steuerpolitik wichtiger als Geldpolitik, damit der Einbruch der Wirtschaft überbrückt werden kann. 

Man bietet Unternehmen, um die Krise zu überstehen, günstige Kredite, und auch die Staaten müssen tief in die Tasche greifen: Haben wir jetzt bald einen noch gigantischeren Schuldenberg? 

Betrachtet man Schuldenquoten, so muss man das immer auch im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt tun. Das Problem jetzt ist, dass die Schulden massiv ansteigen und das Bruttoinlandsprodukt erst einmal sinkt. 

Die Frage ist natürlich, wo das längerfristig hinführt. Allerdings kann man davon ausgehen, dass auch die Zinsen länger niedrig bleiben werden. Alles hängt davon ab, wie lange der Shutdown der Wirtschaft dauert. 

Anscheinend ist die chinesische Wirtschaft gerade dabei, sich zu erholen. Wie glaubwürdig ist das? 

Es scheint so zu sein, denn wir sprechen ja auch mit Kollegen, die in China sind. Das ist mit Sicherheit ein positives Zeichen und ein Szenario, das wir uns für Europa und den Rest der Welt wünschen. 

Worauf jetzt aber geachtet werden muss, ist, dass nicht zu früh alle Maßnahmen zur Eindämmung des Virus gelockert und eine zweite Infektionswelle ausgelöst wird. 

Eine zweite Infektionswelle muss unbedingt verhindert werden.

Hätte man in China zu schnell gelockert und es käme zu einer zweiten Infektionswelle, gäbe es ohne Zweifel eine schwere Rezession. Wie würden Sie damit umgehen? 

Erst einmal muss versucht werden, eine zweite Epidemiewelle unbedingt zu verhindern. Darum öffnet man in China ja auch nicht alles mit einem Mal, sondern ist sich der Gefahr durchaus bewusst. Wir sind schon jetzt in einer Rezession, und alles hängt davon ab, wie lange die Rezession dauern und wie die Aussichten im dritten und vierten Quartal sein werden. 

Käme tatsächlich eine zweite Welle oder dauert die Infektionskrise länger an – und bis es einen Impfstoff gibt, kann tatsächlich dauern –, dann wäre es sinnvoll, die Wirtschaft vorsichtig wieder zu öffnen. Ich bin kein Mediziner. Aber sinnvoll wäre, solange es keinen Impfstoff gibt, dass wenigstens die entsprechenden Medikamente zur Stabilisierung der Lunge ausreichend vorhanden wären. 

Sagen wir, in einem Monat wäre das Schlimmste überstanden, die Ansteckungsraten gehen zurück: Wann hat sich die Wirtschaft von dem Schock erholt? 

Ich glaube nicht, leider, dass in einem Monat alles vorbei ist. Auch weil man ja dem Risiko einer zweiten Epidemiewelle vorbeugen muss. Die Wirtschaft ist von einem recht hohen Wachstumstempo eingebrochen, und wenn es jetzt wieder einen Aufwärtstrend gibt, so werden wir gewiss nicht wieder auf einem Niveau sein wie dem, das wir vorher hatten. 

Bei anderen Krisen konnte man zumindest „Schuldige“ ausmachen. Nicht bei dieser. Aber was könnte man dennoch tun, um so eine Krise in Zukunft zu verhindern? 

Natürlich stellen sich Fragen, die wir im Nachgang behandeln müssen. Zum Beispiel, wie gestaltet man die Gesundheitssysteme. Ich glaube deswegen, dass massive Investitionen ins Gesundheitssystem erfolgen, denn offensichtlich mangelt es an medizinischen Geräten wie zum Beispiel Beatmungsgeräten. 


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Ich kann mir auch vorstellen, dass wir so eine Art Eingreiftruppe für die Behandlung solcher Epidemien entwickeln müssen und definiert wird, wie bestimmte Dinge hochgefahren werden können und wer daran mitarbeitet. 

Haben Sie als Deutsche Bank Wealth Management Instrumente, um mit Kursschwankungen wie jetzt umzugehen? 

Ein disziplinierter Investmentprozess ist extrem wichtig, das sieht man gerade jetzt wieder. Wir planen daher, ab nächstem Monat Fonds aufzulegen, die unsere strategische Asset Allocation (SAA) abbilden. 

Wie ich schon sagte, wer jetzt kapituliert und alles verkauft, wird es schwer haben, wieder in den Markt hereinzukommen. Kunden in Luxemburg, Deutschland und der Schweiz erhalten Zugang zum strategischen Asset-Allocation-Prozess; dabei wird es verschiedene Risikoklassen geben. Risikoreichere mit einem höheren Aktienanteil und andere Risikoklassen mit einem geringeren Aktienanteil und entsprechend mehr Rentenpapiere. 

Wir haben für Phasen, die schwer vorhersehbar sind, darüber hinaus als Absicherung gegen fallende Aktienmärkte auch ein Modell, das wir Risk Return Engineering nennen und das Euro-Anlegern bei SAA-Mandaten zur Verfügung steht. Zugute kommt uns da jetzt, dass wir nicht auf dem Höchststand der Märkte damit anfangen, sondern zu einem Zeitpunkt, wo sie niedrig stehen.

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