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Ausgerechnet Luxemburg
Wirtschaft 4 Min. 02.01.2015 Aus unserem online-Archiv
Raval Europe verfolgt Low-Cost-Strategie

Ausgerechnet Luxemburg

Durch den enormen Kostendruck in der Automobilindustrie setzt Raval konsequent auf Low Cost – und zwar nicht nur in China, sondern auch in Luxemburg.
Raval Europe verfolgt Low-Cost-Strategie

Ausgerechnet Luxemburg

Durch den enormen Kostendruck in der Automobilindustrie setzt Raval konsequent auf Low Cost – und zwar nicht nur in China, sondern auch in Luxemburg.
Tania Feller
Wirtschaft 4 Min. 02.01.2015 Aus unserem online-Archiv
Raval Europe verfolgt Low-Cost-Strategie

Ausgerechnet Luxemburg

Die Firma Raval dürfte nur den wenigsten Autofahrern ein Begriff sein, und doch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass im eigenen Fahrzeug ein kleines, aber wichtiges Bauteil dieser Firma steckt.

(aa) - Raval dürfte nur den wenigsten Autofahrern ein Begriff sein, und doch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass im eigenen Fahrzeug ein kleines, aber wichtiges Bauteil dieser Firma steckt. Die Produktidee wurde im Kibbuz Revivim entwickelt, einer israelischen Landkommune in der Wüste Negev. Seit 2002 ist Raval im Großherzogtum aktiv und beweist, dass Low-Cost und Luxemburg sich nicht ausschließen müssen.

Der Kibbuz ist eine Siedlungsform in Israel, eine ländliche Kommune mit basisdemokratischen Strukturen, in der die Produktionsmittel der Gemeinde gehören und die Bedürfnisse der Mitglieder von der Gemeinschaft gedeckt werden. „In diesem Umfeld gibt es einen starken Ingenieursgeist“, sagt Julian Proffitt, Geschäftsführer der Raval Europe s.a. in Niederkerschen. So wurden im Kibbuz Revivim in der Wüste Negev von einer Firma Raviv spezielle Ventile entwickelt, zunächst für die dort erforderlichen Bewässerungssysteme und dann auch für Bremssysteme und vor allem für Kraftstofftanks in Autos. Volkswagen zeigte großes Interesse, bestand aber im Lauf der Zeit auf kürzere Lieferwege und ein geopolitisch sicheres Umfeld. Im Jahr 2000 wurde ein Ableger namens Raval gegründet.

Viele Gründe sprechen für den Standort Luxemburg

Ein zentraler Standort in Europa musste her, um den deutschen Konzern sowie Zulieferer der Automobilbranche mit Entlüftungsventilen beliefern zu können. Die Wahl fiel auf Luxemburg. 2002 wurde im Ecostart-Komplex in Foetz die Raval Europe als Start-up-Unternehmen aus der Taufe gehoben. „Für Luxemburg sprachen neben der zentralen Lage auch die Mehrsprachigkeit und das Niveau der Fachkräfte vor Ort“, so Julian Proffitt, der erst später zu Raval stieß und zuvor bei Guardian tätig war. Ausschlaggebend war jedoch auch das Engagement der damaligen Regierung, und speziell von Wirtschaftsminister Henri Grethen. „Man kam auf Raval zu, die einen Standort in der Großregion suchten. Diese Aufmerksamkeit für eine kleine Firma in Verbindung mit den kurzen Verwaltungswegen und guten Kontakten zu den Verantwortlichen war sehr wichtig“, sagt Geschäftsführer Julian Proffitt.

Geschäftsführer Julian Proffitt ist trotz des hohen Automatisierungsgrades überzeugt, dass nichts gute Mitarbeiter ersetzen kann.
Geschäftsführer Julian Proffitt ist trotz des hohen Automatisierungsgrades überzeugt, dass nichts gute Mitarbeiter ersetzen kann.
Foto: Tania Feller

Heute ist die Raval Europe s.a. in der Wirtschaftszone Robert Steichen in Niederkerschen ansässig. Produziert werden Ventile, um Unter- und Überdruck in Kraftstofftanks auszugleichen, um ein Auslaufen des Kraftstoffs bei Unfällen zu verhindern und um sicherzustellen, dass beim Befüllen des Tanks der Sprit nicht überlaufen kann. Weitere Produktionsstätten für die Entlüftungsventile befinden sich neben Israel und Luxemburg inzwischen auch in China und den USA.

„Außer uns gibt es weltweit noch drei große Konkurrenten, zwei amerikanische und einen in Deutschland. Bislang spielt der europäische und asiatische Markt für uns eine wichtigere Rolle. Dort haben wir einen Marktanteil von circa 50 Prozent. Weltweit sind es 25 Prozent“, so Julian Proffitt.

Raval-Entlüftungstechnik steckt aktuell beispielsweise in verschiedenen Modellen des Volkswagen-Konzerns, wie dem Audi A3, dem Golf 7 und dem Seat Leon sowie in den Modellen VW Polo, Skoda Fabia und Seat Ibiza. Raval liefert die Entlüftungsventile für Jaguar und Land-Rover sowie für den BMW Mini, die Mercedes A-Klasse und einige Modelle von Renault und Citroën.

Zahl der Mitarbeiter im Großherzogtum vervielfacht

Innerhalb der Raval Gruppe ist die Entlüftungstechnik für Kraftstofftanks in der Raval ACS zusammengefasst, zu der auch der Luxemburger Standort (Raval Europe) gehört. Der jährliche Umsatz bei Raval ACS liegt inzwischen bei etwa 60 Millionen Euro pro Jahr. „Davon entfällt ein Drittel auf die Produktionsstätte in Niederkerschen“, sagt Proffitt.

Die Zahl der Mitarbeiter im Großherzogtum stieg seit 2002 kontinuierlich. Selbst während der Wirtschaftskrise sackte die Beschäftigungskurve nicht ab. 2005 hatte Raval in Luxemburg gut 20 Beschäftigte, 2008 bereits 40, 2012 waren es 80 und heute ungefähr 100 Mitarbeiter. Die Produktentwicklung befindet sich jedoch in Israel.

Das Gros der Beschäftigten in Luxemburg sind Produktionshelfer. Durch den enormen Kostendruck in der Automobilindustrie setzt Raval konsequent auf Low-Cost und dies nicht nur in China, sondern auch in Luxemburg. „Der Grund dafür liegt einerseits im hohen Automatisierungsgrad, aber vor allem in der ständigen Prozessentwicklung“, sagt Proffitt. „Nichts ersetzt gute Mitarbeiter, von ihnen bekommen wir viel Input, was wir bei der Produktion noch optimieren können.“

Raval Europe s.a. ist Mitglied der „Industrie luxembourgeoise des équipements de l'automobile“ (ILEA). Solche Cluster seien aus zweierlei Gründen wichtig. Zum einen gebe es wichtige Synergieeffekte. „Wir sind hier nicht Konkurrenten, sondern gemeinsam haben wir viel zu gewinnen, sei es bei der Personalgewinnung, der Weiterbildung oder der Prozessentwicklung. Synergien könne es auch zwischen verschiedenen Clustern geben, z. B. zwischen Automotive und Logistik. Der zweite Pluspunkt liege in der Möglichkeit der Standortentwicklung, um gemeinsam neue Firmen anzuziehen“, so Proffitt.

Einer Erweiterung steht prinzipiell nichts im Wege

Inzwischen nutzt Raval Europe den Produktionsstandort in Niederkerschen nahezu vollständig aus. „Das Gebäude gehört uns, das Gelände dem Staat“, sagt Proffitt. Einer künftigen Erweiterung stehe grundsätzlich nichts im Wege.

Aus dem ehemaligen Ableger Raval ist inzwischen eine Unternehmensgruppe geworden, zu der auch das einstige Mutterunternehmen Raviv gehört. Hauptaktionär der Raval-Gruppe ist übrigens mit über 50 Prozent der Anteile der israelische Kibbuz.


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