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Corona-Virus: Die Angst der Kleinen
Wirtschaft 4 Min. 17.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona-Virus: Die Angst der Kleinen

Vor seinem Friseurladen im Auchan Gasperich: Unternehmer Claude warnt vor katastrophalen Folgen für den Mittelstand

Corona-Virus: Die Angst der Kleinen

Vor seinem Friseurladen im Auchan Gasperich: Unternehmer Claude warnt vor katastrophalen Folgen für den Mittelstand
Foto: Guy Wolff
Wirtschaft 4 Min. 17.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona-Virus: Die Angst der Kleinen

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Vor allem für Betriebe mit wenigen Mitarbeitern geht es wegen fehlender Liquidität ums Überleben.

Börsencrash, drohender Produktionsstopp in der Automobilindustrie, internationale Airlines am Boden: Während die Schlagzeilen vor allem von den Großen und deren Kampf mit den Corona-Folgen beherrscht werden, kämpfen Abertausende kleinere Betriebe unmittelbar und meist unbemerkt ums Überleben. Zum Beispiel Claude Hausser, Friseurmeister, seit 37 Jahren selbständig: "Anders als mancher Großunternehmer gehen wir nicht einmal pro Woche mit dem Bankier essen, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und haben prompt wieder Geld in der Kasse ..."

Ich habe laufende Kosten und muss meine Leute bezahlen. In Luxemburg machen die Personalkosten 60 Prozent des Umsatzes aus.

Claude Hausser

Claude Hausser hat in den vergangenen Jahrzehnten viel aufgebaut: zwei Friseursalons in Luxemburg, zwei im belgischen Messancy, 25 Läden in Frankreich. Und als ob die Situation nicht schon kompliziert genug wäre, machen Hausser derzeit unterschiedliche Regelungen dem Friseurmeister das Leben schwer. Während im Großherzogtum und in Frankreich die Salontüren abgeschlossen bleiben müssen, dürfen Friseure in Belgien von montags bis freitags arbeiten: "Das ist eine verkehrte Welt! Ich werde meine Läden in Messancy trotzdem schließen, ich will meine Mitarbeiter nicht länger gefährden."

Claude Hausser
Claude Hausser
Foto: Guy Wolff

Neben Sorgen um die Gesundheit bedrohen den Unternehmer aber vor allem mögliche finanzielle Engpässe. "Ich habe laufende Kosten und muss meine Leute bezahlen. In Luxemburg machen die Personalkosten 60 Prozent des Umsatzes aus", sagt Claude Hausser und beklagt den bürokratischen Hürdenlauf beim Kurzarbeitergeld. "Jeder einzelne Arbeitnehmer muss seinen Antrag auf Kurzarbeit unterschreiben. Das ist ein großer administrativer Aufwand, allein in Luxemburg beschäftigen wir 23 Menschen."

Zudem gilt die Kurzarbeiterregelung erst seit Montag, dem 16. März, also seit der Schließung der Geschäfte: "Die schwierige Zeit davor wird nicht berücksichtigt."

Ein Hilfepaket muss her

Auch in Frankreich stehen alle unter massivem Druck: „Drei Buchhalter sind damit beschäftigt, die Anträge für unsere 120 Mitarbeiter auf den dafür eingerichteten Internetplattformen der Regierung auszufüllen.“ 

Und selbst das scheitert: Die Plattformen brechen wegen Überlastung zusammen, Claude Hausser und vielen anderen Unternehmern bleibt nur eine Mitteilung der Regierung, "in der man sich dafür entschuldigt."

Neben der Finanzierung von Kurzarbeit fordert Claude Hausser noch weitere Lösungen – etwa "ein Soforthilfepaket, das vor allem Klein- und Mittelbetriebe in solchen Situationen unterstützt". Ziel muss es sein, die Geschäftsleute während 45 Tagen gegen vorübergehende Liquiditätsengpässe zu schützen, damit sie zusammen mit ihren Beschäftigten nach der Krise unmittelbar wieder durchstarten können. "Wenn wir diese Hilfe nicht bekommen, wird es in Luxemburg so viele Pleiten geben wie noch nie. Alle Geschäfte sind geschlossen und jeder weiß, dass das nicht nur zwei Wochen dauern wird." 


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Die Möglichkeit, auf die Bürgschaft der Handelskammer im Falle eines Bankkredites zurückzugreifen, sieht er mit einer gewissen Skepsis. "Die meisten kleinen Geschäftsleute haben keine prallen Bilanzen vorzuweisen. Wer glaubt denn, dass die Banken in diesen Fällen schnell genügend Geld leihen wird?" Natürlich wird auch Claude Hausser zu seiner Bank gehen, aber: "Ich mache mir keine Illusionen. Banken sind auch nur Händler, die nur Geld verleihen, wenn sie es auch mit Sicherheit wieder zurückbekommen."

"Wir sind überfordert"

Für Laetitia Dallo, Inhaberin des Friseursalons "Vendôme Coiffure" in Esch/Alzette, ist die Gesundheit der Mitarbeiter und Familien wichtiger als alles andere: "Die Schließung der Geschäfte ist sicherlich die bestmögliche Lösung." 

Dennoch beklagt auch sie den Mangel an Informationen, was die Zukunft ihrer fünf Mitarbeiter und ihres Geschäftes an sich betrifft. "Unser Buchhalter ist dabei, die Anträge für die Kurzarbeit auszufüllen. Wir sind überfordert und haben nicht alle nötigen Informationen. Wir müssen bei der Gesundheitskasse Dokumente beantragen und dann drei Tage auf die Post warten, in der Hoffnung, dass diese dann auch ihre Arbeit macht. Vor allem Kleinigkeiten machen uns große Sorgen." 

Für Laetitia Dallo geht es um alles: "Ehrlich gesagt, ich bin derzeit komplett verloren. Ich habe bereits Angst um meine Gesundheit und davor, den Laden nicht weiterführen zu können."

Wir sind in Luxemburg sehr stolz auf unser Triple-A-Rating, dann hoffe ich, dass wir in Luxemburg die nötigen Mittel haben werden, um wieder auf die Beine zu kommen.

Alexa Ballmann

 "Existenzbedrohend" 

Auch Alexa Ballmann, Betreiberin von zwei Schönheitsinstituten in Niederanven und Oetrange, mit insgesamt zehn Mitarbeitern, hat Kundentermine kurzfristig absagen und Kurzarbeit anfragen müssen. "Für mittelständische Unternehmen ist die Lage natürlich dramatisch. Die Einnahmen brechen komplett weg, während die Kosten für Miete, Kredite, teilweise auch Löhne, Versicherungen und weitere monatliche Kosten weiterlaufen." 

Alexa Ballmann: "Die Lage ist dramatisch."
Alexa Ballmann: "Die Lage ist dramatisch."
Foto: Chris Karaba

Diese Situation sei für sehr viele Unternehmen potenziell existenzbedrohend. "Die wenigsten haben die Rücklagen, um sich monatelang über Wasser zu halten. Wenn man weiß, dass über 90 Prozent der Arbeitsplätze von mittelständischen Unternehmen bereitgestellt werden, kann man sich das Ausmaß des Problems vorstellen", kommentiert die Unternehmerin. Sie hofft nun, dass die Regierung die nötige Unterstützung bringt, damit "die Unternehmen noch da sind, wenn die Mitarbeiter zurückkommen".

Was die Regierung betrifft, ist sie der Meinung, dass man zu außergewöhnlichen Mitteln greifen muss, um die Folgen dieser Krise in den Griff zu bekommen. "Es muss von der Regierung eine direkte Finanzhilfe für die Unternehmen her, ansonsten ist das Problem aufgeschoben und nicht aufgehoben." Und: "Wir sind in Luxemburg sehr stolz auf unser Triple-A-Rating, dann hoffe ich, dass wir in Luxemburg die nötigen Mittel haben werden, um wieder auf die Beine zu kommen."

Wichtig ist Ihr zu betonen, dass man die lokalen Geschäfte in dieser schwierigen Phase unterstützt, indem man etwa auf die Online-Shops zurückgreift. Sie setze auf Verständnis und Geduld bei allen Kunden, denn: „Wir kämpfen um unsere wirtschaftliche Zukunft.“  


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