Seit Sonntagnacht ist die Olympische Flamme in Vancouver erloschen. Die XXI. Olympischen Winterspiele gehören der Geschichte an. Was bleibt, ist in erster Linie Zahlenmaterial: Gastgeber Kanada gewann mit 14 ersten Plätzen die meisten Goldplaketten;
die USA gewannen insgesamt 37 Medaillen und Deutschland setzt sich nach Vancouver mit 358 Podiumsplätzen an die Spitze des „ewigen“ Medaillenspiegels, in dem Luxemburg übrigens auf Rang 32 geführt wird, dank der beiden Silbermedaillen, die Marc Girardelli 1992 gewann. Und schätzungsweise 500 Millionen Zuschauer verfolgten alleine die Abschlussfeier im BC Place in Vancouver vor dem Fernseher. Vancouver wird für ewig mit dem Namen Nodar Kumaritashvili verbunden bleiben. Der 21-jährige georgische Rodler verlor noch vor dem Auftakt der Spiele sein Leben bei einem Trainingsunfall auf der Eisbahn, als es ihn kurz nach der Ziellinie aus dem Kanal trug und gegen einen Stahlträger schleuderte. Er erlag seinen schweren Verletzungen.
Doch „the games must go on“, so verkündigte bereits 1972 nach dem folgenschweren Attentat auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Sommerspielen von München der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der Amerikaner Avery Brundage, das Leitmotiv der Spiele. Dieses Motto hatte auch für Kanada Geltung – und ließ der Trauer keinen Platz.
In Whistler sollten leichte Anpassungen der Rodelbahn ausreichen, um weitere schwere Unfälle verhindern, auf der „schnellsten Bahn der Welt“ mit Spitzengeschwindigkeiten von über 150 km/h! Und um jede Polemik zu verhindern, verbot der internationale Fachverband allen Startern und Trainern, sich öffentlich über die Sicherheitsvorkehrungen zu äußern. Eine skandalöse Maßnahme, die des Olympischen Geists nicht würdig ist, und trotzdem vom Internationalen Olympischen Komitee abgesegnet wurde. Vancouver hat jedoch auch außersportliche Geschichte geschrieben. Erstmals nahm die Urbevölkerung eine Art Partnerrolle bei Olympischen Spielen ein.
Kanadas Aborigenes machen nur noch vier Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Doch innerhalb der „First nations“, wie sie sich selbst nennen, war man sich uneins über Vor- und Nachteile der Olympischen Spiele. Ein Großteil der Ureinwohner Kanadas lebt weiterhin in großer Armut. Für diese Realität war im Rahmen der Winterspiele jedoch kein Platz. Auf eine Entschädigung für das Land, auf dem sie Jahrtausende lebten, warten sie heute noch. Doch Olympia kann nicht wettmachen, was Politiker jahrzehntelang versäumt haben.
Sondern bestenfalls einen Denkanstoß liefern. Die Winterspiele endeten ohne einen Dopingfall während der Wettkämpfe. Unvorsichtig, weil naiv, wäre es jedoch zu behaupten, dass während dieser 14 Tage kein Sportler zu unerlaubten Mitteln gegriffen hätte. Dopingsünder- und fahnder liefern sich auch weiterhin einen Kampf, der mit der neuesten technologischen Methodik geführt wird.
Doch sind wir nicht mitschuldig an diesem wahnwitzigen Rennen? Wollen nicht wir alle Zeuge immer neuer Bestleistungen werden? Womit wir wieder beim Anfang wären. Und bei Nodar Kumaritashvili.