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Bessere Risikokontrolle durch nachhaltiges Investieren
Wirtschaft 6 Min. 04.02.2019

Bessere Risikokontrolle durch nachhaltiges Investieren

Wendet man die Nachhaltigkeitskriterien auf alle Investmententscheidungen an, minimiert man Risiken.

Bessere Risikokontrolle durch nachhaltiges Investieren

Wendet man die Nachhaltigkeitskriterien auf alle Investmententscheidungen an, minimiert man Risiken.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 6 Min. 04.02.2019

Bessere Risikokontrolle durch nachhaltiges Investieren

Das Thema Nachhaltigkeit ist bei der Fondsgesellschaft Union Investment ein Bereich, der in den letzten zehn Jahren um bis zu 40 Prozent pro Jahr gewachsen ist.

(MeM/pley) - Das Thema Nachhaltigkeit ist bei der Fondsgesellschaft Union Investment ein Bereich, der in den letzten zehn Jahren um bis zu 40 Prozent pro Jahr gewachsen ist, gemessen am angelegten Geldvermögen. Warum die Werkzeuge zur Ermittlung, wie nachhaltig investiert werden kann, nun auch bei den übrigen Anlage-Analysen angewendet wird, verrät Ingo Speich von Union Investment im Interview.

Ingo Speich, was ist für Sie eine „nachhaltige Geldanlage“?

Am Kapitalmarkt müssen wir Nachhaltigkeit über drei Säulen betrachten: Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung (als ESG für „environment, social und governance“ bezeichnet, d. R.). Das ist keine Definition, die aus einem Land kommt, sondern hat sich so über Jahre am Kapitalmarkt etabliert.

Ziel ist es, die Nachhaltigkeit in der Gesamtheit zu erfassen, und damit auch eine Risikobetrachtung von Unternehmen zu haben, die sehr breit ist.

Ingo Speich betreut seit Langem das Thema Nachhaltigkeit bei Union Investment.
Ingo Speich betreut seit Langem das Thema Nachhaltigkeit bei Union Investment.
Foto: Anouk Antony

Das bedeutet, wenn ich nur den Umweltaspekt betrachten würde und zum Beispiel die Unternehmensführung außer Acht ließe, ist das Risiko für den Investor höher, Schiffbruch zu erleiden. Hintergrund ist, dass man durch Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien eine umfassendere Risikobetrachtung hat.

Es ist ein weiteres Analysewerkzeug in der Kapitalanlage, die wir in unsere Anlageentscheidung integrieren. Der zweite Aspekt ist, dass durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien sehr früh Chancen erkannt werden und somit früher in eine Aktie investiert werden kann, als andere dies tun. Die Analyse hat also nicht nur eine Risiko-, sondern auch eine Chancenkomponente.

Es geht also um Risikominimierung?

Unterm Strich, wenn Nachhaltigkeitskriterien eine Rolle spielen, darf die Rendite nicht leiden. Das ist das A und O: Nachhaltigkeit muss sich auszahlen. Entweder haben Sie eine bessere Rendite, oder Sie haben ein niedrigeres Risiko.

Das ist auch der Hauptbeweggrund der institutionellen Investoren, die derzeit den größten Teil der Investitionen in Nachhaltigkeit ausmachen und wegen der besseren Rendite-Risiko-Relation investieren.

Nachhaltigkeit und Rendite schließen sich also nicht aus?

Es hängt davon ab, wie man Nachhaltigkeit bei seinen Investmententscheidungen implementiert. Das bedeutet aber auch, keine extremen Ausschlüsse zu machen. Ein Beispiel: Wenn Sie weltweit in Aktien investieren wollen, müssen sie anhand bestimmter Kriterien filtern. Was ist nachhaltig, was nicht?

Schließt man zu viele Aktien aus, können Sie kein diversifiziertes, breites Portfolio mehr aufstellen. Als guter Filter für Nachhaltigkeit hat sich bewährt, wenn Sie um die 20 Prozent der Firmen weltweit ausschließen, das heißt 20 Prozent qualifizieren sich nicht für die nachhaltige Geldanlage.

Sind Sie aber nicht sehr großzügig, wenn Sie im Umkehrschluss 80 Prozent der Unternehmen zulassen?

Bliebe es dabei, dann ja. Aber das war erst die erste Barriere, die erste Stufe im Investmentprozess. In der zweiten Stufe werden aus den verbleibenden Werten dann die besten ihrer Klasse ermittelt. Innerhalb dieser verbleibenden Gruppe werden dann die Unternehmen ausgewählt, die sich in besonderer Weise aus Sicht der Nachhaltigkeit qualifizieren und auch aus finanzieller Sicht eine Ertragskraft haben.

Anhand welcher Kriterien?

Wichtig ist, dass die Kriterien mit dem Kapitalmarkt verknüpft sein müssen. Es macht Sinn, Unternehmen auszuschließen, die ein asymmetrisches Risikoprofil haben.


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Zum Beispiel gehören Unternehmen dazu, die in ihrem Geschäft Risiken haben, die zwar sehr unwahrscheinlich sind, aber im Schadensfall eine sehr hohe Schadenssumme nach sich ziehen. Der institutionelle Anleger sagt: Diese Unternehmen brauche ich nicht zwingend zur Diversifizierung meines Anlageportfolios. Darum schließe ich sie aus.

Eine Zeitlang waren Themenfonds in Mode, zum Beispiel „Wasser“. Zu Ihrem Nachhaltigkeitskonzept bei der Geldanlage würden die nicht passen?

Themenfonds mögen im Rahmen ihrer engen Anlagepolitik Sinn machen, aber bei Nachhaltigkeit geht es darum, die Erkenntnisse aus ESG in die Kapitalanlageentscheidung zu integrieren, um damit in einem breiten Portfolio Rendite- oder Risikovorteile zu erzielen.

Sie dehnen also den Nachhaltigkeitsaspekt auf alle Investitionen aus?

Union Investment verwaltet 42 Milliarden Euro in ungefähr 170 nachhaltigen Portfolios, die von rund 30 Portfoliomanagern verwaltet werden. Das sind circa zwölf Prozent aller Anlagen der Investmentgesellschaft.

Unsere Frage war: Wie können wir die Impulse, die wir aus der nachhaltigen Geldanlage haben, in der Breite nutzen? So kamen wir zur ESG-Integration, indem wir die Erkenntnisse aus der Nachhaltigkeitsanlage bei der Analyse aller Anlagemöglichkeiten nutzen.

Beispiel: Ein Analyst käme bei einem Autokonzern zu anderen Erkenntnissen, wenn er berücksichtigt, dass es aus Nachhaltigkeits-sicht eklatante Verstöße bei der Unternehmensführung gibt. Der faire Wert der Aktie ist also vielleicht doch niedriger als gedacht mit dem Ergebnis, dass man weniger oder gar keine dieser Aktien kauft.

Wenn Unternehmen Nachhaltigkeit nicht beachten, werden zukünftig immer weniger Anleger in diese Unternehmen investieren.

Ein anderes Beispiel: Es gibt 90 000 kommerzielle Schiffe auf den Weltmeeren, und die zehn größten Containerschiffe haben so viele Emissionen wie rund 750 Millionen Autos. Das als Hintergrundinformation.

Die Staaten haben erkannt, dass die Schifffahrtsbranche erhebliche Emissionen verursacht. Wer nun denkt, es sei interessant, in die boomende Kreuzfahrtbranche zu investieren, der muss wissen, dass es ab 2020 emissionsbasierte Schifffahrtsrouten geben wird. Das heißt also, emissionsintensive Schiffe dürfen dann gar nicht mehr in küstennahe Regionen fahren oder müssen erheblich in die Technologie zur Reduktion von Emission investieren, mit dem Ergebnis, dass die Profitabilität dieser Unternehmens sinken wird.

An diesem Beispiel sieht man, wenn man das Ganze mit dem Nachhaltigkeitsaspekt durchdenkt, wäre es vielleicht besser, doch nicht in diesen Markt zu investieren.


Mario Mantrisi, CEO of the LUX Flag during the interview. Luxembourg, Luxembourg - 13. 09. 2018 photo: Matic Zorman / Luxemburger Wort
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„Finanzierungen, die den Nachhaltigkeitsaspekt berücksichtigen, sind tatsächlich ein persönliches Anliegen von mir“, erklärt Mario Mantrisi. Anfang des Jahres übernahm Mantrisi dann die Leitung der luxemburgi-schen Finanz-Zertifizierungsagentur LuxFlag.

Die Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung drohen zu scheitern. Sind nachhaltige Anlagen nicht beliebt?

Die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zielen zurzeit vor allem auf eine erhöhte Transparenz bei Unternehmen ab. Wenn diese Ziele keine Steuerungsgröße sind und die Unternehmen ihr Geschäft nicht danach ausrichten, werden sie genauso scheitern wie die Millenniumsziele.

Daher muss jetzt die Forderung der Investoren sein – und das machen wir auch – die Nachhaltigkeitsziele in die Unternehmensstrategie einzubringen.

Warum dominieren die Institutionellen, während die Privatanleger bei Investitionen in nachhaltige Produkte so zurückhaltend sind?

Privatanleger sind in der Tat sehr zurückhaltend, auch, weil sie häufig diese Anlagemöglichkeit gar nicht kennen. Wenn die Anleger über Nachhaltigkeit informiert werden, ist das Interesse an nachhaltigen Anlagen enorm.

Der Markt für nachhaltige Anlageprodukte wächst ungefähr dreimal so stark wie die Assetmanagement Branche in Europa. Der Markt wächst also sehr stark.

Wie gehen Sie mit dem Thema Klimawandel um?

Das Thema Klimawandel ist einer der stärksten Analyseschwerpunkte in der aktuellen Nachhaltigkeitsbetrachtung. Denn es ist zu erwarten, dass wir in den nächsten Jahren eine massive Regulierung, vor allem, was Kohlendioxid (CO2) angeht, bekommen werden.

Die Automobilindustrie zeigt gerade, welche verheerende Wirkung die CO2-Regulierung entfaltet. Bekommen wir keine stärkere CO2-Regulierung für zahlreiche Branchen, wird der Temperaturanstieg des Planeten zu groß sein, mit enormen Konsequenzen für Unternehmen und damit auch für Investoren.

Macht sich bei Unternehmen denn bemerkbar, ob Union Investment aus Nachhaltigkeitsgründen investiert oder seine Investitionen aus diesem Grund abzieht?

Investoren fordern Nachhaltigkeit heute zunehmend ein. Als Investor findet man beim Thema Nachhaltigkeit bei den Unter-nehmen auch großes Gehör. Das hat schon eine Steuerungswirkung. Wenn Unternehmen Nachhaltigkeit nicht beachten, werden zukünftig immer weniger Anleger in diese Unternehmen investieren.

Zudem müssen Unternehmen durch die EU-Regulierung seit 2017 verstärkt über Nachhaltigkeit im Sinne der „corporate social responsibility (CSR)“, also die soziale Verantwortung des Unternehmens, berichten.

Derzeit befindet sich ein EU-Aktionsplan zur Nachhaltigkeit in der Umsetzung und wird bald für weitere verpflichtende Anforderungen bei Unternehmen und Investoren sorgen.


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