Die "Hölle des Nordens" hat ihre Opfer gefordert – und zwar nicht zu knapp. Angesichts vieler Stürze – darunter einer, der Frank Schleck zum Aufgeben zwang – stellt sich die Frage, ob die Tour de France heutzutage noch über napoleonisches Kopfsteinpflaster führen sollte.
Die Radsport-interessierten Fernsehzuschauer in aller Welt litten am Dienstag mit ihren Idolen. Die dritte Etappe vom belgischen Wanze nach Arenberg direkt hinter der Grenze hatte es in sich. Vier "secteurs pavés" standen auf dem Programm. Das Pflaster der uralten Feldwege, die zum Teil aus Napoleons Zeiten stammten, war stellenweise so löchrig, dass die Fahrer im Staub neben der Straße fahren mussten. 13,2 Kilometer voller Pflastersteine hatten die Organisatoren ausgewählt und waren schon lange vor dem Beginn der Tour davon ausgegangen, dass es zu Stürzen und Reifenpannen kommen würde. Die offizielle Begründung für die Streckenführung lautete, dass die Straßenverhältnisse für ein dichtes Fahrerfeld und einen spannenden Zielsprint sorgen würden.
Doch die Folgen werfen die Frage auf, ob die Tour wirklich eine Buckelpiste braucht. Muss man wirklich Fahrer und Rennräder, die bis ins letzte Detail auf Leistung gezüchtet sind, auf altertümlichen Feldwegen an die Grenzen ihrer Fähigkeiten und darüber hinaus bringen?
Zuletzt ging 2004 eine Etappe der Tour über Kopfsteinpflaster, wenn auch über eine kürzere Strecke als dieses Mal. Seither hat sich bei der Technik der Rennmaschinen viel getan. Während früher beim Bau der Räder Stahlrohre zum Einsatz kamen, ist heute der leichte und äußerst steife Hochleistungs-Werkstoff Carbon das Maß aller Dinge. Zudem werden die Reifen mit enormem Druck von neun Bar und mehr aufgepumpt – ein Autoreifen hat gerade mal zwei Bar. Wenn empfindliche Technik in Kontakt mit Wegen kommt, die 364 Tage im Jahr von Traktoren befahren werden, ist das Ergebnis klar: als "das totale Chaos" bezeichnet Lance Armstrong die dritte Etappe. "Ein Gemetzel", meinte ein Manager des Teams Sky.
Während die Reifenpannen – Vortagessieger Sylvain Chavanel musste sogar zwei hintereinander erdulden – nur Zeit kosten, können die Stürze selbst auf ebener Strecke die Fahrer wirklich in Gefahr bringen. Bestes Beispiel ist der Luxemburger Frank Schleck, der einen dreifachen Schlüsselbeinbruch erlitt. Damit wird der Saxo-Bank-Profi nach einer Operation für längere Zeit ausfallen. Die Bilanz sieht am Dienstagabend verheerend aus. Außer Frank Schleck mussten drei weitere Fahrer ins Krankenhaus. Schon vorher verabschiedete sich der Teamleader von Garmin, Christian Vandevelde, mit zwei gebrochenen Rippen aus dem Rennen. Andere, wie der niederländische Radprofi Robert Gesink, fahren mit angebrochenen Knochen weiter.
Die Presse sieht den Auftakt der Tour mit den vielen Verletzten zwiespältig. So schreibt die "Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz ironisch, nach drei Etappen sei das medizinische Bulletin der Tour de France schon länger als die Pflasterstrecken. Das "pedalierende Lazarett" präsentiere sich kurios gefleckt mit "großflächig gepflasterten Gliedern".
Voller Stolz sieht dagegen die Lokalzeitung "La Voix du Nord" die Etappe vor der Haustür. Sie glorifiziert die Pflastersteine, die sowohl Angst als auch Ruhm bedeuten: "Arenberg, ce sont des vélos guerriers qui s'arrachent à la boue ou la poussière pour saluer l'immense chevalement sous les cris de la foule. Pavé de peur autant que de gloire pour les champions, le site fascine encore à raison le public."