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China: Wachstum so schwach wie seit 30 Jahren nicht
Wirtschaft 3 Min. 18.10.2019

China: Wachstum so schwach wie seit 30 Jahren nicht

Eine Fußgängerin im Pekinger Finanzviertel: Die Aussichten für Chinas Wirtschaft sind nicht rosig.

China: Wachstum so schwach wie seit 30 Jahren nicht

Eine Fußgängerin im Pekinger Finanzviertel: Die Aussichten für Chinas Wirtschaft sind nicht rosig.
Foto: Wang Zhao/AFP
Wirtschaft 3 Min. 18.10.2019

China: Wachstum so schwach wie seit 30 Jahren nicht

So langsam ist Chinas Wirtschaft seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr gewachsen. Handelskrieg, Überschuldung und Konsumzurückhaltung bremsen das Wachstum.

(dpa) - Chinas Wirtschaftswachstum ist überraschend stark auf den niedrigsten Stand seit fast drei Jahrzehnten gefallen. Im dritten Quartal legte die zweitgrößte Volkswirtschaft nur noch um 6,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu, wie das Statistikamt am Freitag in Peking mitteilte. 

Als Ursachen nannten Experten den Handelskrieg der USA mit China, die Verunsicherung von Investoren und die chinesischen Bemühungen, gegen die wachsende Verschuldung anzugehen. „Fast alle Wachstumstreiber zeigen nach unten“, sagte Liu Shengjun, Vizepräsident der China Europe Business School (CEIBS).

Das Wachstum für die drei Quartale zusammen liegt mit 6,2 Prozent jedoch noch im unteren Bereich der Zielvorgabe der Regierung für das Gesamtjahr von „6,0 bis 6,5 Prozent“. Im ersten Quartal waren 6,4 und im zweiten 6,2 Prozent erreicht worden. Experten rechneten für das dritte Quartal eigentlich mit 6,1 Prozent. Allerdings ist nicht nur in den USA und weltweit die Nachfrage nach Waren „Made in China“ stärker als erwartet zurückgegangen - auch die Binnennachfrage wird schwächer. 2018 hatte Chinas Wirtschaft noch um 6,6 Prozent zugelegt.

Das langsamere Wachstum in den USA und China durch den Handelskrieg der beiden größten Volkswirtschaften bremst die Weltwirtschaft. Der Währungsfonds (IWF) senkte diese Woche seine globale Wachstumsvorhersage für dieses Jahr zum vierten Mal in Folge auf nunmehr 3 Prozent - nach 3,2 Prozent im Juli. 


An aerial view of the Qingbaijiang Railway Port where freight trains travel between China and Europe during the 'One Belt, One Road' initiative in Chengdu city, southwest China's Sichuan province, 30 April 2019.
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Ein Wachstum von 6,0 Prozent in China ist im internationalen Vergleich viel - ebenso in absoluten Zahlen. Aber mit 1,4 Milliarden Menschen, einer großen Kluft zwischen Arm und Reich und einem großen Nachholbedarf muss China auch schnell wachsen, um ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen und seine Widersprüche zu bewältigen. „Wenn das offizielle Wachstum unter fünf Prozent fiele, wäre China in großen Schwierigkeiten“, sagt ein Wirtschaftsvertreter.

Risiken sammeln sich an

Die Aussichten sind nicht rosig. „Zusätzlich zu den Investitionen und Exporten verlangsamt sich auch der Konsum“, sagte CEIBS-Vizepräsident Liu Shengjun. Die Regierung greife nicht zu Konjunkturprogrammen, weil diese neue Probleme wie Überschuldung und Blasen schafften. Auch verpuffe die Wirkung schnell. „Der wirtschaftliche Aufschwung wird mit jedem Stimuluspaket schwächer“, sagte der Experte. „Die Wirkung nimmt mit jedem Jahr ab.“

Donald Trump und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping.
Donald Trump und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping.
Foto: AFP

Er bemängelte, dass es keinen klaren Reformkurs gebe. „Die Qualität des Wachstums hat sich nicht verbessert. Im Gegenteil, viele Risiken sammeln sich weiter an.“ Chinas Wirtschaft sei stark abhängig von Krediten. Doch eine Ausweitung der Kredite erhöhe das Risiko durch die Verschuldung, das bei den Unternehmen ohnehin schon „sehr hoch“ sei. Chinas gesamte Schuldenlast habe 305 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. „Wie die Schulden in der Zukunft zurückgezahlt werden, ist weiter eine Riesenfrage“, sagte der CEIBS-Vizepräsident. „Das Schuldenproblem ist wahrlich eine Hürde.“

Handelsstreit löst Verunsicherung

Auch kann sich der Handelskrieg noch lange hinziehen. Bisher gibt es nur eine Einigung auf eine „Phase eins“ in den Handelsgesprächen. Beide Seiten wollen bis zu dem Treffen von US-Präsident Donald Trump und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping Mitte November auf dem Asien-Pazifik-Gipfel (Apec) in Santiago de Chile eine Übereinkunft zu Papier bringen. Vieles ist noch unklar – besonders die Höhe der landwirtschaftlichen Importe Chinas aus den USA. China fordert auch eine Aufhebung aller Strafzölle, nicht nur eine Aussetzung der angedrohten neuen Sonderabgaben durch die USA.

„Der Handelsstreit löst vor allem Verunsicherung aus, was sich etwa in der Zurückhaltung privater Unternehmen bei Investitionen bemerkbar macht“, sagte Max Zenglein vom Berliner China-Institut Merics. „Stark fallende Exporte in die USA haben im dritten Quartal dazu beigetragen, dass Chinas Exporte insgesamt schrumpften.“ Der Handelskonflikt und die damit verbundene Entkopplung mit den USA werde sich zunehmend auf die chinesische Wirtschaft auswirken.


Hong Kong police (C-behind) monitor a group of protesters from the League of Social Democrats party outside the central government offices in Hong Kong on October 16, 2019, as Hong Kong's Chief Executive Carrie Lam (not pictured) tries to present her annual policy address at the Legislative Council (Legco) inside. - Hong Kong's embattled leader abandoned a State of the Union-style speech on October 16 after she was heckled by opposition lawmakers during chaotic scenes inside the city's legislature. (Photo by Ed JONES / AFP)
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Hinter der Konjunkturschwäche sieht der Merics-Experte aber „überwiegend innerchinesische Gründe“. Er verwies auf die seit 2017 anhaltenden Bestrebungen Pekings, das Kreditwachstum und die Überschuldung einzudämmen. Das chinesische Finanzsystem sei derzeit „eine große Baustelle“. Es gebe eine Vielzahl an Reformversuchen, um die Zuteilung von Kapital eher an Marktbedürfnissen auszurichten. „Auch wenn die Verschuldung zuletzt weniger stark gewachsen ist, bleiben erhebliche Risiken im Finanzsystem.“

Mit einem Wachstum von 6,0 Prozent könne die Regierung aber „noch gut leben“, da ihr Wachstumsziel für 2019 eingehalten werde, sagte der Experte. Ein stärkerer Rückgang sei allerdings „eine große Sorge“ für Peking, auch mit Blick auf den 100. Geburtstag der Kommunistischen Partei Chinas 2021. „Ein Einknicken des Wirtschaftswachstums möchte die chinesische Führung daher um jeden Preis vermeiden.“


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