Von Joe Geimer aus Verbier
Die beiden Luxemburger Hoffnungsträger Andy und Fränk Schleck zählen bei der diesjährigen Tour de France zu den absoluten Topstars. Davon konnten sich Fans, Journalisten und Schaulustige am gestrigen Ruhetag der Tour de France überzeugen.
Im Hotel Garbo hatte das Saxo-Bank-Team sein Lager aufgeschlagen. Nach dem gemeinsamen Frühstück hatten die Teamverantwortlichen für 10 Uhr eine Pressekonferenz terminiert. Der viel zu kleine Saal drohte aus allen Nähten zu platzen. Sämtliche Medienvertreter wollten einige Worte des Gesamtzweiten A. Schleck und seines älteren Bruders erhaschen. Die beiden ließen sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Geduldig beantworteten sie jede Frage. Locker und gut gelaunt, machte das Duo einen sehr souveränen Eindruck.
„Ich war am Sonntag einfach nicht stark genug, um Alberto Contador zu folgen, habe aber auf alle anderen Rivalen Zeit herausgefahren. Dementsprechend konnte ich dann auch am Abend beruhigt einschlafen. Vorwürfe oder Ähnliches brauchte ich mir nicht zu machen, denn ich holte das Maximum aus meinem Körper heraus. Ich muss zugeben, dass die letzten drei km wirklich weh taten. Es waren die bisher längsten meiner Karriere“, resümierte A. Schleck noch einmal den Rennverlauf am Sonntag hinauf nach Verbier.
2'26" liegt der 24-jährige Träger des Weißen Trikots nun in der Gesamtwertung hinter dem spanischen Leader zurück. Resigniert hat A. Schleck deswegen aber noch lange nicht: „Momentan bin ich Fünfter, doch ich habe höhere Ziele und habe am Sonntag auch weiteres Selbstvertrauen getankt. Das Podium sollte möglich sein, den Tour-Sieg habe ich noch nicht völlig abgeschrieben, auch wenn es schwierig wird. Ich werde angreifen, das ist sicherlich kein Geheimnis. Ich bin auch bereit, einige Risiken einzugehen.
Vielleicht geht es auch schief und ich verliere das Weiße Trikot. Doch ich muss mich einfach aggressiv und wachsam zeigen, denn bereuen möchte ich nachher nichts. Wir werden uns an der Spitze des Rennens zeigen und alles versuchen, denn zu verlieren haben wir nichts. Ich möchte nicht einfach im Peloton sitzen und zusehen, wie Astana diese Tour zu seinen Gunsten entscheidet. Und wenn ich nicht gewinnen kann, dann möchte ich der Konkurrenz zumindest ein wenig auf den Zahn fühlen. Ich habe noch drei Chancen und werde zuschlagen.“
Die Luxemburger Fans können sich demnach auf die letzten sechs Etappen bis nach Paris freuen. Bereits heute könnte es richtig zur Sache gehen: „Ich habe beide Anstiege bereits besichtigt und weiß, dass sie sehr anspruchsvoll sind. Vor allem der Col du Petit-St-Bernard hat es in sich, auch weil wir den Col du Grand-St-Bernard zu diesem Zeitpunkt bereits in den Beinen haben. Die letzten acht Kilometer werden wirklich weh tun. Hier müssen wir das Rennen forcieren, um zu sehen, wie sich unsere Konkurrenten fühlen.
Ziel ist es selbstverständlich, Contador zu isolieren. Ich denke, eine Attacke zu einem anderen Zeitpunkt wäre einfach verfrüht. Die nächsten beiden Teilstücke sind zwar keine Bergankünfte, dennoch werden diese Tage ungemein anstrengend sein. Spätestens im letzten Berg musst du einen Vorsprung herausfahren und diesen dann in der letzten Abfahrt zum Ziel erfolgreich verwalten“, lässt A. Schleck zumindest einen Teil der Saxo-Bank-Taktik für den heutigen Abschnitt erkennen. „Die beiden kommenden Etappen mit zwei, respektiv fünf Bergen liegen mir weitaus besser, also kann und muss ich auch zuversichtlich sein.
Zudem kann Alberto auch einmal einbrechen. Bei Paris-Nice hat man gesehen, dass es auch ihn erwischen kann.“ Was die Rolle von Lance Armstrong bis nach Paris angeht, sind sich die beiden Brüder einig: „Er wird sich nun komplett in den Dienst von Contador stellen. Alberto hat am Sonntag gezeigt, wer im Team der Kapitän ist. Man darf Lance aber noch nicht abschreiben. Wir haben noch nicht alles gesehen. Er kann auf dem Podium landen und auch ein Etappensieg ist ihm zuzutrauen.“ Wer sind neben dem Astana-Duo Contador/Armstrong die Mitkonkurrenten um einen Platz ganz vorne?
„Menchov ist aus dem Rennen, Evans muss in den kommenden Tagen schon über sich hinauswachsen und angreifen, um noch ganz vorne zu landen. Von Sastre haben wir noch keinen Angriff gesehen. Auch er muss sich in den kommenden beiden Tagen zeigen, möchte er noch weit nach vorne. Und dann ist da noch der überraschende Wiggins. Er ist nun Dritter und besitzt alle Möglichkeiten auf einen Podiumsplatz“, glaubt A. Schleck. Und sein Bruder ergänzte: „Nibali darf man auch nicht vergessen. Er hat mich am Sonntag überrascht.“
F. Schleck wirkte nach seiner glänzenden Vorstellung sichtlich erleichtert: „Andy und ich auf dem Podium? Warum nicht? Alleine der Gedanke an dieses Szenario weckt bereits besondere Emotionen in mir. Es wäre auf jeden Fall ein sensationelles Erlebnis. Ich werde allerdings niemandem versprechen, dass es am Ende auch so klappt. Die Tour de France ist ein ganz spezielles Rennen und Andy und ich haben nichts zu verlieren. Wir können nur gewinnen und wollen bis nach Paris für schöne Emotionen sorgen.
Ein tolles Spektakel und eine atemberaubende Show wollen wir bieten. Vielleicht wird man sich dann in einigen Jahren rückblickend erinnern und sagen: 2009, war das nicht das Jahr der Schleck-Brüder? Was aber dann letztendlich dabei herauskommt, steht in den Sternen. Contador macht einen bärenstarken Eindruck, doch unschlagbar ist niemand. Wer nichts riskiert, der nichts gewinnt. Wir werden aber auch nicht auf Biegen und Brechen angreifen. Eine Situation muss immer realistisch bleiben, ansonsten machen Attacken keinen Sinn. Egal wie es nun in den nächsten Tagen weitergeht, ich denke, unsere Frankreich-Rundfahrt ist uns bereits jetzt gelungen.“
Die anhaltende Kritik an einer relativ langweiligen Tour kann der 29-Jährige nicht verstehen: „Ich denke, das Rennen war sehr abwechslungsreich. Viele Ausreißer haben sich durchsetzen können, die Sprints waren auch sehenswert – wenn vielleicht mit den Siegen von Cavendish auch etwas monoton –, und nun kommen die Kletterer auf ihre Kosten. Mir gefällt der Streckenverlauf, man kann von den Fahrern nicht verlangen, jeden einzelnen Tag im Hochgebirge zu fahren.“