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"An de Wisen": Ab 6 Uhr wird gestreikt
Wirtschaft 7 3 Min. 05.06.2018 Aus unserem online-Archiv

"An de Wisen": Ab 6 Uhr wird gestreikt

Wirtschaft 7 3 Min. 05.06.2018 Aus unserem online-Archiv

"An de Wisen": Ab 6 Uhr wird gestreikt

Die Auseinandersetzung zwischen Sodexo und OGBL spitzt sich zu. Ein Teil des Pflegepersonals kämpft um die Aufwertung der Gehälter. Ab Mittwochmorgen wird gestreikt.

Ab Mittwoch, dem 6. Juni 2018, wird im Pflegeheim "An de Wisen" in Bettemburg gestreikt. Der Grund: Den Mitarbeitern steht angesichts des neuen Kollektivvertrags mehr Geld zu, aber bezahlt wurde bisher nichts. Nun will der OGBL den Druck auf den Arbeitgeber verstärken.

Nach jahrzehntelangem Widerstand, kam im Oktober 2017 der große Durchbruch: Über 20 000 Beschäftigte des Sozial-, Gesundheits- und Pflegesektors „bekamen endlich das, was ihnen seit Langem zustand“, sagt OGBL-Zentralsekretärin Nora Back. Die neuen Kollektivverträge führten zu einer deutlichen Aufwertung der Berufsprofile des Hilfspflegers, des Krankenpflegers, des spezialisierten Krankenpflegers, des medizinisch-technischen Assistenten, des Erziehers und des Diplom-Erziehers.

Nun wird dieser Durchbruch aber in einigen Pflegeheimen in Frage gestellt. Drei Einrichtungen missachten laut OGBL die Vereinbarung: die Seniorenresidenz in Petingen, die von der Gruppe ZithaSenior verwaltet wird, der „Parc du troisième âge“ in Bartringen,  sowie das Pflegeheim „An de Wisen“ in Bettemburg, das von der Sodexo-Gruppe betrieben wird.

"Die Direktionen der Pflegeheime verweigern über 350 ihrer Mitarbeitern diese Aufwertung“, sagt OGBL-Zentralsekretärin Nora Back.

Zwei verschiedene Kollektivverträge

Aktuell kommen in der Pflegebranche zwei verschiedene Kollektivverträge zur Anwendung: Der für den Bereich der Kliniken (FHL) und jener der Pflegeheime (SAS). Doch die Anwendung gestaltetet sich in manchen Einrichtungen als äußerst schwierig, bedauert Nora Back. "Im Jahr 2010 sind die drei Einrichtungen aus dem FHL-Vertrag ausgetreten und in den deutlich weniger günstigen SAS-Vertrag übergegangen. Damals wurde uns versprochen, dass die bisherigen 'älteren' Mitarbeiter im FHL-Vertrag bleiben könnten und dass ihre Vorteile somit gesichert seien. So steht es übrigens auch in ihren Verträgen", erklärt Nora Back. "Seit 2010 werden die neuen Mitarbeiter laut dem neuen SAS-Kollektivvertrag eingestellt, so dass wir in unserem Sektor ein Zwei-Klassen-Personal haben", bedauert die Gewerkschafterin.

Sodexo habe immer gefordert, dass alle Mitarbeiter nach dem günstigeren SAS-Tarif entlohnt werden. Dies hatten allerdings nur wenige akzeptiert. "Viele Angestellte in Bettemburg müssen demnach weiterhin nach dem vorteilhafteren Tarif entlohnt werden, doch der Arbeitgeber verweigert den Angestellten diese Aufwertung", sagt Nora Back.

"Bedrohungen und Einschüchterungen"

Der Arbeitgeber versuche seit mehreren Jahren, den Kollektivertrag bewusst zu umgehen. „Immer wieder kommt es hier zu Bedrohungen und Einschüchterungen, die das Personal belasten. Wir sind nunmehr an einem Punkt angelangt, wo die Mitarbeiter einfach keinen Ausweg mehr sehen“. 

Besonders kritisch ist aus ihrer Sicht die Situation im Pflegeheim „An de Wisen“ in Bettemburg. Die Zeichen standen 2016 und 2017 auf Sturm, nachdem die Betreibergesellschaft "Sodexo résidences services asbl" völlig überraschend einen Sozialplan beantragte, durch den 66 Mitarbeiter der Pflegeheims hätten entlassen werden sollen. Es kam zu Solidaritätsaktionen in mehreren Pflegehäusern. Der ganze Sektor wurde damals mobilisiert und war bereit, diesmal aufs Ganze zu gehen. Nach monatelangem Hin und Her wurde dann unter der Obhut des Sozialministers Romain Schneider eine Einigung gefunden.

"Leider befinden wir uns heute in der Situation, dass dieser Vertrag gebrochen wurde", bedauert Nora Back. "Seit Inkrafttreten des neuen Kollektivvertrags verweigert die Direktion den Mitarbeitern kategorisch die Aufwertung ihrer Karrieren."

Seit Februar 2017  hat sich die Gewerkschaft für die Arbeitnehmerrechte in den betroffenen Pflegeheimen stark gemacht: Aktionen, Demonstrationen, Treffen mit dem zuständigen Minister. "Wir haben vieles unternommen, sind aber keinen Schritt weitergekommen". Ein Schlichtungsverfahren wurde schließlich am 13. Februar 2018 eingeleitet und "ist nun offiziell gescheitert", bedauert Nora Back.

Eine "Premiere" im Pflegesektor

Zum ersten Mal wird nun in Luxemburg im Pflegesektor gestreikt. "Ein Streik ist und bleibt in Luxemburg etwas Besonderes, auch in unserem Sektor. Ein solcher Schritt bedeutet immer, dass im Vorfeld viel diskutiert, viel gestritten und viel gekämpft wurde und dass es nicht zu einer Einigung kommen konnte. In unserem Sektor hat der Streik etwas Besonderes, weil der Mensch im Mittelpunkt unserer täglichen Arbeit steht", sagt Nora Back. Für die Angestellten sei das Wohl der betreuten Menschen das Allerwichtigste. "Der Streik ist der Ausdruck dafür, dass die Angestellten seit mehreren Jahren massiven Attacken ausgesetzt sind".

Laut OGBL haben 99 Prozent der betroffenen Mitarbeiter dem Streik zugestimmt. "Wir haben nie daran gezweifelt, dass die Angestellten zu diesem Schritt bereit sind. Wir kennen die Stimmung in den verschiedenen Einrichtungen und wissen mit welcher Entschlossenheit und mit welchem Mut die Mitarbeiter bereit sind, in den Streik zu treten".

Die Abstimmungen mit den Beschäftigen sind in Bettemburg und Bartringen bereits abgeschlossen. In Bartringen soll ab Donnerstag gestreikt werden. Die Mitarbeiter aus Petingen werden in einem weiteren Schritt hinzutreten. Trotz des Streiks soll die Versorgung der Bewohner des Heims gewährleistet werden, versichert die Gewerkschaft. Streiken dürfen nur die betroffenen Mitarbeiter; im Pflegeheim "an de Wisen" sind es rund 100 Beschäftigte von insgesamt 200.




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