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Alle Dinosaurier sind tot
Frankfurt am Main: Blitze zeichnen sich am nächtlichen Himmel und über der Zentrale der Commerzbank ab.

Alle Dinosaurier sind tot

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Frankfurt am Main: Blitze zeichnen sich am nächtlichen Himmel und über der Zentrale der Commerzbank ab.
Leitartikel Wirtschaft 2 Min. 07.09.2018

Alle Dinosaurier sind tot

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
„Die Herausforderung Digitalisierung haben viele Banken verschlafen. Das rächt sich jetzt.“

Ob im Sportverein oder in der Wirtschaft, ein Abstieg tut immer weh. Auch dann, wenn er verdient ist.

Angeschlagen durch die Finanzkrise, mit mageren Ergebnissen und einem schwächelnden Aktienkurs, ist jetzt die Commerzbank von einem Newcomer, dem aufstrebenden Zahlungsabwickler Wirecard, aus dem Dax verdrängt worden. Der Ausschluss aus dem wichtigsten deutschen Aktienbarometer ist so wie der Abstieg aus der ersten Liga in die Regionalklasse.

Da es an der Börse bekanntlich immer auf und ab geht, wäre an diesem Wechsel nichts Besonderes, würde es sich bei der Commerzbank nicht um eines der ältesten und größten deutschen Geldhäuser handeln. Dieser Dax-Dinosaurier wird nun von einem vergleichsweise jungen Finanzunternehmen bloßgestellt.

Was mit der Commerzbank geschieht, ist ein Fanal für die gesamte Bankenbranche in Europa – Zeichen eines Umbruchs, der auch den Luxemburger Finanzplatz erfasst hat.

Die Aufarbeitung der Krise, die vor zehn Jahren mit dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers begann, hat die etablierten Geldinstitute viel Zeit, Kraft und Geld gekostet. Die Herausforderung Digitalisierung haben viele verschlafen. Das rächt sich jetzt.


A stock broker walks past the display board of the DAX in Frankfurt am Main, western Germany on September 5, 2018. - Wirecard, a fintech company specializing in electronic payments, is expected to replace the second German bank Commerzbank, in the Dax index on the Frankfurt Stock Exchange, reflecting the digital surge that upsetting the traditional banks. (Photo by Arne Dedert / dpa / AFP) / Germany OUT
Commerzbank fliegt aus dem DAX - Wirecard steigt in Top-Börsenliga auf
Das DAX-Gründungsmitglied Commerzbank muss seinen Platz in Deutschlands Top-Börsenliga für den Zahlungsabwickler Wirecard räumen.

Wirecard ist ein sogenanntes Fintech, ein Unternehmen, das Finanzdienstleistungen mit Technologie verändert. Das neue Dax-Mitglied ist keine klassische Bank, verfügt aber über eine Banklizenz und verdient Geld mit der Abwicklung von digitalen Zahlungen für Tausende Firmenkunden. Endverbrauchern fällt das nicht auf.

Im Vergleich zu einem agilen Nischenanbieter wie Wirecard sind Europas Großbanken schwerfällige Tanker mit einem kostspieligen Zweigstellennetz. Sie müssen sich warm anziehen.

Experten sagen, die Fintech-Branche stehe gerade erst am Anfang, vergleichbar mit der Zeit, als die ersten flimmernden schwarz-weiß Fernseher neben dem guten alten Kino aufgetaucht seien.

Jahrelang wurden die Systeme für die Verarbeitungen von Zahlungen in Geschäften und im Internet von Banken und Kreditkartengesellschaften kontrolliert. Fintechs wie Wirecard, aber auch andere Börsenstars wie Adyen NV, Paypal Holdings Inc. oder Worldpay Inc. fordern nun dieses Oligopol heraus.

Die traditionellen Banken sehen diese Entwicklung bestenfalls mit gemischten Gefühlen. Sie fürchten nicht so sehr die jungen Fintech-Start-ups, deren innovative Lösungen sie gegen gute Bezahlung in ihre eigenen Dienstleistungen integrieren können, sondern vor allem die großen Techfirmen aus dem Silicon Valley. Wenn Amazon, Google oder Facebook mit ihren massiven Cash-Reserven ins Bankgeschäft einsteigen, dann wird es ernst. Die wissen genau, wie man mit Kundendaten umgeht und wie man sie nutzt, um die Kundenbeziehung zu festigen und auszubauen.

Die Frage ist berechtigt, ob die klassische Bank ausgedient hat. Ähnliches gilt auch für die Automobilhersteller. Nur diejenigen werden bestehen bleiben, die besser als Tesla werden. Banken werden dann überleben, wenn sie Fintech als Chance und nicht als Bedrohung sehen.

Mit der Schaffung des House of FinTech (LHoFT) hat Luxemburg auf das richtige Pferd gesetzt.

Bill Gates brachte es schon 1994 auf den Punkt: „Banking is necessary, banks are not“, sagte der Microsoft-Gründer. Seine Prophezeiung ist eine Warnung, kein unausweichliches Schicksal.


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