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Brexit: Was auf die luxemburgischen Unternehmen zukommt
An diesem Dienstag steht die Abstimmung im britischen Unterhaus über den von Premierministerin Theresa May mit der Europäischen Union (EU) ausgehandelten Vertrag über den Austritt Großbritanniens aus der EU an.

Brexit: Was auf die luxemburgischen Unternehmen zukommt

AFP
An diesem Dienstag steht die Abstimmung im britischen Unterhaus über den von Premierministerin Theresa May mit der Europäischen Union (EU) ausgehandelten Vertrag über den Austritt Großbritanniens aus der EU an.
Wirtschaft 5 Min. 15.01.2019

Brexit: Was auf die luxemburgischen Unternehmen zukommt

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Wie sich Luxemburger Unternehmen auf den Ausstieg Großbritanniens aus der EU vorbereitet haben.

Showdown in London: An diesem Dienstag steht die Abstimmung im britischen Unterhaus über den von Premierministerin Theresa May mit der Europäischen Union (EU) ausgehandelten Vertrag über den Austritt Großbritanniens aus der EU an. Nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass May angesichts der Widerstände scheitern und der Vertrag abgelehnt wird. Die Folge: der ungeregelte Austritt, der sogenannte harte Brexit.

Und so schaut man nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Luxemburg gebannt auf das, was heute in London passieren wird. Entsprechend herrscht auch Unsicherheit bei den Unternehmen hierzulande, beschreibt Carlo Thelen, Direktor der Handelskammer, die aktuelle Situation. „Unsere Betriebe brauchen Planungssicherheit in allen Bereichen. Wenn nicht bekannt ist, wo die Reise hingeht, machen sich die hiesigen Unternehmen große Sorgen“, betont Thelen – auch wenn es bislang keine Anzeichen dafür gibt, die auf eine Panikreaktion hindeuten.

Rund 60 Prozent der Firmen geben an, dass sie noch keine Effekte als Folge der Entscheidung der britischen Bevölkerung spüren. Dennoch glauben 63 Prozent der Unternehmen, dass sie direkt oder indirekt betroffen sein werden, wenn die Briten die Europäische Union verlassen.

Ein harter Brexit wäre definitiv eine plötzliche und radikale Änderung, unter der einige Branchen leiden würden, sagt Thelen. „Im Moment ist aber ein Abwarten spürbar.“ Eine Umfrage der Handelskammer, die jüngst bei 350 Unternehmen durchgeführt wurde, zeigt Erstaunliches. So fühlen sich 80 Prozent der Unternehmen nicht ausreichend über den Brexit informiert. Zudem haben sich offensichtlich viele Unternehmen noch keine konkreten Gedanken über eventuell notwendige Handlungsmuster als Folge des Brexit gemacht. Etwas besser aufgestellt sind „die großen Firmen, die regelmäßig ins Vereinigte Königreich exportieren“, so Thelen.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Rund 60 Prozent der Firmen geben an, dass sie noch keine Effekte als Folge der Entscheidung der britischen Bevölkerung spüren. Dennoch glauben 63 Prozent der Unternehmen, dass sie direkt oder indirekt betroffen sein werden, wenn die Briten die Europäische Union verlassen.

Bilaterale Beziehungen

In jedem Fall wird ein harter Brexit Spuren hinterlassen, prophezeit Carlo Thelen – auch wenn genaue Konsequenzen noch schwer zu prognostizieren sind, immerhin ist Großbritannien für Luxemburg der fünftwichtigste Exportmarkt. Und das nicht nur für Finanzdienstleistungen, sondern auch in den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnologie, Marketing, Beratung und Automobilbranche im weitesten Sinne. 2017 lieferte Luxemburg Waren für rund 445 Millionen Euro über den Kanal, ein Anteil von 4,1 Prozent an den Ausfuhren insgesamt. Wichtigste Exportgüter sind Maschinen sowie Metalle. Von der Insel ins Großherzogtum kommen ebenfalls Metalle, aber auch Kunststoffe, Kautschuk und Fahrzeuge.

Die derzeit größte Sorge der Luxemburger Unternehmen ist das drohende Ende des freien Warenverkehrs zwischen der Europäischen Union und Großbritannien. „Derzeit machen sich 44 Prozent der Unternehmen Sorgen um die Zukunft des Warenverkehrs und der Dienstleistungsfreiheit“, sagt Carlo Thelen. Zudem klagen 36 Prozent der Unternehmen über Planungsunsicherheit: „Viele Firmen zögern momentan bei Investitionsprojekten in Großbritannien, weil unklar ist, wie das Verhältnis zur EU künftig gestaltet sein wird.“

"Prepare for Brexit"

Neben eventuell drohenden Zöllen sowie unterschiedlichen Standards und Regelungen zwischen den Ländern „machen sich die luxemburgischen Unternehmen auch Sorgen um die Frage der Freizügigkeit, also ob sich die Mitarbeiter schnell und ohne großen bürokratischen Aufwand nach Großbritannien begeben und dort ihrer Arbeit nachgehen können“, sagt Thelen.

Ob „Deal“ oder „No Deal“ – in beiden Fällen gilt: Es ist höchste Zeit, sich auf die Zeit danach vorzubereiten. Damit möglichst alle Unternehmen gewappnet sind, will die Handelskammer einen Konferenzzyklus unter dem Titel „Prepare for Brexit“ organisieren. „Wenn die Entscheidung in London gefallen ist, wollen wir damit möglichst bald beginnen, um konkrete Antworten auf die Situation geben zu können.“

Luxair

Wie stark einzelne Unternehmen betroffen sind, variiert von Branche zu Branche. So bereitet sich die nationale Fluggesellschaft Luxair schon seit Langem auf mögliche Auswirkungen des Brexit vor; die Airline bietet täglich bis zu sieben Flüge nach London-City an. Es gibt zwei wichtige Bereiche für die Airline: die Flugrechte zwischen Großbritannien und Luxemburg, die Lizenzen und Zertifikate. „Wir haben Flugzeugteile, die in Großbritannien hergestellt werden. Diese sind durch die European Aviation Safety Agency zertifiziert, so dass wir sie in unsere Flugzeuge einbauen dürfen. Werden die Zertifikate morgen ungültig, können wir bestimmte Ersatzteile nicht mehr einsetzen“, sagt Martin Isler, Executive Vice President der Airline.

Lex Kleren

„Das gilt auch für Betriebe, in die wir Teile zur Reparatur schicken oder für Trainingsadressen zum Beispiel mit Flugsimulatoren, wie wir sie im britischen Farnborough nutzen.“ Bei den Pilotenlizenzen, sieht Luxair keine Probleme, „da wir derzeit keine Piloten mit britischer Lizenz beschäftigen“.

Martin Isler erklärt, dass sowohl die EU als auch Luxair selbst bereits im Vornhinein aktiv geworden sind. „Brüssel hat zugesagt, dass in einem No-Deal-Szenario die Flugrechte zwölf Monate und die Lizenzen neun Monate weiterlaufen, um uns Zeit zu geben, zu verhandeln. Bislang ist das aber nur einseitig, da sich die Briten dazu noch nicht geäußert haben.“

Parallel dazu ist Luxair selbst aktiv geworden: „Wir haben alle Partner in Großbritannien angeschrieben, um eventuell Lösungen zu finden. Wir wissen aber genau, wo für uns Risiken liegen und wo wir außerhalb von Großbritannien Alternativen finden können, leider nicht zu 100 Prozent. Zudem wissen auch unsere britischen Partner nicht genau, wie es weitergehen soll und können uns nicht immer eine Antwort geben“, so Isler.

Delphi

Der Automobilzulieferer Delphi, der zentral in Großbritannien gesteuert wird und eine Dependance in Bascharage im Süden Luxemburgs hat, ist vorbereitet. Der Standort in Bascharage ist spezialisiert auf Design, Entwicklung und Tests von Komponenten und Systemen im Bereich Energie- und Motormanagement, Kraftstoffverteilung, Motor- und Fahrzeugkühlung, sowie Energieversorgung für Hybrid- und Elektrofahrzeuge.

„Der Brexit hat weder Einfluss auf unsere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten noch auf unsere Produktentwicklung“, betont Pressesprecher Andrew Davis. „Mögliche Auswirkungen gibt es aber im Produktionsbetrieb an weiteren europäischen Standorten. Wir haben bereits Notpläne ausgearbeitet, um die Auswirkungen zu minimieren. Im Fall eines No-Deal schätzen wir das Risiko für unsere Standorte innerhalb der Europäischen Union auf neun bis zehn Millionen Dollar jährlich – nicht viel für unser Unternehmen, das weltweit tätig ist“.

ArcelorMittal

Auch der Stahlkonzern ArcelorMittal sieht dem Austritt Großbritanniens aus der EU derzeit eher gelassen entgegen. Denn: Die Exporte nach Großbritannien machen weniger als zwei Prozent der Gesamtausfuhren aus.

„Wir haben derzeit keine industriellen Aktivitäten in Großbritannien, nur einige Weiterverarbeitungsarbeiten, so dass wir die direkten Auswirkungen auf unser Geschäft als eher unbedeutend einstufen.“ Auf der anderen Seite, so heißt es bei ArcelorMittal, könnten die potenziellen makroökonomischen Brexit-Folgen Auswirkungen auf den internationalen Stahlmarkt haben.


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