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Aufhören, wenn es am besten läuft
Wirtschaft 5 Min. 27.09.2019

Aufhören, wenn es am besten läuft

„Mein Hauptziel ist, weniger zu arbeiten und mehr Zeit für mich zu haben, für Familie und Freunde.“

Aufhören, wenn es am besten läuft

„Mein Hauptziel ist, weniger zu arbeiten und mehr Zeit für mich zu haben, für Familie und Freunde.“
Gilles Kayser
Wirtschaft 5 Min. 27.09.2019

Aufhören, wenn es am besten läuft

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Paul Junck hat in Luxemburgs Private-Equity-Industrie Zeichen gesetzt – Nun geht er in den „Unruhestand“.

Es gibt Menschen, die große Pläne haben, vielleicht auch Träume. Es gibt solche, die wissen, was sie in Zukunft irgendwann erreichen wollen. Und es gibt solche, die es bei großen Plänen und hohen Zielen nicht belassen oder ihnen hinterherlaufen, sondern es machen. Zu Letzteren gehört Paul Junck, 62 Jahre alt, in Senningerberg zu Hause. „Ich wollte immer dort sein, wo die Musik spielt. Es war mir immer wichtig, nicht passiv zuzuhören, sondern aktiv mitzugestalten.“

Und genau das hat er mit großem Engagement gemacht – ob als Gründer der Luxembourg Private Equity & Venture Capital Association (LPEA) oder ganz oben beim Stahlkonzern Arcelor. Nun zieht sich der Vater zweier erwachsener Söhne aus dem Tagesgeschäft zurück – und weiß auch jetzt bereits wieder genau, was zu tun ist: „Tennis spielen, Wandern, Lesen und als Opernliebhaber viele Konzerte besuchen, unter anderem die Salzburger Festspiele. Da ist vieles in den vergangenen Jahren viel zu kurz gekommen“, zählt Paul Junck fast etwas zu nüchtern auf. Ganz so, wie er im Gespräch auf sein Gegenüber wirkt: klarer Blick, sortierte Gedanken, fokussiert. 

Das war damals ganz anders als heute. Es wurde ein Appartement gemietet, zwei saßen in der Küche, drei im Wohnzimmer – das waren nicht die Paläste, die heute in Kirchberg oder Cloche d'Or stehen.

Angefangen hat die Karriere des Mannes, der längst zu den zentralen Figuren der Luxemburger Finanzwelt gehört, Anfang der 1980er-Jahre. Nach einem Jurastudium mit Schwerpunkt Gesellschaftsrecht und EU-Recht „wollte ich mich nicht gleich festlegen, sondern ein, zwei Jahre Berufserfahrung zu sammeln“. Gesagt, getan: Praktikum bei der Kanzlei Elvinger Hoss, dann Station beim Europäischen Gerichtshof. 1983 der Wechsel zur „Swiss Bank Corporation“ in Luxemburg, wo Junck die Rechtsabteilung aufbaut und im Private Banking arbeitet: „Das war damals ganz anders als heute. Es wurde ein Appartement gemietet, zwei saßen in der Küche, drei im Wohnzimmer – das waren nicht die Paläste, die heute in Kirchberg oder Cloche d'Or stehen.“ 

Richtige Entscheidung im richtigen Moment

 Eine Erfahrung, die ihm zugute kommen sollte, als er 2010 damit begann, die Luxembourg Private Equity & Venture Capital Association (LPEA) aufzubauen: „Ich war zu Anfang ganz allein, ohne Büro und ohne Assistentin“, erinnert er sich. Sein Plan war es, die Akteure der Private-Equity-Branche unter einem Dach zu versammeln. 

Und es verwundert nicht, dass Junck genau im richtigen Moment den richtigen Riecher hatte, denn: Die neue Anlageart, bei der Beteiligungsgesellschaften Unternehmen kaufen, diese aufbauen und nach fünf Jahren wieder verkaufen, entwickelt sich zu dieser Zeit explosionsartig. „Viele große Akteure wollten ihre Fonds nicht mehr auf den Caymaninseln ansiedeln, sondern auf dem europäischen Kontinent. Und da war Luxemburg die erste Adresse, weil hier weltweit erstmals die europäische AIFM-Richtlinie über alternative Investmentfonds in nationales Recht umgesetzt worden war.“ 


Iwwerlaschtung vun den Urgencen, Paul Junck, le 03 Novembre 2016. Photo: Chris Karaba
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Auch jetzt, da Paul Junck eigentlich mehr Energie darauf verwenden könnte, die Programme internationaler Konzerthäuser zu studieren, lässt ihn seine Begeisterung für die erfolgreichen Jahre nicht los. Besonders wichtig ist ihm der Hinwies darauf, dass Luxemburg nicht nur eine gute Adresse für das internationale Private-Equity-Geschäft ist, sondern viele der Investitionen in direktem Zusammenhang mit der Luxemburger Wirtschaft stehen. Denn nach dem ersten großen Private-Equity-Deal durch die Luxemburger Risikokapitalgesellschaft Mangrove Capital Partners – der Verkauf von Skype an eBay – hat sich im Beteiligungsgeschäft viel getan: Die Terminbuchungsplattform für Arzttermine Doctena wird mittlerweile durch Private Equity finanziert, auch für Job Today, Talkwalker oder das Start-up Spire ist private Beteiligung wichtig für die Finanzierung. 

„Die ganze Wertschöpfungskette hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Immer mehr große internationale angelsächsische Unternehmen wie Carlyle, Blackstone, Apollo Global Management, die ihre Geschäfte schon lange über Luxemburg gemacht hatten, siedeln nun ihre Fonds unmittelbar im Großherzogtum an. Dadurch sind deutlich mehr Risikomanager und Vermögensverwalter zu uns ins Land gekommen. Und das alles hat zu deutlich mehr Substanz am Finanzplatz geführt“, stellt Junck heute zufrieden fest. 

So gehört Luxemburg neben London zu den größten und bedeutsamsten nationalen Beteiligungsmärkten Europas: „Wir sind ein Private–Equity-Hub für Europa.“ Auch durch den Brexit sind mehr Akteure nach Luxemburg gekommen „und siedeln immer mehr ihrer Fonds hierzulande an“. 

Wir sind im In- und Ausland sehr präsent, vor allem aber glaubwürdig und versuchen stets daran mitzuarbeiten, wie man die Branche weiterentwickeln kann.

Warum also gerade jetzt nach neun Jahren an der Spitze der Luxembourg Private Equity & Venture Capital Association aufhören? „Es gibt Momente im Leben, in denen man sagt, jetzt will ich das Ruder weitergeben, etwas für mich tun“, erklärt Paul Junck seinen Schritt ins Private und macht sich zur Zukunft der LPEA keine Sorgen. „Wir sind im In- und Ausland sehr präsent, vor allem aber glaubwürdig und versuchen stets daran mitzuarbeiten, wie man die Branche weiterentwickeln kann“.

 Und er weiß, dass die aufmerksame Kontaktpflege zu wichtigen Akteuren aus der Wirtschaft und der Politik fortgesetzt wird: „Wir sind auch in Brüssel sehr aktiv, eben dort wo die Musik spielt.“ 

 „Die spannendste Zeit meiner Karriere“ 

Mit viel Leidenschaft spricht er auch über seine Zeit beim Stahlkonzern Arcelor von 1988 bis 2006 – zuerst im Vertrieb, dann in der Rechtsabteilung, schließlich Generalsekretär. „Als Verbindungsglied zwischen der Generaldirektion und dem Verwaltungsrat hatte ich stets die wichtigsten Fragen auf dem Tisch.“ Dazu zählen vor allem die monatelangen Verhandlungen mit dem Inder Lakshmi Mittal über die Übernahme des Konzerns – „die absolute spannendste Zeit meiner Karriere“. „Es ging hart auf hart. Am meisten beeindruckt hat mich, dass nichts im Leben sicher ist, und bleibt, wie es ist. Alles kann sich schnell ändern.“ 

Viel persönliches Vergnügen hatte er auch als Administrateur der öffentlich-privaten Entwicklungsgesellschaft Agora, deren Aufgabe es ist, ehemalige Industriestandorte zu revitalisieren und neue lebendige Stadtquartiere zu entwickeln. „Es war eine meiner Lieblingsaufgaben, das Projekt Belval ins Rollen bringen. Was dort entstanden ist, ist fantastisch.“ 


Wirtschaft, Kirchberg, Rajaa Mekouar-Schneider, LPEA, Luxembourg private equity & venture capital association photo Anouk Antony
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Anders als viele seiner Generation hat Paul Junck die Chance genutzt, verschiedene Branchen kennenzulernen. „Das war damals nicht so üblich, dass man mal in der Industrie und dann wieder in der Finanzindustrie arbeitet und den Job mehrmals wechselt.“ Seit zehn Jahren ist er Präsident der Fédération des hôpitaux luxembourgeois (FHL), und „will das auch weiterhin bleiben“. Auch als unabhängiger Direktor bei verschiedenen Firmen wird er nicht aufhören. Kann da von Ruhestand überhaupt noch die Rede sein? „Mein Hauptziel ist, weniger zu arbeiten und mehr Zeit für mich zu haben, für Familie und Freunde.“

Und auch in diesem neuen Lebensabschnitt wird Paul Junck sicherlich wieder an das erinnern, was Grundstein seiner Karriere war: „Da ich von Natur aus neugierig bin, wollte ich mich sehr schnell in neue Situationen einarbeiten und dann mitreden.“


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