Von Joe Geimer aus Bourg-St-Maurice
Für Spannung und Spektakel war am Dienstag auf der 16. Etappe der Tour de France gesorgt. Allerdings drückte ein Vorfall auf der finalen Abfahrt hinab nach Bourg-St-Maurice im Zielbereich auf die bis dato hervorragende Stimmung. Sämtliche Fahrer und Teamleiter waren konsterniert, der Rennverlauf geriet völlig in den Hintergrund.
Jens Voigt (D/Saxo Bank) war schwer gestürzt. Rund 30 km vor dem Ziel war er mit seinem Fahrrad weggerutscht und auf den Asphalt geknallt. Voigts Teamchef Bjarne Riis war der Schock im Zielbereich ins Gesicht geschrieben: „Das Rennen rückt in solch einem Moment in den Hintergrund. Meine Gedanken sind ganz bei Jens, ich hoffe es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“ Einige wenige Worte zum heutigen Tag ließ er sich dann doch entlocken: „Das wird eine brutal schwierige Etappe. Hier wird vermutlich eine Entscheidung um den Tour-Gesamtsieg fallen. Wir werden uns erneut angriffslustig präsentieren.“
Kim Andersen, seines Zeichens Sportlicher Leiter, war verständlicherweise auch weniger gesprächig als normalerweise: „Der Abschnitt ist in etwa so verlaufen, wie wir es wollten. Leider hat uns der Gegenwind oben am Schlussanstieg etwas einen Strich durch die Rechnung gemacht. Man hat erneut gesehen, dass die Schleck-Brüder im Hochgebirge nur schwer zu bremsen sind. Wenige Gegner konnten ihnen folgen. In den kommenden Tagen müssen wir genauso weitermachen. Wir ha-ben das Rennen in die Hand genommen und werden weiter so agieren. Contador macht natürlich einen bärenstarken Eindruck, doch wir geben uns noch nicht geschlagen.“
Andy Schleck verteidigte sein Weißes Trikot am Dienstag erfolgreich, auch ihm war ihm Ziel dennoch nicht zum Lachen zumute: „Als ich attackierte, wollte ich unsere Gruppe zum Explodieren bringen und möglichst viele Gegner abhängen. Zumindest habe ich einen Eindruck von der effektiven Stärke einiger Konkurrenten bekommen. Morgen (heute) ist allerdings der Tag, wo es zählt. Hier geht es um alles, schwächeln darf man hier nicht“, schilderte er seine Gedanken und verschwand dann schnell im Mannschaftsbus.
Sein fünf Jahre älterer Bruder Fränk nahm sich etwas mehr Zeit: „Ich glaube, im Moment wartet die gesamte Tour de France nur auf die Gebrüder Schleck. Es sieht nämlich nicht so aus, als ob jemand anderes das Rennen animieren möchte. Wir haben demzufolge Verantwortung übernommen. Vielleicht gewinnen wir die Rundfahrt nicht, vielleicht landen wir nicht einmal auf dem Podium, doch zumindest wollen wir dafür sorgen, dass man uns in Erinnerung behält.
Die Gegner scheinen Angst vor der Verantwortung zu haben, also zeigen wir uns an der Spitze, zumal wir nichts zu verlieren haben. Zu einem Moment im Schlussanstieg hatte ich Magenprobleme und dachte, ich müsste mich übergeben. Ich habe dann auf Armstrong gewartet und zusammen konnten wir erneut nach vorne aufschließen. Der Sturz von Jens überschattet natürlich den Tag. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.“ Kim Kirchen (Columbia-HTC) erreichte das Tagesziel auch in der Gruppe um die beiden Schleck-Brüder.
„Ich habe viel Kraft investiert. Ich konnte zwar nicht ganz mit den besten fünf oder sechs mithalten, doch es fehlte auch nicht ganz viel, um den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ich hoffe, dass ich mich für morgen (heute) gut erhole. Denn dieser Tag wird wohl der schwierigste meiner bisherigen Karriere. Wenn das Wetter derart warm bleibt, werden wir viele Fahrer sehen, die einbrechen werden. Ich bin bereit, das Selbstvertrauen ist vorhanden, nun müssen die Beine nur noch folgen. Als vorne attackiert wurde, war das Tempo für mich etwas zu hoch. Ich fühlte mich allerdings nicht schlecht, sondern wollte zu einem gewissen Zeitpunkt auch einfach keine Verfolgungsarbeit leisten.
Ich hatte Lance (Armstrong) und einige weitere am Hinterrad, während vorne die Schleck-Brüder fuhren. In dieser Situation werde ich sicherlich nicht für das Tempo sorgen, da müssen andere an die Arbeit. Als Lance dann attackierte, konnte ich nicht ganz folgen. Ich habe abgewartet, konnte etwas durchatmen und zusammen mit weiteren Fahrern konnte ich dann problemlos auf den letzten zwei Kilometern die Lücke nach vorne schließen. Der Tag war wirklich hart, viel anstrengender als ich ihn mir vorgestellt hatte“, so der 31-Jährige.