07.09.2010 18:57 Uhr




Museen verunsichert
Fälschungsskandal erschüttert den Kunsthandel
Hohe Auktionserlöse für fragliche Gemälde

Pechstein-Fälschung
Foto: dpa
Das Bild "Liegender Akt mit Katze" gilt als Fälschung

(dpa) - In den deutschen Museen schauen sich die Direktoren derzeit vor allem die Rückseiten ihrer Bilder genauer an.

Ein Herkunftsaufkleber auf einem vermeintlichen Werk des rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk führte auf die Spur eines Fälschungsskandals, der beispiellos für den internationalen Kunsthandel ist.

Aus einer Sammlung namens "Werner Jägers" sollte das über Jahrzehnte verschollene Tiergemälde "Rotes Bild mit Pferden" (1914) stammen, das vor vier Jahren für einen Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro beim Kölner Auktionshaus Lempertz in Köln versteigert wurde.

Aus dem anfänglichen Verdacht wurde ein Kunstkrimi: Inzwischen laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Häuser wurden durchsucht, drei Verdächtige aus der Familie Jägers festgenommen, gegen zwei weitere Personen wird ermittelt.

Insgesamt seien zwölf Bilder aus der vermeintlichen Jägers-Sammlung in den Handel geschleust worden, sagt der Inhaber des renommierten Kölner Auktionshauses Lempertz, Henrik Hanstein, der dpa. Dazu gehören zwei weitere bei Lempertz versteigerte Werke von Max Pechstein. Auch Christie's in London habe zwei wohl falsche Campendonks sowie ein Werk von Max Ernst versteigert, das heute im Museum Würth in Künzelsau hänge. In den Niederlanden würden weitere Bilder geprüft. Und im Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum hängt als Leihgabe der spanischen Telefongesellschaft Telefónica ein zweifelhaftes Werk des Kubisten Louis Marcoussis.

Bereits im Juli hatte der Fachmann Ralph Jentsch im Lehmbruck-Museum die Rückseiten der Bilder der Kubismus-Schau nach verdächtigen Aufklebern abgesucht, die den jüdischen Kunsthändler Alfred Flechtheim zeigten. Jentsch war es, der die Fälschungsaffäre anhand dieser Aufkleber aufdeckte, die immer wieder auf den Rückseiten von Werken aus der "Jägers"-Sammlung zu finden waren.

Wie aber konnten die mutmaßlichen Fälschungen die Hürden der Expertisen im Kunsthandel überwinden? Die Fälschungen seien "genial", sagt Hanstein. Und: "Wir haben uns alle auf maßgebliche Experten verlassen." Diese hätten die Werke, von denen es jeweils nur Erwähnungen in der Fachwelt gegeben hatte, für echt befunden.

Die Bilder seien "in homöopathischen Dosen" über mehrere Jahre in Köln, London und Paris verkauft worden. Festgenommen wurden unter anderem zwei Enkelinnen Jägers, der in Wirklichkeit ein rheinischer Kaufmann war und auf einem Kölner Friedhof bestattet ist.

Hanstein weist Vorwürfe, Lempertz habe nicht sorgfältig genug geprüft, zurück. "Wir sind im Kunsthandel alle nicht davor gefeit." Die Verunsicherung angesichts des dreisten Fälschungscoups sei in der Branche groß. "Wir sind die Opfer und werden alle darunter zu leiden haben."