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Amazon feiert Jubiläum: Am Anfang war das Buch
Wirtschaft 5 Min. 15.07.2015

Amazon feiert Jubiläum: Am Anfang war das Buch

Der Hauptsitz des Unternehmens Amazon befindet sich in Seattle im US-Bundesstaat Washington, 
die Europazentrale ist in Luxemburg.

Amazon feiert Jubiläum: Am Anfang war das Buch

Der Hauptsitz des Unternehmens Amazon befindet sich in Seattle im US-Bundesstaat Washington, 
die Europazentrale ist in Luxemburg.
Foto: Gerry Huberty
Wirtschaft 5 Min. 15.07.2015

Amazon feiert Jubiläum: Am Anfang war das Buch

Vor 20 Jahren hat Amazon sein erstes Buch verkauft. Heute versucht der Online-Gigant, sich im Alltag der Kunden auszubreiten, damit sie in jeder Lebenslage reibungslos bei ihm einkaufen. Die Erfolgsgeschichte hat aber auch Schattenseiten.

(dpa/aa) - Vor 20 Jahren hat Amazon sein erstes Buch verkauft. Heute versucht der weltgrößte Online-Händler, sich im Alltag der Kunden auszubreiten, damit sie in jeder Lebenslage reibungslos bei ihm einkaufen. Die Erfolgsgeschichte des Giganten aus Seattle hat auch Schattenseiten. Neben den Arbeitsbedingungen steht Amazon auch wegen seiner Steuerpraxis in der Kritik. Die EU-Kommission ermittelt noch wegen des Luxemburger Steuermodells.

Die Geschichte des Online-Händlers Amazon ist eine der großen Erfolgsstorys der Internet-Ära. Aus den Gedankenspielen von Gründer Jeff Bezos vor zwei Jahrzehnten im 40. Stock eines New Yorker Wolkenkratzers wurde ein weltumspannender Gigant, der nicht nur dem stationären Einzelhandel zusetzt, sondern mit seinem Cloud-Geschäft auch unzählige Start-ups am Laufen hält.

Expansion geht weiter

Die Expansion ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen: Amazon fährt bestenfalls schmale Gewinne ein und steckt jeden Dollar in den Ausbau des Geschäfts. Die Anleger, die diesen Kurs jahrelang mit immer weiteren Kurssteigerungen befeuerten, lassen inzwischen gelegentlich Ungeduld bei den Quartalszahlen aufblitzen.

Bezos zog 1994 aus einem komfortablen Job an der Wall Street in eine Garage in Seattle für eine große Vision: Alles Mögliche über das Internet zu verkaufen. Er startete zunächst mit Büchern – weil sie robust beim Versand und unkompliziert in der Logistik waren sowie eine ordentliche Marge boten. 

Dickes Fachbuch über das Denken

Nach rund einem Jahr Anlaufzeit und einem Namenswechsel von Cadabra.com zu Amazon wurde am 16. Juli 1995 das erste Buch an einen externen Kunden verkauft, ein über 500 Seiten dickes Fachbuch über das Denken. Heute steht ein Exemplar von „Fluid Concepts and Creative Analogies: Computer Models of the Fundamental Mechanisms of Thought“ hinter Glas am Eingang des Amazon-Hauptgebäudes in Seattle.

Der heute 51 Jahre alte Bezos drückte Amazon in jeder Hinsicht seinen Stempel auf. Dazu gehört neben dem gebetsmühlenartig beschworenen Fokus auf den Kunden die anfangs rigorose Sparsamkeit. Die damals aus alten Türen zusammengebauten Tische sind heute noch zur Erinnerung über die Firmengebäude verteilt. Das half Amazon immerhin auch, im Gegensatz zu manchem anderen Börsenliebling das Platzen der Internet-Blase zu überstehen.

Vom Buchhändler zum Allesverkäufer

Bezos sei ein „passionierter Problemlöser“, beschrieb ihn der amerikanische Technologiejournalist Brad Stone in seiner Biografie „Der Allesverkäufer“. Zugleich sei er ein „Micromanager mit einer endlosen Flut neuer Ideen“ – und zum Teil schroffen Reaktionen, wenn Mitarbeiter seinen Standards nicht gerecht werden.

Eine der vielen verworfenen Ideen war, für den schnelleren Versand Waren bei Kunden zwischenzulagern. Aus einer anderen – die technischen Überkapazitäten für Stoßzeiten wie das Weihnachtsgeschäft im Rest des Jahres zu vermieten – entstand der Cloud-Provider Amazon Web Services. Die Sparte überraschte im ersten Quartal bei ihren erstmals veröffentlichten Zahlen trotz eines heftigen Preiskampfs mit Google und Microsoft mit einem operativen Gewinn von gut einer Viertelmilliarde Dollar.

Fire Phone wurde seltener Flop

In seinem dritten Jahrzehnt arbeitet Amazon daran, sich als „Allesverkäufer“ tief im Alltag der Kunden auszubreiten. In den USA experimentiert der Konzern unter anderem mit drahtlosen Knöpfen, die überall im Haushalt angebracht werden können. Auf Knopfdruck wird die nächste Ladung Waschmittel, Zahnpasta oder Windeln nachbestellt. Der vernetzte Amazon-Lautsprecher Echo kann auf Sprachbefehl den gewünschten Song spielen und beim Kochrezept aushelfen – oder ebenfalls eine Amazon-Bestellung annehmen.

Beim Versuch, den Kunden ein Smartphone als Einkaufsmaschine in die Tasche zu stecken, erlitt Bezos jedoch im ersten Anlauf einen seltenen Flop. Das Fire Phone, das unter anderem Artikel auf Grundlage eines Fotos erkennen und bestellen kann, blieb ein Ladenhüter und handelte Amazon einen Abschreibung von rund 170 Millionen Dollar ein.

Wenig Mitgefühl für die Konkurrenz

Dagegen hält Amazon auch dank seiner Kindle-Lesegeräte die Führung im Geschäft mit digitalen Büchern – auch wenn die zum Teil harsche Verhandlungstaktik, bei der einzelne gedruckte Titel plötzlich nicht bestellbar waren, dem Konzern Kritik aus der Verlagsbranche einbrachte.

Für die Einzelhändler, die Amazon quer durch die Welt massiv unter Druck gesetzt hat, zeigt Bezos wenig Mitgefühl. „Sie werden sich weiterentwickeln, sie werden nicht aufgeben. Wettbewerb löst immer eine Evolution aus“, konterte er in einem dpa-Interview. „Zweitens ist es einfach unser Job, den Kunden das beste Angebot und den besten Service zu bieten. Die Kunden entscheiden, wo sie kaufen, nicht wir.“

„Prime Day“ oder „Shame Day“?

Zum 20. Jubiläum versuchte Amazon bereits am 15. Juli, so etwas wie einen eigenen internationalen Feiertag zu etablieren: Den „Prime Day“ mit Sonderangeboten nur für Nutzer seines kostenpflichtigen Abo-Dienstes. In Deutschland nahmen Gewerkschafter dies zum Anlass, den Umgang des US-Konzerns mit seinen Mitarbeitern zu kritisieren. In Berlin erklärten die Streikleiter den von Amazon ausgerufenen „Prime Day“ auf einem Transparent sogar zum „Shame Day“ (Tag der Schande).

„Die Beschäftigten haben nichts zu feiern“, sagte Stefanie Nutzenberger von der Gewerkschaft Verdi am Mittwoch in Berlin bei einem Treffen der Streikleiter aus den neun deutschen Amazon- Logistikzentren. Verdi versucht seit dem Frühsommer 2013 mit Arbeitskämpfen, einen Tarifvertrag auf dem Niveau des Einzel- und Versandhandels durchzusetzen. Verhandlungen darüber lehnt Amazon aber strikt ab. Das Unternehmen sieht sich als Logistiker und verweist auf eine Bezahlung am oberen Ende des Branchenüblichen. Nutzenberger sagte dagegen, Amazon führe einen Verdrängungswettbewerb gegen den stationären Einzelhandel – und zwar „mit der Zahlung von Einkommen, die unterhalb der Tarifstandards liegen“.

Kritik an Arbeitsbedingungen und Steuerpraxis

Neben den Arbeitsbedingungen geriet Amazon auch bereits wegen seiner Steuerpraxis in die Kritik. Immer wieder kommt die Debatte darüber auf, dass Amazon über Jahre europäische Freiräume zur Steuerminimierung über Länder mit niedrigeren Sätzen genutzt habe, wobei die Firmenstruktur in Luxemburg eine zentrale Rolle gespielt haben soll. Im Großherzogtum befindet sich auch die Europa-Zentrale mit über 1 000 Beschäftigten.

Mittlerweile geht Amazon dazu über, Gewinne vor Ort zu versteuern, wo sie erwirtschaftet werden. Ob damit in Ländern wie Deutschland nennenswerte Steuereinnahmen verbunden sind, bleibt abzuwarten, denn dazu müssen erst einmal Gewinne anfallen. 2014 stand global gesehen unter dem Strich ein Defizit von 241 Millionen Dollar – trotz deutlich gestiegener Erlöse.

Die EU-Kommission setzt derweil ihr Prüfverfahren fort, ob Amazons Luxemburger Steuermodell in der Vergangenheit legal war oder nicht.


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