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Corona-Krise und Finanzkrise: Eine Art Déjà-vu
Wirtschaft 7 Min. 11.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona-Krise und Finanzkrise: Eine Art Déjà-vu

2008 - 2020: "Wirtschaftlich gibt es viele Parallelen", sagt der Präsident der Chambre de Commerce, Luc Frieden.

Corona-Krise und Finanzkrise: Eine Art Déjà-vu

2008 - 2020: "Wirtschaftlich gibt es viele Parallelen", sagt der Präsident der Chambre de Commerce, Luc Frieden.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 7 Min. 11.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Corona-Krise und Finanzkrise: Eine Art Déjà-vu

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Die Corona-Pandemie legt das öffentliche Leben lahm und trifft die Wirtschaft mit voller Wucht. Ist die Krise verheerender als der Einbruch 2008/2009? Handelskammer-Präsident Luc Frieden sieht Parallelen und Unterschiede.

Das Virus gab es auch schon 2008, wenn auch nur als Sinnbild, um die Ausbreitung der Finanz- und Bankenkrise zu verdeutlichen. Luc Frieden, Präsident der Chambre de Commerce, war damals einer der führenden Akteure im Kampf gegen den Kollaps des Finanzsystems.

Luc Frieden, als Finanzminister haben Sie 2008 die Finanzkrise hautnah miterlebt. Erinnert Sie die aktuelle Krise an damals, so wie eine Art Déjà-vu?

Ja, sehr. Der Hauptunterschied liegt natürlich in dieser Krise bei den vielen Toten und Kranken. Aber wirtschaftlich gibt es viele Parallelen. Wir vergessen schnell wie dramatisch die Lage damals war. Die Menschen riskierten alles zu verlieren, ihre Ersparnisse, ihren Job. Damals wie heute gab es eine plötzlich auftauchende internationale Krise, die Europa und Luxemburg sehr stark betraf. Beide Krisen erforderten ein schnelles Eingreifen des Staates mit enorm hohen Finanzmitteln. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers und anderen Finanzinstituten führte zur größten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. 

15.September 2008, USA, New York: Ein Mitarbeiter betritt die Zentrale der US-Investmentbank Lehman Brothers.
15.September 2008, USA, New York: Ein Mitarbeiter betritt die Zentrale der US-Investmentbank Lehman Brothers.
Foto: dpa

Es ist lehrreich, sich die Meldungen von damals anzuschauen. Für viele war es das Ende unseres Wirtschaftsmodells. Aber wir haben es geschafft, eine wirtschaftliche und soziale Katastrophe zu verhindern. Und das sollte uns auch heute Hoffnung machen.

Welche Lektionen wurden bei der Aufarbeitung der Finanzkrise – und später der Eurokrise – gelernt, die heute helfen können?

Zum ersten, dass der Staat schnell und kräftig als Notstütze eingreifen muss. Zum zweiten, dass es in solchen Situationen eine nationale Einheit um die politisch Verantwortlichen geben muss, sowie eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaftsvertretern. Zum dritten, dass die europäische Koordination schnell und effizient sein muss. Das hat bei der Finanzkrise und der dramatischen Eurokrise trotz größter Schwierigkeiten funktioniert. Zum vierten braucht man gesunde Staatsfinanzen um zügig eingreifen zu können. Und schließlich, dass solch eine Krise hohe Nachfolgekosten hat.

Treffen der EU-Finanzminister am 21. Juni 2012 in Luxemburg, es geht um Rettungspläne für Spanien und für Griechenland: Die damalige IWF-Direktorin Christine Lagarde diskutiert mit Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker (r.) und Finanzminister Luc Frieden.
Treffen der EU-Finanzminister am 21. Juni 2012 in Luxemburg, es geht um Rettungspläne für Spanien und für Griechenland: Die damalige IWF-Direktorin Christine Lagarde diskutiert mit Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker (r.) und Finanzminister Luc Frieden.
Foto: LW-Archiv

Mehrere große Länder der Eurozone sind hoch verschuldet. Sie haben ihre Staatsfinanzen nicht saniert, als dafür in den paar letzten Jahren Zeit gewesen wäre. Jetzt fehlen die Mittel, um ihrer Wirtschaft erfolgreich unter die Arme zu greifen. In dieser Hinsicht hat die Eurozone, zumindest einige ihrer Mitglieder, die Lektion aus der Finanz- und Eurokrise – „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ – nicht gelernt?

Es ist dramatisch, dass viele Länder zu hohe Schulden haben. Sieben Länder der Eurozone haben eine Verschuldung von nahezu oder mehr als 100 Prozent ihres BIP! Es ist klar, dass einige dieser Länder Schwierigkeiten haben sich zusätzlich zu verschulden oder ihre Schulden zurückzuzahlen.


Corona-Visus - Einkaufen - Atemschutz -  Masken - Foto: Pierre Matgé/Luxemburger Wort
Covid-19-Stabilisierungsplan: Neun Milliarden Euro gegen den Kollaps
Hälfte des jährlichen Staatsbudgets: Luxemburgs Regierung will mit einem Hilfspaket in nie gekanntem Ausmaß die Wirtschaft vor dem Absturz schützen.

Mit der europäischen Solidarität scheint es nicht weit her zu sein. Grenzen werden geschlossen, jedes Land führt seinen eigenen Kampf gegen das Corona-Virus. Auch die Finanzminister konnten sich nur nach zähen Verhandlungen über Hilfen für schwächere Länder einigen. Wie stehen Sie zu der Idee einer gemeinsamen Schuldenaufnahme in der EU über Gemeinschaftsanleihen, den sogenannten Corona-Bonds?

Natürlich braucht es jetzt Solidarität mit stark betroffenen Ländern wie Italien und Spanien, weil diese Krise nicht von diesen Ländern verursacht wurde. Ich bin nicht begeistert von gemeinsamen Anleihen, solange ich nicht weiß, wie wir das Problem der Überschuldung einiger Länder lösen. Ich glaube ein guter Mix aus Direkthilfen an einige Länder, gekoppelt mit Hilfen aus dem Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM, machen eher Sinn.

Ich bin nicht begeistert von gemeinsamen Anleihen, solange ich nicht weiß, wie wir das Problem der Überschuldung einiger Länder lösen

Wie sehen Sie die Eurozone nach dieser Pandemie-Krise? Droht Italien zum Problemfall zu werden, der alle mit in den Abgrund zieht?

Nein, das glaube ich nicht, aber wir werden einigen Ländern helfen müssen. Und wir müssen endlich die Eurozone föderaler gestalten, das heißt große wirtschaftliche Entscheidungen in den Mitgliedstaaten müssen europäisch abgesegnet werden. Wir haben in den guten wirtschaftlichen Jahren, nach 2012, den Schuldenstand in vielen Staaten nicht genügend gesenkt. Und auch so manche Strukturreformen wurden unterlassen. Das schadet uns jetzt sehr.

"Wahrt Distanz": Hinweisschild im Hôpital Kirchberg: Anders als die von einem Virus ausgelöste aktuelle Krise hatte die Finanzkrise ihren Ursprung im weltweiten Bankennetz - und laxen Regeln.
"Wahrt Distanz": Hinweisschild im Hôpital Kirchberg: Anders als die von einem Virus ausgelöste aktuelle Krise hatte die Finanzkrise ihren Ursprung im weltweiten Bankennetz - und laxen Regeln.
Foto: Pierre Matgé

Wie stabil wird der Euro sein, nachdem diese Krise vorbei ist?

Wissen Sie, als ich in der Finanzkrise nach Brüssel zur Eurogruppe fuhr, haben Journalisten mich öfters gefragt ob der Euro die Krise überleben wird. Und ich habe diese Frage stets mit „Ja“ beantwortet, weil der Euro ein politisches Projekt ist. Es ist die Währung von Millionen Menschen im gemeinsamen Binnenmarkt. 


People stand in line to enter a grocery store in Washington, DC, on April 8, 2020. - The coronavirus pandemic is battering the world's major economies and could trigger the deepest global recession in generations, experts warned Wednesday, as rising death tolls in Europe and the US dampened hopes for a quick turnaround. (Photo by NICHOLAS KAMM / AFP)
EU-Finanzminister einigen sich auf Rettungspaket
Es war langwierig, schwierig und nervenaufreibend: Aber nun steht die gemeinsame europäische Antwort auf die Corona-Wirtschaftskrise.

2008 war der starke Staat als Retter in letzter Instanz gefragt, genau wie heute. Vor etwas mehr als zehn Jahren waren Sie an spektakulären Rettungsaktionen für zwei große Banken beteiligt. In der Stahlkrise rettete der Staat die Arbed. Sollte sich der Luxemburger Staat auch jetzt an größeren Unternehmen beteiligen, die in Schwierigkeiten geraten?

Ich sehe diese Notwendigkeit zur Zeit nicht, da es bei dieser Krise nicht um einzelne systemrelevante Unternehmen wie die Banken geht, von denen alle anderen abhängig sind, sondern um alle Wirtschaftszweige. Es werden harte Zeiten auf viele Unternehmen zukommen, weil die Weltwirtschaft kriselt. Luxemburg kann dem entgegentreten, indem es ein wirtschaftsfreundliches Umfeld schafft, das Arbeitsplätze erhalten kann. Dazu gehört, dass wir schneller bei Investitionen entscheiden, Bürokratie reduzieren und Steuern senken.

Wie bewerten Sie die wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen der Regierung?

Der Stabilisierungsplan der Regierung ist die richtige Antwort auf die Krise zum jetzigen Zeitpunkt. Natürlich darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass der größte Teil des Paketes, etwa sieben Milliarden, indirekte Hilfen sind, wie die Verschiebung von Steuerzahlungen oder Bankgarantien für Kredite. Dieses Geld muss zurückbezahlt werden. Wir müssen also die Unternehmen in die Lage versetzen, das Geld wieder zu erwirtschaften um zurückzahlen zu können. Sonst entsteht im Schneeballeffekt ein großes Problem bei den Banken und den Staatsfinanzen.

Wie sehen Sie diesen Rettungsplan im Vergleich mit 2008?

Die Rettungspakete in beiden Krisen sind sehr ähnlich, was das Gesamtvolumen angeht. In der Finanzkrise hat der Staat 7,5 Milliarden mobilisiert (18 Prozent des BIP), diesmal sind es ja bekanntlich neun Milliarden, was 14 Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht.

Jede Krise geht vorbei. Und dann? "Wir werden uns auch mehr bewusst sein, wie sehr wir international von einander abhängig sind und verletzlich gegenüber der Natur und der Gesundheit sind.", sagt Luc Frieden.
Jede Krise geht vorbei. Und dann? "Wir werden uns auch mehr bewusst sein, wie sehr wir international von einander abhängig sind und verletzlich gegenüber der Natur und der Gesundheit sind.", sagt Luc Frieden.
Foto: Guy Jallay

Kann der Luxemburger Staat sich dies leisten?

Ich glaube schon, weil wir seit der Einführung des Euro gesunde Staatsfinanzen haben. Selbst in den schwersten Krisenjahren 2008-2012 haben wir alle Defizitregeln respektieren können und unser AAA beibehalten können, was wichtig ist wenn der Staat Geld aufnehmen muss. Im Höhepunkt der Finanzkrise 2012 hatten wir lediglich ein Schuldenstand von 23 Prozent des BIP, den zweitniedrigsten in der Eurozone. Heute liegt der Schuldenstand mit etwa 12,5 Milliarden bei 21 Prozent des BIP. Wir sollten versuchen nicht über 25 Prozent hinauszugehen, weil Schulden und Defizite führen unweigerlich zu höheren Steuern.

Wann sollte die Luxemburger Wirtschaft wieder hochgefahren werden? Wie soll das geschehen?

Es ist wichtig, um größeren wirtschaftlichen und sozialen Schaden zu vermeiden, dass in den nächsten Wochen einige Bereiche stufenweise wieder arbeiten können. Ich denke an den Einzelhandel, den Bau und das Handwerk. Viele Industriebetriebe haben uns in den vergangenen Tagen gezeigt, wie man mit strengen Gesundheits- und Verhaltensregeln arbeiten kann. Aber es wird noch Monate dauern bis wir wieder normal arbeiten werden, auch wegen der sehr internationalen Dimension unserer Wirtschaft.

Die Stahlkrise in den 1970er-Jahren dauerte mitsamt ihren Auswirkungen zehn Jahre. Wie lange wird die luxemburgische und die europäische Wirtschaft brauchen, um wieder den Stand von der Zeit vor Ausbruch der Pandemie zu erreichen?

Die Stahlkrise dauerte zehn Jahre, die Finanzkrise dauerte sechs Jahre. Auch diese Krise wird sich wirtschaftlich über eine längere Zeit spürbar machen weil sie in Wellen viele Länder betreffen wird. Ich erwarte auch, dass viele Wirtschaftszweige die Krise erst in einiger Zeit spüren werden. Auch hier ist es lehrreich auf die Finanzkrise zu schauen. 2008 brach das BIP in Luxemburg um 1,3 Prozent ein, im Jahr nach der Bankenkrise waren es sogar -4,4 Prozent! Ich glaube, dass dies in der Corona-Krise ähnlich sein wird.

Welche bleibenden Veränderungen – auf wirtschaftlicher und auf gesellschaftlicher Ebene – wird diese Krise bewirken, auch nachdem sie ausgestanden ist?

Ich bin doch sehr beeindruckt wie viele Unternehmen und Menschen mit Hilfe der Technologie weiterarbeiten. Wir werden nach der Krise unsere Arbeitsmethoden zum Teil verändern mit verstärktem Einsatz von home-working und Telekonferenzen. Wir werden uns auch mehr bewusst sein, wie sehr wir international von einander abhängig sind und verletzlich gegenüber der Natur und der Gesundheit sind. Deshalb braucht es in vielen Themen verstärkt internationale Lösungen und Zusammenarbeit. 

Das Interview mit Herrn Frieden entstand, der außergewöhnlichen Situation geschuldet, per Email-Austausch und per Telefon.

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