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Brexit: Was die Luxemburger Wirtschaft erwartet
Neue Banken und Fonds werden in Luxemburg erwartet - aber ohne eine große Anzahl von Mitarbeitern.

Brexit: Was die Luxemburger Wirtschaft erwartet

Foto: Pierre Matgé
Neue Banken und Fonds werden in Luxemburg erwartet - aber ohne eine große Anzahl von Mitarbeitern.
Wirtschaft 3 Min. 29.03.2017

Brexit: Was die Luxemburger Wirtschaft erwartet

Laurent SCHMIT
Luxemburg gilt als eines jener Länder, das vom Brexit am stärksten betroffen sein wird. Wirtschaftsverbände und Ministerien bemühen sich, möglichst viele Unternehmen anzuziehen, doch die Unsicherheiten bleiben groß.

(las) - "Der Brexit bringt Risiken aber auch Chancen für den Finanzplatz Luxemburg", meinte Finanzminister Pierre Gramegna ganz salomonisch bei seiner Haushaltsrede im Dezember. Seitdem ist man in Luxemburg nicht viel schlauer.

"Die Banken haben nicht auf Theresas May Brexit-Brief gewartet, um sich nach Alternativen umzuschauen", betont der CEO von "Luxembourg for Finance" Nicolas Mackel. "Die Finanzakteure hatten nach dem Referendum verstanden, dass sie ihren Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren würden", ergänzt er. Die Entscheidungen, wohin sie ihr Standbein in der EU verlegen, würden im ersten Trimester, spätestens jedoch vor dem Sommer erwartet, so Mackel.

Interessenten nicht nur aus dem Finanzsektor

Hintergrund ist der sogenannte "EU-Pass", den Unternehmen für verschiedene regulierte Aktivitäten benötigen, um im Binnenmarkt ihre Produkte und Dienste anbieten zu können. Konzerne können so etwa eine Niederlassung in Luxemburg eröffnen, um dieses Recht zu erhalten.

Der Fokus von Luxembourg for Finance liegt dabei nicht nur auf britischen Akteuren, sondern auch internationalen Finanzinstituten, die in der EU tätig sein wollen, betont Mackel. Doch das "Pass"-System gilt nicht nur für Finanzakteure, sondern auch für den Transport- oder den ICT- Sektor, erklärt der Generaldirektor der Handelskammer Carlo Thelen. "Wir bekommen zahlreiche Anfragen", so Thelen.

"Die große Flucht ist bisher ausgeblieben", meint Thelen. Nicolas Mackel warnt vor einem falschen Bild der kommenden Umstrukturierung: "Gerade Banken sind bereits an vielen Standorten präsent und werden sich deshalb nicht für einen einzigen entscheiden, sondern etwa ihre Fonds und Vermögensverwaltung in Luxemburg haben und ihre Investmentsparte etwa in Frankfurt", erklärt er. Die Situation sei vergleichbar mit jener der Schweizer Banken - "diese beschäftigen oft zwischen 300 und 450 Mitarbeiter in Luxemburg", betont er.

Tatsächlich haben sich bisher wenige Unternehmen für Luxemburg entscheiden. Der US-Versicherer AIG und das Investmentunternehmen M&G Investment wollen ihre Präsenz in Luxemburg auf- bzw. ausbauen. Einen Rückschlag gab es beim Versicherungsmarkt Lloyd's of London, der sich laut Presseberichten gegen Luxemburg und für Brüssel als EU-Sitz entschieden hat.

Die Banken und andere Akteure würden ihre Wahl nach 20 bis 30 Kriterien fällen, die Gewichtung von Faktoren wie Arbeitsrecht würde sich je nach Unternehmen unterscheiden. Mackel weist jedoch Vorwürfe zurück wie jener des irischen Ministers für Finanzdienstleistungen Eoghan Murphy, dass die Finanzaufsicht CSSF Interessenten günstigere Bedingungen bei der Regulierung verspreche.

Verhandlungen fair gestalten

Vieles wird jedoch davon abhängen, wie die nun beginnenden Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien ablaufen werden. "Luxemburg hat kein Interesse daran, dass diese besonders schwierig werden, denn das schafft Unsicherheit bei den Investoren", betont Carlo Thelen. Auch der Generaldirektor der Bankenvereinigung Serge de Cillia warnt vor einem Auslaufen der Verhandlungen im März 2019 ohne Ergebnis. "Es sollten sofort Übergangsregeln bestimmt werden, damit es nicht zu Brüchen von Geschäftsbeziehungen kommt - sprich sogenannte Bestandsklauseln in Verträgen."

Angstschweiß auf die Stirn der Luxemburger Wirtschaftsvertreter treiben auch die Versuche von britischen Ministern mit einzelnen EU-Ländern getrennt Handelsverträge zu schließen. "Der faire Wettbewerb muss gewahrt bleiben und alle Länder müssen gleich behandelt werden", betont Thelen. Gelassen blickt er jedoch auf das Versprechen der britischen Regierung, die Unternehmenssteuern drastisch zu senken, um die Firmen nach dem Brexit im Land zu halten. "Es ist immer einfacher dies anzukündigen, als es dann umzusetzen", so Thelen.

Noch keine Auswirkungen zu verspüren

Die Niederlassungen von internationalen Konzernen sind die gute Seite der Medaille der Auswirkungen des Brexit. Die schlechte Nachricht ist, dass jeder Rückgang der Aktivität der Londoner City auch der Luxemburger Wirtschaft einen Schnupfen verpasst. Eine Studie des Luxemburger Statistikamtes analysierte die möglichen Auswirkungen eines Brexit und schätzte die Exporte von Finanzdienstleistungen aus Luxemburg Richtung London würden bis 2020 mit rund 350 Millionen Euro um vier Prozent fallen. Dies könnte den Verlust von etwa 1.600 Arbeitsplätzen, davon 600 im Finanzsektor, zur Folge haben.

Carlo Thelen warnt jedoch, bei solchen Prognosen müsse man vorsichtig sein. Klar sei jedoch, dass Luxemburg langfristig kaum vom Brexit profitieren werde, vor allem wenn dies zu einer Schwächung der gesamten EU führen würde.

Noch würden die Unternehmen nicht allzu viel von der Brexit-Entscheidung spüren, sagt Thelen, auch wenn das schwache Pfund schlecht für die Exporteure sei. In der Luxemburger Handelsbilanz lässt sich bei den Finanzdienstleistungen zwar ein leichter Rückgang 2016 gegenüber dem Vorjahr vermerken, das sei durchaus noch im Rahmen normaler Schwankungen heißt es vom Statec.


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