Von Joe Geimer aus Le Grand-Bornand
Es war Mittwoch 17.15 Uhr, als Fränk Schleck die ersten Sekunden seines zweiten Tour-Etappensieges genießen konnte. Wenige Meter dahinter konnte auch Andy Schleck seine Freude nicht verbergen. Ein Bild mit Symbolcharakter, die beiden verbindet nämlich vieles: Sie sind beste Freunde, zusammen, als Duo, sind sie zumindest bei den großen Radsport-Höhepunkten kaum zu bezwingen.
Ihre Verbindung scheint mit der Zeit immer enger und tiefgründiger zu werden, dieser Eindruck war im Zielbereich gestern omnipräsent. Es sind die kleinen Gesten, die manchmal am meisten sagen. Ein Blick, ein Lächeln, ein Augenzwinkern, ein herzliche Umarmung. Die beiden sind unzertrennlich. Mit seinen ersten Worten bedankte sich Fränk dann auch bei seinem fünf Jahre jüngeren Bruder: „Er hat sich auf den letzten drei km für mich geopfert. Dies werde ich ihm den nächsten Tagen zurückzahlen. Vielen Dank“.
Und Andy, nachdem er sich eine Cola eingeschenkt hatte („Ihr dürft Bjarne dies aber nicht erzählen“), reagierte gewohnt locker: „Naja ich habe mir auf der letzten Abfahrt gesagt: Fahr lieber an der Spitze und kontrolliere das Tempo, denn der Fränk hat hier manchmal seine Problemchen. Dass ich ihm den Sieg überließ, erklärt sich doch von selbst. Haben sie schon gesehen, was er für eine Arbeit absolviert?“
„Ich bin sehr stolz. Stolz auf meinen Bruder, stolz auf meine Mannschaft. Wir haben erneut die Verantwortung übernommen und unseren am Morgen ausgetüftelten Plan genaustens befolgt. Wir wollten angreifen und wussten, dass wir nichts zu verlieren hätten. Andy war sehr zuversichtlich und gewohnt furchtlos. Er hat mich motiviert und gesagt, heute werde unser großer Tag kommen. Den ganzen Tag über haben wir wirklich optimal gearbeitet und harmoniert. Letztendlich hat sich der Aufwand gelohnt“, verkündete F. Schleck bei der obligatorischen Pressekonferenz.
A. Schleck fügte hinzu: „Ich weiß nicht recht, wie ich meine Gefühle beschreiben soll. Heute Morgen vor dem Start der Etappe war ich schon nervös. Ich hatte eine Menge Respekt vor dem Teilstück. Ich wusste, dass ich mich hier in Szene setzen musste, wenn ich tatsächlich auf das Tour-Podium klettern will. Ich musste also angreifen. Fränk seinerseits hatte keine persönlichen Ziele, er wollte mich hundertprozentig unterstützen und hat seine Aufgabe optimal erledigt. Ich freue mich einfach riesig für ihn. Nun liegen wir in der Gesamtwertung auf den Rängen zwei und drei.
An die nächsten Tage möchte ich noch nicht denken. Nun gilt es erst einmal, den Augenblick zu genießen. Wir haben erneut gezeigt, dass im Hochgebirge nur wenige Gegner mit uns konkurrieren können.“ F. Schleck schilderte anschließend seine Gefühle: „Ich denke nicht, dass man den Etappensieg vor drei Jahren mit dem jetzigen Triumph vergleichen kann und soll. Ich genieße den Moment einfach, schließlich gewinnt man nicht jeden Tag eine Etappe der Tour de France.
Es ist ein besonderer Sieg, denn dass ich gewinnen konnte, verdanke ich meiner Familie und meinen Teamkollegen. In der ersten Tour-Woche fühlte ich mich nicht besonders gut, doch mein Umfeld hat mich stimuliert und motiviert. Andy spielte hier eine besondere Rolle. Dass er nun auch dank meiner Hilfe auf dem Podium steht, macht mich umso glücklicher. Ich werde mich weiterhin für ihn aufopfern, auch wenn ich nun einen Erfolg gefeiert habe. Den Sieg möchte ich übrigens Kurt (Arvesen) und Jens (Voigt) widmen.“
Anschließend schilderte das Duo die letzten Kilometer am Col de la Colombière, als sie nur noch Contador als Begleiter hatten: „Ich dachte hier nicht ans Angreifen. Denn ich glaubte um ehrlich zu sein nicht, ihn abhängen zu können. Es ging um das Podium, das war das Ziel und das haben wir auch erreicht. Contador hatte heute ein relativ einfaches Rennen. Eigentlich musste er nur mich im Auge behalten.
Er konnte abwarten, während mein Bruder und ich an der Spitze ackerten“, so A. Schleck. Und F. Schleck ergänzte: „Mir war ganz sicher nicht zum Angreifen zumute, denn ich war am Limit und wirklich müde. Sicherlich war Contador erneut sehr stark, doch noch kommen ja einige Etappen. Vielleicht hat er ja noch einen schwachen Moment. Sollte das passieren, werden wir unbarmherzig zugreifen. Wir müssen weiter an den Gesamtsieg glauben, ansonsten könnten wir ja gleich jetzt nach Hause gehen. Wir werden weiter angreifen.“