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ABBL: "Nicht von vornherein Nein sagen"
Wirtschaft 5 Min. 01.08.2019 Aus unserem online-Archiv

ABBL: "Nicht von vornherein Nein sagen"

Facebook hat vor wenigen Wochen ein Konzept für die neue globale Digitalwährung Libra vorgestellt.

ABBL: "Nicht von vornherein Nein sagen"

Facebook hat vor wenigen Wochen ein Konzept für die neue globale Digitalwährung Libra vorgestellt.
Foto: dpa
Wirtschaft 5 Min. 01.08.2019 Aus unserem online-Archiv

ABBL: "Nicht von vornherein Nein sagen"

Nadia DI PILLO
Nadia DI PILLO
Die Bankenvereinigung ABBL nimmt die Pläne von Facebook für eine weltweite Kryptowährung unter die Lupe.

Zu wenig Datenschutz, zu viel Anonymität, mögliche Geldwäsche und Gefährdung des globalen Finanzsystems – Regierungen, Zentralbanker und Finanzexperten aus aller Welt äußern derzeit Bedenken gegen die geplante Facebook-Währung Libra. Das Projekt stelle ernsthafte regulatorische und systemische Probleme dar, teilten auch zuletzt die Finanzminister und Notenbankchefs der G7-Staaten auf ihrem Treffen in Chantilly bei Paris mit.

Doch bei aller Skepsis steht zumindest die Luxemburger Bankenvereinigung ABBL der Idee einer weltweiten Digitalwährung offen gegenüber. "Von vornherein einfach Nein zu sagen, egal was Facebook anbietet, das kann nicht die richtige Haltung sein", sagt Marc Hemmerling, der beim Bankenverband ABBL den Bereich Digital Banking, Fintech and Payments verantwortet.

"Wir gehen die ganze Sache vorurteilsfrei an. Wir müssen erst einmal verstehen, welches Geschäftsmodell hinter der Kryptowährung steckt, was das Angebot beinhaltet und wie genau Libra in der Praxis aussehen wird.

"Wir gehen die ganze Sache vorurteilsfrei an. Wir müssen erst einmal verstehen, welches Geschäftsmodell hinter der Kryptowährung steckt, was das Angebot beinhaltet und wie genau Libra in der Praxis aussehen wird", sagt der Bankenexperte. Seiner Ansicht nach gibt es keinen Grund für Alarmismus – aber für Wachsamkeit.

Marc Hemmerling will die anstehenden Herausforderungen „positiv und konstruktiv" angehen.
Marc Hemmerling will die anstehenden Herausforderungen „positiv und konstruktiv" angehen.
Gerry Huberty

Facebook hat seine eigene Digitalwährung am 18. Juni vorgestellt: Mit Libra soll Verbrauchern ab dem kommenden Jahr eine global einsetzbare Währung zur Verfügung stehen. Ähnlich wie die Währung Bitcoin fuße Libra auch auf der sogenannten Blockchain-Technologie, soll den Angaben nach jedoch keinen Kursschwankungen ausgesetzt sein.

"Es wäre falsch, innovative Konzepte zu ignorieren oder zu unterdrücken. Es gibt aber Klärungsbedarf, da viele Detailfragen noch offen sind". Daher hat die ABBL nun eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit den möglichen Auswirkungen auf Geldpolitik, Finanzmärkte und Bankengeschäfte beschäftigen soll. Die Arbeitsgruppe, die sich aus technischen und juristischen Experten zusammensetzt, soll „eine Bestandsaufnahme machen und die Initiative bewerten".

Positionspapier im Herbst

"Wir sollten uns davor hüten, den Teufel gleich an die Wand zu malen. Bei einer neuen Digitalwährung ist es wie bei vielem im Geschäftsleben: Sie kann positive sowie negative Auswirkungen haben. Die Banken müssen mit der Zeit gehen. Es gilt daher, zunächst einmal zu prüfen, inwieweit die Finanzinstitute mit dem neuen Zahlungssystem leben könnten".

Ein Hauptziel besteht auch darin, im Herbst ein gemeinsames Positionspaper zum Thema Facebook-Währung vorzulegen. "Derzeit beschränkt sich das Projekt auf eine offizielle Ankündigung. Noch sind viele Details des Zahlungsprojektes von Facebook ungeklärt", beschreibt Hemmerling die Situation.

In der Tat müssen noch viele Fragen geklärt werden: Welche regulatorische Herausforderungen sind zu beachten? Wer kontrolliert am Ende den Libra-Algorithmus? Und welche Nutzerdaten erhält das hinter Libra stehende Konsortium?

"Man kann nur hoffen, dass in der Zahlungs- und Technologiewelt alle mit den gleichen Regeln spielen werden. Viele befürchten gerade jetzt, dass Unternehmen wie Facebook, Google oder Apple so viel Macht bekommen, dass es den Kleinen schwer fällt, Nein zu sagen", so Hemmerling. Trotzdem will die ABBL die anstehenden Herausforderungen „positiv und konstruktiv angehen“.

"Es könnte ja sein, dass die Banken und Facebook gut miteinander kooperieren. Man sieht ja bereits in Europa, dass viele Finanzinstitute mit Apple zusammenarbeiten."

"Bitcoin bleibt als Zahlungsmittel eine Randerscheinung. Auch wenn es bereits Millionen Bitcoins auf der Welt gibt, ist die Größenordnung unbedeutend im Vergleich zu den Milliarden Transaktionen, die jeden Tag weltweit getätigt werden.

Bitcoin versus Libra

Unterschätzen sollten die Banken das neue Angebot von Facebook nicht. Denn: Anders als bekannte digitale Währungen wie Bitcoin könnte Libra erstmals eine bedeutende Rolle als Zahlungsmittel einnehmen. "Bitcoin bleibt als Zahlungsmittel eine Randerscheinung. Auch wenn es bereits Millionen Bitcoins auf der Welt gibt, ist die Größenordnung unbedeutend im Vergleich zu den Milliarden Transaktionen, die jeden Tag weltweit getätigt werden", sagt Hemmerling.

Anders als der Bitcoin könnte Libra dank seiner Verbreitung praktisch über Nacht Milliarden von Menschen in Kontakt bringen und ein neues Zahlungsmittel etablieren, das über Banken, Länder und Kontinente hinweg funktioniert. „Die kleinen Kryptowährungen sind derzeit geduldet, weil sie in der gesamten Geldmenge keine wichtige Rolle spielen. Bei Libra stehen die Politiker und Regulierer aber vor einer größeren Herausforderung. Wir stellen uns daher die Frage: Was werden die großen Zentralbanken und Aufseher machen? Wie geht es mit der geldpolitischen Souveränität der Staaten weiter?“


(FILES) In this file photo taken on May 1, 2018 Facebook CEO Mark Zuckerberg speaks during the annual F8 summit at the San Jose McEnery Convention Center in San Jose, California. - Facebook is leaping into the world of cryptocurrency with its own digital money, designed to let people save, send or spend money as easily as firing off text messages."Libra" -- described as "a new global currency" -- was unveiled June 18, 2019 in a new initiative in payments for the world's biggest social network with the potential to bring crypto-money out of the shadows and into the mainstream. Facebook and an array of partners released a prototype of Libra as an open source code to be used by developers interested in weaving it into apps, services or businesses ahead of a rollout as global digital money next year. (Photo by JOSH EDELSON / AFP)
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Die Frage der Regulierung

Einige Zentralbankchefs haben sich bereits gegen Libra positioniert. US-Notenbankchef Jerome Powell etwa hat sich vor Vertretern des US-Repräsentantenhauses sehr kritisch über die geplante Facebook-Digitalwährung geäußert. Auch die Gruppe der sieben führenden Industriestaaten (G7) hat bereits eine Arbeitsgruppe zu dem Thema eingesetzt. Geleitet wird sie von EZB-Direktor Benoît Cœuré. Die Zentralbanken prüften derzeit, ob Risiken für die Finanzstabilität bestehen. Auch in Luxemburg beobachtet man die Entwicklung bei Libra ganz genau.

"Das Projekt kann neue Möglichkeiten eröffnen; es kann aber auch wichtige Finanzaktivitäten von beaufsichtigten Finanzunternehmen in den unregulierten Bereich führen", sagt die Luxemburgische Zentralbank auf Nachfrage hin. Die BCL, als Mitglied des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB), prüfe sorgfältig alle Neuerungen und Projekte rund um die "Stable coins" – also Kryptowährungen, die an einen stabilen Vermögenswert gebunden sind. Dazu gehört auch die neue Facebook-Währung Libra.

"Wir prüfen sorgfältig die potenziellen Risiken, unter anderem auch für die Finanzstabilität. Dazu gehören auch die möglichen Auswirkungen auf die Funktionen der Zentralbanken, einschließlich auf die Gewährleistung der Sicherheit und die Effizienz der Zahlungssysteme".

Auch die Finanzbehörde CSSF verfolgt "die neuesten Entwicklungen in diesem Dossier und insbesondere die Diskussionen auf der internationalen Ebene". Die CSSF weist darauf hin, dass es sich vorerst nur um die Ankündigung eines Projekts handelt. Da die konkrete Ausgestaltung von Libra noch nicht abschließend geklärt ist, sei es schwierig, „die möglichen Auswirkungen auf das globale Finanzsystem zu bewerten“.

Auch das Finanzministerium will das Projekt nicht voreilig urteilen. "Wir werden die Entwicklungen genau verfolgen", sagt ein Pressesprecher. Und: "Es kommt schließlich darauf an, wie sich Regulatoren und Zentralbanken in dieser Frage positionieren werden."


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