(pg) - Organisierte Ullrich-Reisen zum Doping-Arzt Fuentes, indirekte Vorwürfe gegen Lance Armstrong und systematische Manipulationen im halben Fahrerfeld: Die Beichte des früheren Jan-Ullrich-Mentors Rudy Pévenage könnte die Betriebsruhe der 97. Tour de France empfindlich stören.
Der 56-jährige Belgier gab nach jahrelangem Schweigen in einem Interview von „L'Équipe“ erstmals die Verwicklung seines ehemaligen Schützlings in die Doping-Affäre Eufemiano Fuentes zu. „Wozu soll es gut sein, weiter zu lügen? Ich habe die Reisen von Jan nach Madrid zu Fuentes organisiert“, sagte Pévenage.
Er betonte aber auch: „Ich selbst habe nie verbotene Produkte gekauft oder verkauft.“ Ullrichs Manager Wolfgang Strohband reagierte auf Pévenages brisantes Outing relativ gelassen. „Jan hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. Ich glaube nicht, dass ihn das interessiert“, sagte Strohband. Ullrichs juristischer Dauergegner Werner Franke forderte nach Pévenages Schritt an die Öffentlichkeit Konsequenzen: „Das sollte zu weiteren Ermittlungen Anlass geben.
Das sind alles Straftaten.“ Zumindest für den einstigen Ullrich-Rivalen Armstrong, der noch immer in der Tretmühle der Tour steckt, könnten die Bekenntnisse unruhige Tage bringen. Denn Pévenage klagte auch den Rekordsieger indirekt an: „Wir waren keine Idioten. Wir kannten Armstrong vor seiner Krebserkrankung. Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich. Wir haben schnell begriffen, dass es keine Wahl gibt.“ Die Dominanz des 38 Jahre alten Texaners, der zwischen 1999 und 2005 siebenmal die „Grande Boucle“ gewann, hat wohl mit dazu geführt, dass Ullrich wieder in die „schlechte Spirale“ geriet.
„Es entstand der Druck, das Maximum zu tun, um Armstrong zu schlagen“, meinte Pévenage. „Alle Fahrer haben sich behandelt.“ Der Ex-Radprofi bezichtigte „mindestens das halbe Fahrerfeld“ der Frankreich-Rundfahrt des Dopings. „Es gibt heute noch viele Fahrer, die Fuentes frequentiert haben“, stellte der mit Ullrich in ständigem Kontakt stehende Pévenage fest. Man habe „nur ein Minimum“ der Dopingsünder bestraft, obwohl viele „den gleichen Schwachsinn“ gemacht hätten.
Teilweise hätten Profis trotz auffälliger Blutwerte weiterfahren dürfen. Die Staatsanwaltschaft Bonn hatte Ullrich per DNA-Abgleich nachgewiesen, dass er Blut bei Fuentes gelagert hatte. Die Bonner Staatsanwaltschaft hatte zudem lange gegen Pévenage wegen Betrugsverdachts ermittelt.