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Asoka Wöhrmann: "Anleger müssen flexibler werden und kalkuliert Risiken eingehen"
Wirtschaft 7 Min. 24.01.2015

Asoka Wöhrmann: "Anleger müssen flexibler werden und kalkuliert Risiken eingehen"

Dr. Asoka Wöhrmann ist seit vergangenem Sommer Chief Investment Officer von Deutsche Asset & Wealth Management.

Asoka Wöhrmann: "Anleger müssen flexibler werden und kalkuliert Risiken eingehen"

Dr. Asoka Wöhrmann ist seit vergangenem Sommer Chief Investment Officer von Deutsche Asset & Wealth Management.
Foto: Pierre Matgé
Wirtschaft 7 Min. 24.01.2015

Asoka Wöhrmann: "Anleger müssen flexibler werden und kalkuliert Risiken eingehen"

Asoka Wöhrmann ist Chief Investment Officer der Deutsche Bank-Fondgesellschaft Deutsche Asset & Wealth Management. Im Interview spricht er darüber, wie sich der Aktienmarkt 2015 entwickeln dürfte, was bei der Anlage in Rentenpapieren zu beachten und wie attraktiv Gold ist.

Ihre Prognosen für das Jahr 2014 waren sehr treffsicher. Wir sind gespannt auf ihren Ausblick für 2015. Geht die positive Aktienmarktentwicklung der letzten drei Jahre so rasant weiter?

Wir werden eine Fortsetzung von 2014 erleben. Die Dekade pro Aktieninvestments hält an. Es werden sich in diesem Jahr „normale Aktienmärkte“ entwickeln, weil die multiple Expansion nicht mehr der Treiber sein wird. In den USA haben wir es mit einer restriktiven Geldpolitik zu tun. Wir erwarten die erste Zinserhöhung im dritten Quartal. Dieser Effekt wird sich neben dem starken Dollar abschwächend auswirken und das Tempo der Aufwärtsentwicklung drosseln. Wir glauben an eine Aktienperformance von fünf bis sechs Prozent verbunden mit einer höheren Volatilität. Auch den europäischen Aktienmarkt bewerten wir positiv. Er ist noch fair bis günstig bewertet. Die politischen Themen mit „Grexit“, Wahlen in Spanien, Referendum Katalonien werden uns höhere Volatilitäten bringen verglichen mit anderen Börsenplätzen. Aber europäische Aktien werden durch die expansive Geldpolitik der Zentralbank gestützt, die alles tut, um den Restrukturierungsprozess zu fördern und den Politikern Freiraum zu verschaffen. Durch die hohe Liquidität, die zur Verfügung steht, werden Marktkorrekturen abgefedert. Wir sehen ein Wertentwicklungspotential von acht bis zwölf Prozent für 2015.

Die Anlagen in Rentenpapieren waren im letzten Jahr trotz niedrigem Zinsenniveau immer noch lohnend. Was sollte man jetzt tun?

Eine lange Bond Hausse geht sukzessive zu Ende. Dies bedeutet nicht, dass es zu einem Abverkauf von Anleihen kommen wird, weil die Zentralbanken selbst als Marktakteure auftreten und enorme Bestände durch die weltweiten Kaufprogramme halten. Ich denke nicht, dass die deutschen zehnjährigen Anleihen in den negativen Bereich gehen. Amerikanische Anleihezinsen können trotz geplanter Geldverknappung noch weiter sinken, da weltweit die Anlage in den US Dollar anhält. Die G4-Anleihemärkte werden als Anlagesegment eher zur Risikodiversifizierung des Gesamtportfolios dienen, als für die Performance zu sorgen. Das dominante Thema wird die Steuerung des Kreditrisikos sein. Zur Erreichung der gewünschten Ergebnisse müssen die Anleger flexibler werden und kalkuliert Risiken eingehen. Buy-and-Hold Strategien werden beim aktuellen Zinsniveau nicht mehr funktionieren. Es wird also anstrengender für den Investor.

Aus aktuellem Anlass. Die Entscheidung der Schweizer Nationalbank die Kursbindung des Franken zum Euro aufzulösen sorgte für einen Schock an den Devisenmärkten. Hat die SNB die Reißleine aus Angst vor dem anstehenden Anleihekaufprogramm der EZB gezogen?

Die SNB hat meines Erachtens einen Reputationsschaden erlitten. Sie hat die Situation in dreierlei Weise unterschätzt. Erstens hat die Schweizer Nationalbank die geopolitischen Entwicklungen und die damit verbundene massive Fluchtbewegung in den Schweizer Franken als Safe-Haven nicht richtig eingeschätzt. Dann hat sie durch eine sehr rigide, fixe Wechselkursstrategie einen Teil ihrer Flexibilität eingebüßt und die entscheidende dritte Fehlbewertung bestand in Bezug auf die EZB. Die SNB hat nicht daran geglaubt, dass die EZB auf so unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen zurückgreifen würde. Sie hat jetzt dem Druck des schwachen Euros nachgegeben und gegenüber der EZB kapituliert und zwar durch einen abrupten „Sudden Death“. Ich mahne Investorendavor, der sogenannten „Forward Guidance“ der Zentralbanken mit „Gottvertrauen“ unreflektiert zu folgen ohne den gesamten weltwirtschaftlichen Kontext zu betrachten.

Nullzinspolitik oder gar negative Zinsen. Stimmen sie dem Argument zu, dass sich die Staaten, trotz niedriger Inflation, quasi durch Enteignung der Bürger, entschulden können?

Eines muss man vorweg feststellen: der Schuldenzyklus in der Welt geht jeden Tag weiter nach oben. Den Gipfel dieser Schuldenspirale haben wir noch nicht erreicht. Die Refinanzierungskosten der Staaten müssen, weil es sozialpolitisch kaum mehr vertretbar ist, sehr niedrig gehalten werden. Die Vorgehensweise der europäischen Zentralbanken ähnelt der Rezeptur, die wir in Japan gesehen haben. Negative Zinsen konnten wir uns nicht vorstellen, sie sind jetzt aber die Realität und bei minus 0,75% Leitzins in der Schweiz, leider auch zur Normalität geworden. Davon müssen wir in den nächsten Monaten weiter ausgehen. Ich kann mit der realen Geldentwertung durch Finanzrepression ganz schlecht leben und es ist schade für die Sparer. Die aktuelle Kerninflation beträgt in Europa 0,8% und ich schließe eine deflationäre Entwicklung nach japanischem Muster aus, solange Nominallöhne insgesamt in Europa weiter ansteigen.

Der Euro befindet sich im freien Fall gegenüber dem USD und ist so tief wie seit elf Jahren nicht mehr. Sehen sie in der anhaltenden Schwäche des Euros langfristig auch eine Gefahr für Europa, oder ist es wie in den USA lange praktiziert, das billigste Konjunkturprogramm für die EU?

Wenn man den europäischen Politikern in Davos zuhört, wünschen sie sich die Parität. Scheinbar ist die Formel: schwache Währung führt zu Wirtschaftswachstum. Ich denke, dass das aggressive Anleihekaufprogramm der EZB auf folgende Aspekte abzielt: Zum einen den Kreditmechanismus in Gang zu halten und für die europäischen Regierungen Zeit zu gewinnen, insbesondere für Italien und Frankreich, um mit dem schwachen Euro die aufkommende Dynamik der Wirtschaft zu erhalten. Wettbewerbsfähigkeit kommt aber nicht durch eine künstliche Verbilligung des Außenwertes. Man muss die innovative Kraft Europas stärken. Durch die Divergenzen in der Geldpolitik (die USA agiert restriktiv und umgekehrt Europa stark expansiv) wird sich der Euro weiter Richtung Parität zum US-Dollar schieben. Dieser Prozess wird sich in 18 bis 24 Monaten vollziehen.

Wie beurteilen sie die geopolitische Stimmungslage? Was macht ihnen bezogen auf Nervosität der Marktteilnehmer, sprich Volatilität, die größten Sorgen (Russland/Ukraine Konflikt, Ölpreiskampf, terroristische Aktionen)?

Zunächst kann man feststellen, dass bis dato geopolitische Risiken Kaufchancen waren. Insgesamt haben wir historisch betrachtet relativ niedrige Volatilitäten. Wir sind durch die Vorhersehbarkeit der Zentralbanken nicht mehr an sie gewöhnt. Wir haben in der Welt keine Hegemonialmächte mehr, die das globale Krisenmanagement übernehmen, weder die USA, noch China und schon gar nicht Europa. Diese Verunsicherung kann Volatilität kreieren. Ein anderer Komplex über den ich mir Gedanken mache sind mögliche systemische Risiken, zum Beispiel ausgelöst durch Cyberattacken, die Märkte für Tage lahmlegen könnten. Und zuletzt auch die zunehmende Polarisierung der Gesellschaften in der westlichen Welt, also nicht mehr Land gegen Land, sondern sich bekämpfende Gruppierungen innerhalb eines Landes.

Die Halbierung des Ölpreises war das dominante Thema der letzten Wochen. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesem Preiskrieg?

Ich habe schon letztes Jahr von „Saudi-Amerika“ gesprochen. Durch das Fracking wird die USA im Jahre 2016 Russland in der Ölproduktion überholen. Mittlerweile passieren 80% der Investitionen in der Ölbranche außerhalb der OPEC. Saudi Arabien wird sich dagegen wehren und kann, trotz der massiven Ertragseinbußen, die sie selbst erleiden, diesen strategischen und psychologischen Preiskampf fortsetzten, weil sie mit den reinen Produktionskosten weit unter denen der Konkurrenz liegen. Das setzt nicht nur die Fracking-Industrie in den USA, die stark kreditfinanziert ist, enorm unter Druck, aber sondern auch Staaten wie beispielsweise Venezuela und Russland sind betroffen. Putins Rechnung, dass durch die Ukrainekrise der Ölpreis nach oben geht, ist nicht aufgegangen. Bei allen Unwägbarkeiten sollten wir aber die beste Nachricht nicht vergessen: Die enorme Entlastung für den globalen Konsumenten. Hier handelt es sich quasi um ein gigantisches weltweites Steuersenkungsprogramm.

Charttechnisch sieht Gold mittelfristig wieder attraktiv aus. Teilen sie diese Meinung?

Die Preisentwicklung wird derzeit dominiert durch eine Unsicherheit der Marktteilnehmer bezogen auf die Geldwertstabilität, die nicht auf Inflationsangst gestützt ist, sondern sich eher aus dem aktuellen Verhalten der Zentralbanken ableitet. Für mich ist Gold kein Finanz Asset, sondern ein psychologisches Asset, weil es keine Rendite bringt. Gold kann man sich jetzt wieder anschauen, aber es gibt bessere Anlagealternativen.

Vielen Dank für das Interview und zum Schluss noch eine persönliche Frage. Wie „entschleunigen“ sie in ihrer Freizeit?

Das Wort Entschleunigung trifft es genau. Ich bin sehr viel unterwegs. Alleine diese Woche bereits in drei Städten in Europa. Am Wochenende zieht es mich nach Ostwestfalen zu meiner Frau und den vier Kindern. Da kann ich am besten „entschleunigen“. Und was ich immer mache, egal wann ich nachts zuhause ankomme, ich gehe am Samstagmorgen auf den Markt, um zu entspannen und mit den Leuten zu sprechen und das ist im Übrigen dann auch mein persönlicher Gradmesser für Inflation.

Interview: Johannes Felke


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