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Appell an Unternehmen: junge Leute einstellen und ausbilden
Wirtschaft 4 Min. 09.07.2020

Appell an Unternehmen: junge Leute einstellen und ausbilden

Mehr als 8.000 Menschen sind derzeit in einer Berufssausbildung.

Appell an Unternehmen: junge Leute einstellen und ausbilden

Mehr als 8.000 Menschen sind derzeit in einer Berufssausbildung.
Foto: Shutterstock
Wirtschaft 4 Min. 09.07.2020

Appell an Unternehmen: junge Leute einstellen und ausbilden

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Aktuell liegt die Anzahl der jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen unter dem Vorjahresniveau.

Viele Betriebe verzichten in der Corona-Krise darauf, Auszubildende im gewohnten Umfang einzustellen. Laut einer Umfrage im Handwerk geben 54 Prozent der Unternehmen an, dass sie in den kommenden Monaten ihr Angebot an Ausbildungsplätzen schrumpfen werden. „Dieses Ergebnis stimmt uns nachdenklich“, sagt Tom Oberweis, Präsident der Handwerkskammer. 

Tom Oberweis fordert mehr Unterstützung.
Tom Oberweis fordert mehr Unterstützung.
Foto: Julian Pierrot

Auch das Arbeitsministerium hält die genauen Zahlen der Lehrstellensuche im Auge. Aktuell liegt die Anzahl der jungen Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen unter dem Vorjahresniveau: Während sich im 1. Juli 2019 1.986 Menschen angemeldet hatten, sind es derzeit lediglich 1.286. Bei der Erwachsenenausbildung sind derzeit 650 Menschen auf Lehrstellensuche, 600 weniger als im vergangenen Jahr. Auch die Zahl aller neuen Ausbildungsstellen liegt aktuell bei lediglich 60 Prozent. Mehr als 8.000 Menschen sind derzeit in einer Berufssausbildung.

Die Sicherung bestehender Ausbildungsverhältnisse und der Abschluss von neuen Verträgen hat für Nora Back, Präsidentin der Arbeitnehmerkammer, höchste Priorität. „Es wird zu Beginn des neuen Schuljahres wahrscheinlich deutlich weniger Plätze im Angebot geben, sodass wir dringend reagieren müssen, wenn wir nicht eine Generation von jungen Menschen opfern wollen. Das wäre fatal für uns alle.“ 

Für junge Menschen, die jetzt Studium oder Ausbildung beenden, sei die Lage schlecht. „Daher ist es unbedingt notwendig, an Lösungsvorschlägen zu arbeiten“. Die bereits von der Regierung angekündigten Maßnahmen gehen in die richtige Richtung und sollen dafür sorgen, dass Ausbildungsstellen in den Unternehmen weiter gefördert werden. „Das ist allerdings nicht ausreichend. Wir müssen zusammen mit allen Partnern weitere Maßnahmen ergreifen und eine strategische Vision für die Zukunft entwickeln“, so Nora Back. 

Handwerkskammer und Arbeitnehmerkammer stellen ihre Ideen und Denkanstöße vor.
Handwerkskammer und Arbeitnehmerkammer stellen ihre Ideen und Denkanstöße vor.
Foto: Julian Pierrot

Tom Oberweis begrüßt die Maßnahmen, die von der Regierung in schwierigen Krisenzeiten ergriffen wurden: Kurzarbeit für Lehrlinge, Flexibilität bei der Beurteilung und Beförderung sowie die verlängerte Frist für den Abschluss von Lehrverträgen. „Diese Maßnahmen haben den Unternehmen ermöglicht, ihre Lehrlinge beizuhalten. Jetzt geht es darum, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen.“ 

Neue Berufe, neue Ideen

„Das Handwerk vor dem Covid-19 ist nicht das Handwerk nach dem Covid-19“, unterstreicht Tom Wirion, Direktor der Handwerkskammer. Die Corona-Krise verschärfe und beschleunige die Phänomene und Tendenzen, die sich schon seit Längerem im Handwerk angedeutet haben. „Die Betriebe mussten sich umstellen, im Lockdown andere Wege finden, um an ihre Kunden zu kommen. In manchen Bereichen war das der Internetauftritt, im Lebensmittelbereich haben viele Unternehmen ihre Lieferketten verbessert, Beratung aus der Ferne hat sich in verschiedenen Berufen breit gemacht. Die Digitalisierung hat ermöglicht, das Beste aus der Situation zu machen und Perspektiven zu zeichnen, wie man sich in Zukunft besser aufstellen kann“, sagt er. 

Dazu kommen Phänomene wie Heimarbeit, Green economy, Mobilität oder Silver economy. „Das sind Megatrends, die ein anderes Arbeiten und andere Voraussetzungen erfordern. Das bedeutet, dass sich die Berufe verändern, dass neue Berufe entstehen werden. Dies hat Auswirkungen auf die Ausbildung“, fügt er hinzu. Und betont: „Azubis sind Investitionen in die Zukunft. Das ist gut angelegtes Geld. Wenn wir das jetzt nicht machen, werden die Folgekosten im sozialen, gesellschaftlichen und finanziellen Bereich umso größer sein. Daher muss man auch in der Berufsausbildung Ambitionen haben.“ 


Mit einzelnen Protestaktionen haben die Reinigungskräfte in den letzten Monaten auf ihre Forderungen aufmerksam gemacht. Doch die Arbeitgebervertreter lenkten bisher nicht ein.
Foto: Shutterstock
Sozialkonflikt im Reinigungssektor: OGBL plant Großdemo
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Es müsse nun alles getan werden, um die Ausbildung von Fachkräften zu gewährleisten und kreative, schnelle und pragmatische Lösungen zu finden. Die Handwerkskammer und die Arbeitnehmerkammer schlagen unter anderem vor, dass die Fördermaßnahmen zugunsten der Handwerksberufe und der Ausbildung im Handwerksbereich gestärkt werden. Zudem soll die Ausbildung und Orientierung der Schüler durch die Verbreitung des „Basis-check“ verbessert werden. Es handelt sich dabei um einen Test, der dem Lehrling hilft, den richtigen Weg für eine Lehre einzuschlagen. 

„Wir sind auch der Meinung, dass man die Beihilfen für Unternehmen zur Unterstützung ihrer Ausbildungsbemühungen erweitern soll. Zudem sollen Lehrlinge als Belohnung für ihre Verdienste eine Prämie bekommen“, meint Carlo Frising, beigeordneter Direktor der Arbeitnehmerkammer. Die Regierung habe schon in Aussicht gestellt, dass Betriebe, die trotz Krise ihre Ausbildungsplätze erhalten oder sogar ausbauen, eine staatliche Förderung bekommen werden. „Wir wollen noch ein bisschen weiter gehen und fordern die Schaffung eines ,Fonds pour la promotion de l'apprentissage‘, der etwa für die direkte Auszahlung an die Lehrlinge aufkommt.“ 

Das Beste daraus machen 

Durch verstärkte Anstrengungen in den kommenden Wochen und einer gezielten Werbekampagne hoffen die Partner, dass sich die Zahl der neuen Ausbildungsverträge noch erhöhen wird. Und: Viele Unternehmen hätten noch nicht abschließend über die Zahl ihrer Ausbildungsplätze entschieden: „Das zeigt, dass aktuelle Anstrengungen zur Vermittlung, aber auch Anreize durch finanzielle Unterstützung Sinn machen“, sagt Carlo Frising. 


Tom Oberweis: „Jetzt ist die richtige Zeit, um am fünften Aktionsplan für den Mittelstand konkret weiterzuarbeiten.“
Tom Oberweis: "Es fehlen die Perspektiven"
Der Präsident der Handwerkskammer fordert weitere Unterstützung für Unternehmen.

An potenzielle Unternehmen gerichtet sagt Tom Oberweis: „Lasst uns das Beste daraus machen, Lehrstellen anbieten und junge Menschen weiterbilden. Es geht um die Zukunft der Jugend, des Handwerks und der gesamten Gesellschaft.“

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