Von Joe Geimer aus Morzine
Für das dänische ProTour-Team Saxo Bank verläuft die 97. Tour de France bislang genau nach Plan. Nach acht Etappen lässt die Bilanz die Konkurrenz vor Neid erblassen. Fabian Cancellara (CH) trug bereits das Gelbe Trikot, Andy Schleck sicherte der Mannschaft am Sonntag einen tollen Sieg. Hinzu kommen die Tatsachen, dass der 25-Jährige auch das Klassement des besten Jungprofis anführt und Rang zwei in der Gesamtwertung belegt.
Von nicht wenigen Experten wird er nach seinem großartigen Triumph auf der Alpenetappe mit der Bergankunft in Morzine-Avoriaz bereits als Favorit Nummer eins im Hinblick auf den Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt gehandelt. Kein Wunder also, dass das Interesse am Mondorfer gestern während des ersten Ruhetages enorm war. Um 11 Uhr war die Mannschaft kompakt zu einer lockeren Trainingsfahrt aufgebrochen, um 14 Uhr empfing die Truppe von Teamchef Bjarne Riis dann die Pressevertreter im Hotel L'Equipe in Morzine.
Alle hatten sie nur Augen und Ohren für A. Schleck. Der zweifache Gewinner des Weißen Trikots bei der Tour war der Star der Pressekonferenz. Von dieser Tatsache ließ er sich aber keinesfalls aus dem Konzept bringen. Gewohnt gelassen und sehr gesprächig, präsentierte er sich am Tag nach seinem allerersten Etappensieg bei der „Grande Boucle“.
„Nach solch einem Sieg braucht man immer etwas Zeit, um das Geleistete zu realisieren. Ich bin mir aber durchaus bewusst, was es heißt, einen Tour-Etappensieg geschafft zu haben. Es ist sicherlich mein größter Sieg nach meinem Triumph beim Klassiker Liège-Bastogne-Liège. Ich bin sehr glücklich, möchte mich allerdings nun nicht zu sehr ablenken lassen. Ich habe höhere Ambitionen und muss mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben. Ich fühle mich nun noch selbstsicherer und motivierter. Für die Moral war der Erfolg ungemein wichtig. Außerdem freut es mich sehr, dem Team etwas für sein Vertrauen und seine Arbeit zurückgeben zu können. Ich kann ohne weiteres behaupten, dass ich mich in der Form meines Lebens befinde und dass ich meinen hohen Ambitionen in Paris gerecht werde“, so A. Schlecks erster Kommentar.
Anschließend analysierte er noch einmal die erste Etappe im Hochgebirge und vor allem auch das Abschneiden seines vermeintlich größten Rivalen im Kampf um den Tour-Sieg, Alberto Contador (E/Astana). „Am Sonntag habe ich Alberto zum ersten Mal in meinem Leben im Hochgebirge nicht in bester Verfassung gesehen. Dabei war dies erst die einfachste Etappe der Abschnitte in den Bergen. Für das Selbstvertrauen ist dies natürlich optimal. Ich weiß, wozu ich fähig bin und weiß auch, dass ich ihn schlagen kann. Für mich hat die Tour am Sonntag erst begonnen und es folgen noch einige richtig schwere Teilstücke. Ich liege nun nach acht Etappen auf dem zweiten Platz, mein Rückstand auf Cadel Evans (AUS/BMC Racing) ist nur sehr gering, demnach muss ich mir nicht die geringsten Sorgen machen. Es stimmt aber schon, dass es mich überrascht hat, dass Contador nicht folgen konnte. Ich habe die letzten Kilometer allerdings noch nicht am Fernseher gesehen, ich muss mir diese noch anschauen. Ich hoffe natürlich, dass sich dieses Szenario auch in den kommenden Tagen noch wiederholt, denn es ist ja kein Geheimnis, dass ich vor dem abschließenden Einzelzeitfahren einen größeren Vorsprung brauche. Vielleicht hätte ich etwas früher angreifen können. Um ganz ehrlich zu sein, weiß ich es nicht genau. Wir hatten vor dem Start einen genauen Plan ausgearbeitet, und diesen haben wir perfekt umgesetzt. Es bringt nun nichts mehr über dies oder das zu spekulieren.
Ich habe meinen Sieg und konnte 10" gutmachen. Mit dem Erreichten kann ich doch nur zufrieden sein. Radsport ist schon ein verrückter Sport. Auf dem Weg nach Spa hätte meine Tour schon vorbei sein können. Dann stürzte Fränk und schied verletzt aus, ein ganz schwerer Moment für die ganze Mannschaft. Dann hole ich einen Tagessieg und mache Zeit auf alle direkten Gegner gut. Genau wegen dieser ständigen Achterbahnfahrt ist dieser Sport so interessant. Ich möchte nun aber nicht mehr zurückblicken. Meine Wunden sind ebenfalls am Heilen, so dass ich den nächsten Tagen zuversichtlich entgegenblicke“, lässt Andy die erste Tour-Woche noch einmal Revue passieren.
Auch wenn sein älterer Bruder wegen des gebrochenen Schlüsselbeins die 97. Frankreich-Rundfahrt frühzeitig verlassen musste, so ist Fränk doch stets präsent. „Er hat mir direkt nach meinem Sieg angerufen und mir gratuliert. Ihm war die Freude deutlich anzuhören, und die Emotionen sprudelten nur so aus ihm heraus. Er war auf der anderen Seite aber auch etwas traurig, dass er diesen besonderen Moment nicht mit mir teilen konnte. Normalerweise sind wir bei den großen Rennen stets gemeinsam unterwegs und können kommunizieren und uns anfeuern. Aber auch so sind wir ständig in Kontakt: Wir telefonieren dreimal am Tag.
Natürlich wäre die Unterstützung von Fränk ein Bonus, und ich vermisse seine Anwesenheit. Aber er ist nun einmal nicht mehr im Rennen. An meinem Ziel ändert sich durch diese Tatsache nichts, denn auch so weiß ich, dass das Team sehr stark ist. Ich muss ganz einfach mit der neuen Situation fertig werden“, verrät A. Schleck.
Dass er sich nun bei der Tour in einer derartigen Form präsentiert, überrascht den Luxemburger nicht: „Ich habe in den vergangenen Wochen gemerkt, dass es mit meiner Verfassung kontinuierlich bergauf geht. Nach einem etwas problematischen Frühjahr ließ ich mich nie aus dem Konzept bringen. Bei der Tour of California fuhr ich der Konkurrenz noch hinterher, auch bei der Tour de Suisse fehlte noch ein wenig, doch nun bin ich be-reit. Geduld, hartes Training und Vertrauen in seinen eigenen Körper zahlen sich am Ende immer aus. Gezweifelt habe ich deswe-gen nie.
Ich habe am Sonntag gezeigt, wozu ich fähig bin. Hoffentlich war dies aber erst der erste Schritt und es folgen noch weitere.“ In der Gesamtwertung ist A. Schleck am Sonntag bis auf Rang zwei nach vorne gerückt, nur Weltmeister Evans liegt noch vor ihm.
„Ich kann ganz gut mit der Tatsache leben, das Gelbe Trikot noch nicht erobert zu haben. Die Tour ist noch lang, und das Schwierigste kommt erst noch. In der aktuellen Situation können sich meine Teamkollegen zumindest etwas ausruhen. Evans macht auf jeden Fall einen starken Eindruck. Man muss allerdings noch abwarten, wie er sich auf den wirklich steilen Rampen in den Pyrenäen schlägt. Er zählt zumindest zu den Kandidaten für das Podium in Paris. Armstrongs Tour-Träume sind bereits geplatzt, Wiggins hatte am Sonntag auch so seine Probleme. Ansonsten erwarte ich in den kommenden Tagen aber vor allem eine Reaktion von Contador. Nicht vergessen darf man Basso, Menchov oder Gesink. Noch ist die Entscheidung nämlich längst nicht gefallen“, tritt der Luxemburger Zeitfahr-Meister auf die Euphorie-Bremse.