Von Joe Geimer aus Morzine-Avoriaz
Die ersten beiden Bergetappen bei der diesjährigen Tour de France liegen hinter den Konkurrenten. Für Andy Schleck (Saxo Bank) könnte die Situation nach den ersten Kletterpartien kaum besser aussehen. Platz zwei in der Gesamtwertung, Träger des Weißen Trikots, dazu am Sonntag ein herrlicher Tagessieg, so lautet die augenblickliche Ausbeute des 25-Jährigen.
Was die Hauptkonkurrenten des Mondorfers – dessen Fahrrad im Zielbereich von der Jury gescannt und für regelkonform empfunden wurde – im Kampf um einen Topplatz in der Schlusswertung angeht, so hat er gestern wichtige Sekunden auf alle seine Gegner gutgemacht. Dementsprechend gelöst und überglücklich äußerte sich Schleck dann auch wenige Minuten nach seinem allerersten Etappensieg beim größten Radrennen der Welt.
Vor allem für die Moral ist der Erfolg unglaublich wichtig. Ich wusste zwar, dass meine Form passt, doch kleine Zweifel bleiben immer. Nun weiß ich definitiv, wozu ich hier bei der Tour de France in der Lage bin und was mein Ziel sein muss. Ich möchte in Paris ganz oben auf dem Podium stehen und konnte einen ersten Punktsieg landen. Es ist ganz einfach ein fantastisches Gefühl. Man darf allerdings nun nichts überstürzen. Die Frankreich-Rundfahrt hat erst begonnen und es bringt nichts, zu weit in die Zukunft zu blicken. Ich genieße nun meinen ersten Etappensieg und schaue dann zuversichtlich auf die nächsten Abschnitte. Ich kann aber auch verraten, dass ich mich am Samstag nicht wirklich in glänzender Form fühlte. Diese Tatsache versuchte ich bestmöglich vor den Konkurrenten zu verstecken. Dies ist mir auch geglückt. Ein großes Dankeschön gilt meinem Team. Was würde ich nur ohne diese großartigen Mannschaftskollegen machen?
Dass ich nun wieder das Weiße Trikot überstreifen kann, macht mich sehr froh und auch stolz. Dennoch darf man nicht vergessen, dass das eigentliche Ziel „Maillot jaune“ lautet. Diese beiden Etappen am Wochenende sind erst der Anfang und die wirklich schwierigen Passagen stehen erst noch vor uns. Dennoch ist es natürlich auch ein Ziel von mir, zum dritten Mal in Serie das Klassement des besten Jungprofis auf Platz eins zu beenden. Den auf dem Podium erhaltene weißen Teddybär schenke ich Fränks Tochter Leea. Auch wenn ich nicht der Vater bin, vermisse ich die Kleine. Sie ist so klein und süß, ein wahrer Engel. Nun hoffe ich, nach dem Weißen auch das Gelbe Trikot ergattern zu können. Dies ist das nächste anvisierte Ziel.
Mir war schon klar, dass es am Samstag auf dem finalen Anstieg nicht zum großen Kampf zwischen den Topfavoriten kommen würde. Im letzten Anstieg herrschten ganz schnell klare Verhältnisse. Die Astana-Mannschaft machte mächtig Tempo und brachte das Peloton somit zum Explodieren. Konsequenz des hohen Tempos war, dass auf den letzten Kilometern niemand mehr die Verantwortung übernehmen wollte. Die Favoriten belauerten sich und hielten sich zurück. Ein Risiko wollte niemand mehr eingehen. Gestern rechnete ich fest mit einem ‚Feuerwerk‘, da ich mir sicher war, dass einige Fahrer die erste richtige Gelegenheit hinauf nach Morzine-Avoriaz ergreifen würden, um anzugreifen und ihren bis dato eingefangenen Rückstand wettzumachen. Vor dem Start war ich relativ unsicher und nervös. Mit fortwährendem Etappenverlauf wurde ich dann immer selbstsicherer und fühlte auch, dass die Beine gut waren. Bjarne (Riis) hat mir dann gleich mehrmals geraten die Flucht nach vorne anzutreten, letztendlich habe ich es dann auch gewagt. Ich konnte mich absetzen und somit wichtige Sekunden auf meine Rivalen herausfahren. Ich hoffte, dass die Etappe möglichst schwierig werden würde, da ich mich dann normalerweise am besten in Szene setzen kann. Letztendlich wurde diese Hoffnung erfüllt. Die Fahrer mit den besten Beinen waren im Ziel ganz vorne und auf der anderen Seite hatten einige weitere Favoriten ihre Problemen. Allen voran natürlich Lance Armstrong (USA/RadioShack), für den es mir doch ein wenig leid tut.
Insgesamt war dieser Tag ohne jeden Zweifel schwieriger als ich es mir im Vorfeld ausgemalt hatte. Als ich das Profil vor der Frankreich-Rundfahrt in Augenschein nahm, empfand ich es als nicht unbedingt notwendig, die Strecke im Vorfeld zu besichtigen. Dementsprechend verzichteten wir dann auch auf diese Maßnahme Vielleicht war dies ein Fehler. Ich denke, die meisten Fahrer haben die Etappe unterschätzt. Die Hitze war in den Anstiegen extrem, da dort quasi kein Wind wehte. Zudem steckten auch die Anstrengungen des Vortages allen noch in den Beinen. Ich kann Ihnen versichern, es war nicht ganz einfach.
Die ersten Kilometer waren sehr nervös. Viele Fahrer hatten sich vorgenommen, den Sprung in eine Ausreißergruppe zu schaffen, dies sorgte im Peloton für Hektik und Nervosität. Das Quickstep-Team wollte keine Verantwortung übernehmen und ich war dann zunächst einmal froh darüber, dass sich das Tempo im Peloton verlangsamte, als sich die Fluchtgruppe gebildet hatte. Der Start ist für mich immer einer der schwierigsten Momente. Wenn ich dann erst einmal meinen Rhythmus gefunden habe, geht es besser. Anschließend habe ich mich sehr darauf konzentriert, viel zu trinken und auch zu essen, denn die Hitze machte einem wieder zu schaffen.
Ich hatte Contador im letzten Anstieg stets im Auge und kontrollierte jede seiner Gesten. Wenn er getrunken hat, habe ich auch getrunken, ich wollte mich einfach nicht überraschen lassen. Ich habe fest mit einem Angriff seinerseits gerechnet, letztendlich glaube ich, dass dieser ausblieb, weil er ganz einfach nicht die besten Beine hatte. Ich habe diese Situation ausgenutzt und als ich angriff, konnte er nicht mehr kontern. Für die kommenden Etappen motiviert mich dies ungemein, da der heutige Abschnitt eigentlich der einfachste in den Bergen war. Die wirklich schweren Etappen stehen erst noch an.
Nein, ganz und gar nicht. Ich freue mich ganz einfach über den Sieg und alles andere ist unwichtig. Wir haben mit unserem Team einen ganz klaren Plan und an diesen werde ich mich auch weiterhin halten. Auf solch einer schwierigen Etappe ist es reiner Unsinn, irgendwelche Experimente zu riskieren. Ich hätte vielleicht das Gelbe Trikot holen können, doch das kann auch noch warten. Ziel ist es, in Paris ganz oben zu stehen. Man soll nicht immer nach noch mehr streben, als man bereits erreicht hat. Ich werde versuchen, einen Schritt nach dem anderen zu machen.
Momentan kann ich Ihnen diese Frage noch nicht beantworten. Es stimmt allerdings, dass ich einen Vorsprung benötige. Ob dieser allerdings eine Minute oder zehn Minuten sein muss, steht noch in den Sternen. Wenn ich eine realistische Chance auf den Sieg haben will, muss ich in Bordeaux im Gelben Trikot von der Startrampe rollen. Alles andere sind reine Spekulationen. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich beim Einzelzeitfahren weniger Zeit verlieren werde als die meisten von Ihnen denken. Ähnlich schlecht wie beim Prolog werde ich nicht noch einmal sein.