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Alexa Ballmann: Eine Frau, die das Handwerk versteht
Wirtschaft 5 Min. 25.06.2019

Alexa Ballmann: Eine Frau, die das Handwerk versteht

Bevor sich Alexa Ballmann ihren Berufstraum erfüllen konnte, musste sie erst ihre Eltern überzeugen.

Alexa Ballmann: Eine Frau, die das Handwerk versteht

Bevor sich Alexa Ballmann ihren Berufstraum erfüllen konnte, musste sie erst ihre Eltern überzeugen.
Foto: Chris Karaba
Wirtschaft 5 Min. 25.06.2019

Alexa Ballmann: Eine Frau, die das Handwerk versteht

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Mit der Beauty-Spa-Betreiberin Alexa Ballmann steht erstmals eine Frau an der Spitze des Branchenverbands Jonk Handwierk. Im Interview erklärt sie ihre Ziele – und warum sie der Hype um ihre Person erstaunt.

Schon von klein auf wusste sie, was sie einmal werden möchte. Doch mit 19 Jahren fühlte sich Alexa Ballmann plötzlich wie in einer Sackgasse. Ihre schulische Laufbahn war wenig zufriedenstellend verlaufen. „Ich hatte das Gefühl, den falschen Weg eingeschlagen zu haben“, erzählt die heutige Unternehmerin. „Dann sagte ich mir ,Jetzt reicht es‘ – und habe die Schule abgebrochen.“ 


Erste Frau an der Spitze des Jonk Handwierk
Alexa Ballmann wurde zur neuen Präsidentin von Jonk Handwierk gewählt. Das teilte die Branchenvereinigung am Mittwoch mit.

Ohne Abitur in der Tasche wagt sie den Schritt ins Ungewisse – und wechselt in ihren Traumberuf seit Kindheitstagen, die Schönheitspflege. Mit Erfolg: Nach der Gesellenprüfung und einigen Jahren Berufserfahrung eröffnet Alexa Ballmann im Alter von 26 Jahren in Oetringen ihr eigenes Kosmetikstudio. „Die ersten zwei Jahre in der Selbstständigkeit waren, naja, sagen wir, sportlich“, erzählt sie heute. „Ich habe von frühmorgens bis spätabends gearbeitet. Aber ich hatte einen Traum und habe um ihn gekämpft.“    

Vergangenen Mai wurde Ballmann zur Präsidentin des Jonk Handwierk (JHL) gewählt, eine Interessenvertretung mit 130 Mitgliedern, die sich für die Belange von jungen Unternehmern im Handwerk einsetzt. Es ist das erste Mal, dass eine Frau diese Position einnimmt. Seit ihre Ernennung vergangene Woche bekannt wurde, ist ein kleiner Hype um die 34-jährige Beauty-Spa-Betreiberin entstanden. Die neu gewählte JHL-Präsidentin hat bereits mehrere Interviewtermine absolviert. „Eigentlich sollte es kein Thema mehr sein, wenn eine Frau eine Führungsfunktion übernimmt. Leider ist es aber immer noch Normalität, dass eher Männer in diesen Positionen zu finden sind.“ 

In den Führungsgremien der beiden wichtigsten Branchenverbände, der Chambre des Métiers und der Fédération des Artisans, sitzt jeweils nur eine Frau. „Das wird sich auch so schnell nicht ändern, weil es für viele Frauen schwierig ist, ihren Job, die Familie und dann auch noch ein Amt in einer Berufsorganisation unter einen Hut zu bekommen.“ Generell sind Frauen in der Branche unterrepräsentiert: Von den 7.459 „Gérants“ im Handwerk sind nur 23 Prozent Frauen.

Das aktuelle System der Berufsausbildung funktioniert nicht mehr. 

Auch Alexa Ballmann musste sich den Respekt der meist männlichen Kollegen erst erarbeiten: „Als ich meine Kandidatur als Präsidentin des JHL gestellt habe, habe ich zunächst fragende Blicke geerntet. Bei einem Mann würde das wohl nicht passieren, da wird ein Führungsanspruch quasi als normal angesehen.“ Die Schönheitspflegerin findet, dass sich Frauen im Beruf nicht bremsen oder verbiegen lassen sollten. „Sie sollten sich trauen, ihre Ziele deutlich zu formulieren und Verantwortung zu übernehmen.“ 

Finanzielle Mittel fehlen 

Die größte Herausforderung für junge Firmenverantwortliche sei heute das Thema Immobilien, sagt Ballmann: „Für die ältere Generation war es noch normal, dass sie sich beim Einstieg ein Geschäftslokal gekauft und dann im Ruhestand vermietet oder verkauft haben. Angesichts der aktuellen Immobilienpreise ist es für junge Selbstständige momentan ganz schwer, eigene Räumlichkeiten zu kaufen. Stattdessen können sie nur mieten. Hier müsste der Staat mehr Hilfeleistungen bieten.“ 

"Mehr als nur Schminken": Wie viele andere Handwerksberufe ist auch die Schönheitspflege mit vielen Klischees behaftet, bedauert Alexa Ballmann.
"Mehr als nur Schminken": Wie viele andere Handwerksberufe ist auch die Schönheitspflege mit vielen Klischees behaftet, bedauert Alexa Ballmann.
Foto: Chris Karaba

Das Thema sei umso mehr brisant, weil in den nächsten zehn Jahren rund 1.500 Handwerker-Patrons in Rente gehen werden. „Es wären genügend junge Nachfolger da, doch es fehlen ihnen oft die finanziellen Mittel“, bedauert die JHL-Präsidentin. Auch die Gründung ihres eigenen Schönheitssalons wäre damals ohne die Bürgschaft ihres Vaters nicht möglich gewesen. „Mein Business-Plan ist aufgegangen und ich konnte nach einigen Jahren sogar expandieren. Trotzdem besitze ich heute kein eigenes Geschäftslokal, sondern bezahle für meine zwei Studios Miete.“ 

Welche Prioritäten sie als Chefin des Jonk Handwierk setzen will? „Wir wollen mehr Mitglieder für den Berufsverband gewinnen, auch ganz junge unter 30 Jahren.“ Ballmann sieht es auch als eine ihrer Kernaufgaben, das Image des Handwerks in den nächsten Jahren zurechtzurücken. Dies sei auch ein Ansatz, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. „Das Anfangsgehalt mag zwar im Privatsektor niedriger sein, dafür bietet gerade das Handwerk oft spannendere Perspektiven und Entfaltungsmöglichkeiten.“ Auch der technologische Aspekt der Arbeit habe sich enorm weiterentwickelt.

Reform für die Lehre 

In Sachen Berufsausbildung will sich die JHL-Präsidentin für Änderungen starkmachen. „Das aktuelle System der Berufsausbildung funktioniert nicht mehr“, sagt Ballmann. „Das Niveau der Kurse ist leider nicht sonderlich hoch. Zudem haben viele Chefs schlicht nicht die Zeit, um sich ausreichend um den Nachwuchs im Betrieb zu kümmern. In vielen Fällen erreichen die Lehrenden dadurch nicht das Niveau, das auf dem Arbeitsmarkt erforderlich ist.“ 


Die Berufsausbildung soll nicht länger das Stiefkind des Luxemburger Schulsystems sein.
Berufsausbildung - und dann?
Die Reform der Berufsausbildung blieb bisher aus. Am Mittwoch stellte Bildungsminister Meisch seine neuen Ideen vor.

Die jüngsten Vorschläge von Bildungsminister Claude Meisch für eine Reform der Berufsausbildung begrüßt Ballmann. So soll es für Lehrkräfte künftig einfacher möglich sein, von einem auf den anderen Ausbildungszweig zu wechseln und auch die Option geben, den DAP-Abschluss parallel zum Abitur zu machen. Leider halte sich das Vorurteil, dass das Handwerk etwas Minderwertiges sei, hartnäckig. „Die Handwerkslehre hat keinen guten Stand, weil sie als Scheitern oder ,Schule der letzten Chance‘ empfunden wird.“ 

Ballmann kritisiert, dass Jugendliche oft in einen Ausbildungsweg gedrückt werden, der nicht ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht. Sie kennt das aus eigener Erfahrung: Obwohl sie schon immer „Esthéticienne“ werden wollte, sei sie erst über einen Umweg durch zwei Lyzeen in dem Berufszweig gelandet. „Die klassische Schule, das war nicht wirklich etwas für mich, obwohl ich diese Erfahrungen, die ich am Athénée de Luxembourg und an der Ecole de Commerce et de Gestion gemacht habe, nicht missen möchte. Aber meine Eltern hatten die Angst, dass das Niveau einer Lehre zu niedrig sei und ich lieber einen ,ordentlichen‘ Abschluss machen sollte. Nach vielen Diskussionen mit ihnen habe ich meinen großen Berufswunsch aber zum Glück durchgesetzt und bin den Weg der Lehrausbildung gegangen.“ 

Eine Entscheidung, die sie bis heute nicht bereut hat.


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