Transfers im Radsport
02.01.2010 08:14 Uhr

Vertragsbrüche plötzlich keine Seltenheit mehr

Eb nen Wiggins, Swift, Beppu, Sky, RadioShack und Co. den Weg in eine neue Ära?



Foto: Tim De Waele
Ende 2010 laufen die Verträge von Andy Schleck (l.) und Fränk Schleck (r.) beim Team Saxo Bank aus. Spätestens dann werden sicherlich einige Mannschaften um die Dienste des Duos buhlen.

(jg) - In den vergangenen Jahren war die Situation im Radsport im Regelfall sehr einfach. Stand ein Fahrer bei einer Mannschaft unter Vertrag, war es ihm unmöglich zu wechseln, beziehungsweise vom Team verkauft zu werden.

Zwar gab es auch bereits in der Vergangenheit immer wieder Einzelfälle, wo ein Fahrer (u. a. Tom Boonen, Franck Vandenbroucke, Johan Bruyneel, Luc Leblanc) auch mit laufendem Vertrag, meistens von geschickten Managern nach langwierigen Verhandlungen und einer Zahlung einer Transfersumme, den Dienst bei einem neuen Arbeitgeber antreten konnten. Doch bei der überwältigenden Mehrheit der Profis und Teamchefs wurden solche mit der Brechstange erzwungenen Wechsel stets mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen.

Transfersummen zwischen zwei konkurrierenden Mannschaften sollten nicht zur Regelmäßigkeit werden, Vertragsbrüche schienen lange Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. Ähnlich groteske Verhältnisse und Summen wie beispielsweise im Fußball sollten im Radsport nicht zur Gewohnheit werden. Dies könnte sich allerdings in naher Zukunft ändern. Denn die vergangenen Wochen und Monate könnten im Radsport eine neue Ära eingeläutet haben.

Vertragpoker, Verhandlungen, Wechsel, ohne dass eine Mannschaft davon in Kenntnis gesetzt wurde, und Vetragsbrüche waren plötzlich keine Seltenheit mehr. Doch woher der Sinneswandel? Ein Grund für diese Situation ist das neue Auftauchen finanzkräftiger Teams à la Sky und RadioShack. Auf der anderen Seite sind mit Agritubel, Barloworld oder Elk-Haus auch einige Mannschaften verschwunden.

Die Briten, Hauptsponsor ist der Pay-TV-Sender Sky Broadcasting (BSkyB), überlassen nichts dem Zufall. Schnellstmöglich soll die beste Truppe der Welt formiert werden. Hierfür scheint jedes Mittel recht. Als Kapitän für die großen Rundfahrten wollte Manager Dave Brailsford unbedingt Bradley Wiggins verpflichten. Allerdings stand der diesjährige TdF-Vierte noch bis Ende 2010 bei Garmin-Slipstream unter Vertrag.

„Für den Radsport ungesund“

Jonathan Vaughters, Teamchef des US-amerikanischen Rennstalls, wollte seinen Starfahrer nicht ohne weiteres abgeben. Verhandlungen über vier Monate waren die Konsequenz, Vaughters verlangte eine Entschädigung von nicht weniger als zehn Millionen Euro (!). Resultat des ganzen Hin-und-Hers: Wiggins fährt 2010 für Sky. Unbestätigten britischen Presseberichten zufolge gegen eine Zahlung von 2,2 Millionen Euro (einem Viertel des Budgets von Garmin-Slipstream). Kurios war in den vergangenen Wochen auch die Situation einiger anderer Profis.

Ben Swift und Fumiyuki Beppu beispielsweise tauchten plötzlich in den Aufgeboten zweier verschiedener Teams auf. Der Japaner war ursprünglich bei Skil-Shimano im Besitz eines Vertrages bis Ende 2009, es existierte aber auch eine Option für die Saison 2010. Diese haben die Team-Verantwortlichen im Sommer gezogen, Beppu kümmerte dies jedoch nicht. Er erklärte RadioShack-Teamchef Bruyneel, er sei frei und beide einigten sich auf eine Verpflichtung. Skil-Shimano gab jedoch nicht klein bei, aktuell ist die Situation immer noch nicht geklärt. Gespräche zwischen dem Team-Anwalt und Beppu laufen noch, Bruyneel hat vorläufig darauf verzichtet, Beppu bei der UCI offiziell als Fahrer von RadioShack zu melden.

Von solchen Praktiken absehen

Für Skil-Shimano – und dies trifft auch auf andere Mannschafen zu – wäre ein Abgang von Beppu doppelt schmerzhaft. Denn der japanische Co-Sponsor Shimano hat bereits verlauten lassen, sich dann ebenfalls abzuwenden. Swift sollte eigentlich noch bis Ende 2010 das Trikot von Katusha tragen, wurde aber von Sky abgeworben, was Manager Andrei Tchmil ärgerte: „Die Mannschaften sollten von solchen Praktiken absehen. Für den Radsport ist dies zweifellos ungesund. Ich verstehe zwar, dass man als neu gegründetes Team auf Einkaufstour gehen muss, um einen Kader aufzubauen, doch laufende Verträge sollten respektiert werden. Wo kommen wir sonst hin?“

Die Situation ist verworren, das weiß auch UCI-Präsident Pat McQuaid: „Die Transfers sollten in respektvoller Manier ablaufen. Im Hinblick auf 2011 wollen wir eine striktere Reglementation die Transfers betreffend schaffen. Es kann nicht in unserem Sinn sein, wenn zwei Teams vor Gericht ziehen, um dort über die Verpflichtung resp. den Verbleib eines Fahrers zu streiten. Solche Szenarien schaden dem gesamten Radsport.“ Ob die losgetretene Lawine allerdings noch einmal aufgehalten werden kann? Noch spielt Geld im Radsport eine eher untergeordnete Rolle. So muss sich die Masse der Radprofis mit einem in Relation zu den Strapazen eher bescheidenen Grundeinkommen abfinden.

Ein mittelmäßiger Radprofi verdient jährlich zwischen 40 000 und 50 000 Euro. Werbeprämien, Antrittsgelder bei Kriterien usw. kommen da noch hinzu. Der von der UCI festgesetzte Mindestlohn eines Fahrers einer ProTour-Mannschaft liegt bei 33 000 im Jahr (2 750 Euro monatlich). Ein Neo-Profi wie beispielsweise Ben Gastauer oder Laurent Didier kommt auf minimum 26 700 Euro jährlich, also 2 225 Euro im Monat. Topverdiener ist Alberto Contador. Der Jahres-Verdienst des Tour-Gewinners soll sich 2009 knapp unterhalb der Zehn-Millionen-Grenze situiert haben.

Ihre Meinung zum Thema

( 1 )
  • Pit van Rijswijck meint:
    02.01.2010, 09:03 Uhr
    emmer nees flott vun dir ze liesen jg :)