Fünf Etappensiege bei einer Tour de France zu ergattern, das schaffte zuletzt im Jahr 2004 ein gewisser Lance Armstrong. Mark Cavendish (GB/Columbia-HTC) hat diese Mark gestern auf dem 19. Teilstück egalisiert und seine Dominanz bei den Massenankünften ein weiters Mal eindrucksvoll untermauert.
„The human cannonball“ (die menschliche Kanonenkugel) hat ihr Ziel auch gestern auf den 178 km zwischen Bourgoin-Jallieu und Aubenas nicht verfehlt. Nach Brignoles, La Grande-Motte, Issoudun und St-Fargeau durfte Cavendish also gestern zum fünften Mal bei der 96. Tour de France jubeln. Damit hat sich der bullige Brite auch einen Eintrag in den Geschichtsbüchern gesichert und ist an einigen Sprintgrößen der Vergangenheit vorbeigezogen. Tom Steels (B), Mario Cipollini und Alessandro Petacchi (beide I) schafften es beispielsweise stets zu „nur“ vier Tagessiegen während einer „Grande Boucle“.
Dass Cavendish letztendlich seinen insgesamt neunten Etappenerfolg bei nur zwei Tour-Teilnahmen (!) feiern durfte, verdankte er erneut seiner bärenstarken Mannschaft. Vor allem Tony Martin (D) lief zur Höchstform auf. Fast ganz alleine zog er den Sprint auf den letzten Hektometern an, Cavendish vollendete gekonnt. Dabei schien das gestrige Teilstück auf dem Papier nicht auf den Fahrer von der Isle of man zugeschnitten.
Mit dem Col de l'Escrinet (14 km à 4,1 Prozent) 15 km vor dem Ziel stand nämlich eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit auf dem Menü. Vor allem Rabobank und Cervélo machten an diesem Berg Druck. Mit allen Mitteln wollten sie Cavendish abhängen. Dieser biss jedoch auf die Zähne. Das Peloton explodierte zwar, doch der Mann mit den schnellsten Beinen im Teilnehmerfeld ließ sich nicht überraschen und gehörte zu der Gruppe um sämtliche Tour-Favoriten.
Das Szenario erinnerte an Mailand - San Remo im März dieses Jahres. Auch hier offenbarte der oft wegen seiner angeblichen Schwächen am Berg verhöhnte Cavendish ungeahnte Qualitäten. Am Poggio biss er auf die Zähne und durfte letztendlich über den Sieg bei der „Classicissima“ jubeln.
39 Fahrer schossen gestern bei einsetzendem Regen nach der Bergwertung der zweiten Kategorie dem Ziel entgegen. Alessandro Ballan (I/Lampre) und Laurent Lefèvre (F/BBOX Bouygues Télécom) hatten kurz zuvor angegriffen, waren aber letztendlich chancenlos. Das kurvenreiche Finale auf nasser Straße sorgte dafür, dass sich plötzlich eine Lücke in der Gruppe der Favoriten auftat.
Hinter Cavendish, Thor Hushovd (N/Cervélo/2.) und Gerald Ciolek (D/Milram/3.) wurden neun weitere Profis mit der selben Zeit gewertet. Hinter Lance Armstrong (USA/Astana) klaffte eine Lücke von 4" auf die Konkurrenz. Alle anderen unter den Top 10 der Gesamtwertung rangierenden Fahrer verloren demnach ein wenig Zeit auf den US-Amerikaner.
Der Rückstand von Fränk Schleck (Saxo Bank) auf den siebenmaligen Tourgewinner ist von 34 auf 38" angewachsen, eine Tatsache, die den Mondorfer aber nicht weiter beunruhigen wird. Auf dem heutigen steilen Schlussanstieg hinauf zum Mont Ventoux wird der 29-Jährige versuchen, seinen Traum vom Podium in Paris zu erfüllen.
Als aktuell Sechster muss er dabei neben Armstrong auch Bradley Wiggins (GB/Garmin-Slipstream) und Andreas Klöden (D/Astana) distanzieren. Dabei wird er auch auf die wichtige Hilfe seines Bruders und Teamkollegen Andy bauen können. Der 24-Jährige erreichte das Ziel gestern genau wie sein Bruder zusammen mit dem Gesamtführenden Alberto Contador (E/Astana) und Co. auf 4". Als Zweiter in der Gesamtwertung, 4'11" hinter dem Spanier zurück und 1'10" vor Armstrong, wird er sich heute voll in den Dienst seines Bruders stellen.
„Morgen (heute) ist der große Tag. Wir werden alles Mögliche versuchen, um in Paris zusammen auf dem Podium zu stehen. Wir können es schaffen“, so die beiden Schleck-Brüder gestern wie aus einer Kehle.
Kim Kirchen (Columbia-HTC) spielt in der Gesamtwertung keine Rolle mehr und profitierte gestern von seinen neuen Freiheiten. Auf dem extrem schnellen Abschnitt (46,3 km/h) sprang er nach neun Kilometern in eine 19-köpfige Ausreißergruppe.
Das Peloton ließ diese Angreifer aber nie ziehen. Einen maximalen Vorsprung von 2'45" fuhren die Flüchtlinge heraus. Nach 110 km explodierte die Gruppe, fünf Fahrer versuchten ihr Glück, waren letztendlich aber auch chancenlos. Kirchen ging es bis ins Ziel anschließend ruhig an, schonte Kräfte für den heutigen Tag und fuhr mit dem Gruppetto als 140. auf 18'37" ins Ziel. In der Gesamtwertung ist er nun 50. (auf 1.01'07").
„Das Tempo war extrem hoch, wir sind vorne schnell gefahren, doch das Peloton wollte uns einfach nicht ziehen lassen. Als unser Vorsprung bei rund 3' stagnierte, war mir klar, dass wir nicht durchkommen würden. Ich habe anschließend keine unnötigen Kräfte vergeudet und hoffe nun vor allem, auch den morgigen (heutigen) gut zu überstehen.
Im Gruppetto ganz gemütlich ins Ziel zu fahren, ist eigentlich auch recht angenehm. Zudem haben wir gewonnen und ich war lange Zeit an der Spitze des Rennens. Insgesamt war der Tag demnach nicht schlecht“, schilderte Kirchen seine Emotionen im Zielbereich gut gelaunt.