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Cannabis für alle
Wirtschaft 5 Min. 14.10.2019 Aus unserem online-Archiv

Cannabis für alle

Hanfprodukte sind legal, solange der THC-Gehalt unter 0,3 Prozent liegt.

Cannabis für alle

Hanfprodukte sind legal, solange der THC-Gehalt unter 0,3 Prozent liegt.
Gerry Huberty
Wirtschaft 5 Min. 14.10.2019 Aus unserem online-Archiv

Cannabis für alle

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
In Luxemburg gewinnt die Hanfpflanze immer größere wirtschaftliche Bedeutung – und das jenseits jeder Illegalität.

Kommt das Wort Hanf ins Spiel, denken viele sofort an Haschisch und Joints, assoziieren Begriffe wie Drogenszene oder Illegalität. Tatsächlich aber zählt Hanf – lateinisch: Cannabis – zu den ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Erde und spielt eine wichtige Rolle als nachwachsender Rohstoff für Textilindustrie und Bauwirtschaft, wird ebenso als Arzneimittel und in der Nahrungsmittelindustrie verwendet. Allerdings: Jenseits der industriellen Nutzung kann aus getrockneten Blättern, Blüten und Blütenständen auch Haschisch und Marihuana als Rauschmittel hergestellt werden.

Letzteres hatte Norbert Eilenbecker in Kalborn natürlich nicht im Sinn, als er 1995 als erster Landwirt in Luxemburg damit begann, Hanfpflanzen anzubauen: "Es dauerte fast zwei Jahre, bis wir die ersten Hanfsamen ernten konnten und sind dann nach Trier gefahren, um daraus Hanföl pressen zu lassen", erinnert sich Eilenbecker. "Als wir das Speiseöl dann zum ersten Mal auf einem Markt verkauft haben, war das ein Highlight. Viele kauften unser Produkt – allerdings nur, um uns einen Gefallen zu tun", schmunzelt er.

Norbert Eilenbecker hat 1995 als erster Landwirt in Luxemburg damit begonnen, Hanfpflanzen anzubauen.
Norbert Eilenbecker hat 1995 als erster Landwirt in Luxemburg damit begonnen, Hanfpflanzen anzubauen.
Gerry Huberty

Längst verzeichnet der für die Industrie angebaute Hanf in Europa Rekorde. Die Hanffasern dienen etwa zur Herstellung von hochwertigem Papier, von Dämmstoffen für die Automobilindustrie oder für das Baugewerbe sowie für wertvolle technische Textilien. 

"Hanffasern gehören zu den stärksten Weichfasern der Pflanzenwelt", sagt André Steinmetz, der mit Landwirt Norbert Eilenbecker die Firma Cannad'our gegründet hat. "In den vergangenen Jahren haben wir unsere Produktpalette stets erweitert. Anfangs durften nur Samen und Fasern verwertet werden, erst viel später dann wurde es den Landwirten erlaubt, auch die Blüten der Hanfpflanze zu nutzen."

Zu 100 Prozent lokal

Vor neun Jahren nahm Norbert Eilenbecker dann erstmals auch CBD-Konzentrat in sein Sortiment auf. CBD – Cannabidiol – ist ein Wirkstoff, der in der Cannabispflanze enthalten ist, im Gegensatz zum THC – Tetrahydrocannabinol – allerdings keinen berauschenden Effekt hat. "Damals war in ganz Europa die Rede von THC. Für uns war das keine Frage, weil unsere Pflanze nur einen ganz geringen THC-Anteil enthält“. Derzeit hat der Landwirt auf 14 Hektar Hanf in der kleinen Ortschaft der Gemeinde Clerf angebaut: "Alles, was wir produzieren, geht direkt von unseren Feldern in unser Sortiment. Hier ist alles zu 100 Prozent lokal", verkündet Norbert stolz.

Gerry Huberty

Für die Zukunft glaubt sich der Landwirt gut aufgestellt, formuliert aber auch Bedenken. "Wir hatten in Luxemburg einen deutlichen Vorsprung, den wir allerdings leichtfertig verspielt haben."

Vor allem Kanada droht den europäischen Markt zu überschwemmen. Nachdem dort im Oktober 2018 Cannabis für Erwachsene auch als Rauschmittel komplett freigegeben hat, ist die Hanfproduktion insgesamt überproportional angewachsen – was international auch bei der industriellen Nutzung unmittelbaren Einfluss hat.

Die Pflanze benötigt keine Pflanzenschutzmittel und kann in Wasserschutzgebieten angebaut werden. Daher denke ich, dass dies eine exzellente Alternative darstellt.

Romain Schneider

 Und genau in diesem Zusammenhang sieht Norbert Eilenbecker den Vormarsch anderer Länder beim Hanfanbau mit Sorge. Es gelte nun, den innovativen Vorsprung auf diesem Gebiet nicht nur zu erhalten, sondern weiter auszubauen.

Rechtlicher Rahmen schaffen

"Der Hanfanbau ist in der Tat eine Riesenchance für die Landwirte", sagt Landwirtschaftsminister Romain Schneider und spricht von einem "kleinen, aber neuem Standbein für Luxemburg". Und weist darauf hin, dass im Regierungsprogramm der Anbau von Hanf als eine von vielen Möglichkeiten in der Diversifizierung der Landwirtschaft eine Rolle spielt. "Wir sehen jetzt bereits, dass große Nachfrage besteht", sagt Schneider. Es gelte nun, neue Nutzungsmöglichkeiten zu erschließen.

"Die Pflanze benötigt keine Pflanzenschutzmittel und kann in Wasserschutzgebieten angebaut werden. Daher denke ich, dass dies eine exzellente Alternative darstellt." Voraussetzung aber sei eine dauerhafte rechtliche Grundlage: "Ein Rahmen in Bezug auf Gesundheit und im Zusammenspiel unter anderem mit der Justiz. Auch für die Landwirtschaft muss es klare Regeln geben Mit diesen und vielen weiteren Fragen befasst sich derzeit eine Arbeitsgruppe des Ministeriums."


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CBD in der Grauzone

Aufschwung erfährt auch der Markt für nichtpsychotropes Cannabidiol (CBD), das in niedrigen Dosen beruhigende Wirkungen hat, in höherer Dosierung auch in der Medizin eingesetzt wird. Es wird aus den Blättern und Blüten des Industriehanfs gewonnen und wird auch als Nahrungsergänzungsmittel verwendet.

Bereits 35 sogenannte CBD-Geschäfte gibt es in Luxemburg. Ob Öl, Cremes oder Tee: CBD-Produkte sind legal, solange der THC-Gehalt unter 0,3 Prozent liegt. Diana Calvario, die seit einem Jahr ein CBD-Shop in Lorentzweiler betreibt, freut sich, dass es derzeit gut läuft. Aber: "Nun kommt am 1. Dezember eine große Änderung, da CBD dann unter die Tabaksteuer fällt. Ich vermute, dass viele Shops in den nächsten Monaten schließen werden." 

Laut Calvario "wurden die meisten Shops gegründet, als die Pläne der Cannabis-Legalisierung auch in Luxemburg bekannt wurden. Viele hatten die Hoffnung, irgendwann mal aus ihren Shops einen Coffeeshop nach Amsterdamer Vorbild zu machen. Aber dazu wird es nicht kommen", ist die Geschäftsfrau sicher und fügt hinzu: "Mich persönlich trifft es nicht, denn ich setze vor allem auf pflanzliche Produkte." 

Wir kennen unsere Kunden, wissen um deren Situation, wir achten auf Rückverfolgbarkeit und Qualität. Auch beim Jugendschutz können wir eine wichtige Rolle zu spielen.

Marianne Meyers

Dennoch sieht sie auch ihr Geschäftsmodell noch in einer rechtlichen Grauzone. Erst im Juni kontrollierten Polizei und Zoll auf Anordnung der Staatsanwaltschaft die Luxemburger CBD-Geschäfte: "Nach den Hausdurchsuchungen haben wir weder vom Ministerium noch von der Staatsanwaltschaft detaillierte Informationen darüber bekommen, was man nun verkaufen darf oder nicht." Bislang gibt es in Europa keine einheitlichen gesetzlichen Regelungen. Als Nahrungsergänzungsmittel wurde konzentriertes CBD im Januar 2019 als „Novel Food“ eingestuft und muss daher erst den Zulassungsprozess durchlaufen.


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Auch Luxemburgs Apotheker wollen partizipieren. „Im Gegensatz zu anderen dürfen wird derzeit noch kein CBD verkaufen", beklagt Marianne Meyers, Vertreterin des Syndicat des pharmaciens luxembourgeois. "Uns fehlen genaue Studien darüber, in welchen Fällen welche Dosis angemessen ist". Die Apotheker jedenfalls fühlen sich derzeit trotz aller Professionalität im Nachteil: "Wir kennen unsere Kunden, wissen um deren Situation, wir achten auf Rückverfolgbarkeit und Qualität. Auch beim Jugendschutz können wir eine wichtige Rolle zu spielen."


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