Sport
28.09.2008 14:01 Uhr, aktualisiert 20.11.2008 16:06 Uhr

Schleck und die entscheidende Frage

"Schleck wird wissen, warum er sich windet". wort.lu sprach mit dem SZ-Journalisten Andreas Burkert über den Radsport, über Doping und vor allem über die Rolle und Aufgaben von Sport-Berichterstattern.

Interview: Fern Morbach



Foto: Serge Waldbillig
Stellen Journalisten zu wenige oder stellen sie die falschen Fragen?

Herr Burkert, Sie berichten seit langen über den Radsport und über die Radsportszene, Sie sind mittendrin und schaffen es immer noch, Distanz zu diesem Geschäft und seinen Affären zu bewahren. Eine schwierige Übung?

Andreas Burkert: Man macht sicherlich einen Entwicklungsprozess durch: Man nähert sich dem Thema, und spätestens nach Affären oder Skandalen stellt man Fragen. Zumindest sollte das der Reflex eines Journalisten sein. Irgendwann merkt man dann, dass man weiterhin belogen wird. Man berichtet natürlich darüber - und so entsteht dann automatisch eine neue Form der Distanz. Jörg Jaksche hat gesagt, er sei seit seinem Dopinggeständnis ein Aussätziger, deshalb nehme ihn niemand mehr. Ich fühle mich zwar nicht als Aussätziger, aber manchmal hat man schon den Eindruck, dass doch sehr, sehr wenige Journalisten im Radsport Fragen stellen.

Mitunter wird Ihnen auch vorgehalten, dass Sie vor Jahren ein Buch über den später als Doping-Sünder entlarvten Jan Ullrich geschrieben haben. Dieses Buch war eher positiv und pro-Radsport.

Andreas Burkert: Ich habe mal von einigen wenigen Kollegen, die wohl ihr Berufsfeld bedroht sehen, zu hören bekommen: ,Du hast doch selbst mal ein Buch über Jan Ullrich geschrieben - Du fühlst dich doch nur betrogen und machst jetzt alles mit Absicht kaputt!' Ich finde das erstaunlich. Ja, ich habe so ein Buch geschrieben, und es enthielt zwar ein Dopingkapitel mit all dem, was bis dahin über Ullrich, Pantani, Armstrong und andere bekannt war. Trotzdem wirkt es aus heutiger Sicht eher naiv. Doch leider ist mir damals die Puerto-Affäre noch nicht bekannt gewesen - sorry.

Hat ein Journalist, hat ein Sportjournalist wirklich die Möglichkeit oder die Macht, eine Sportart – in diesem Fall also den Radsport – kaputt zu schreiben, so wie es gerne gesagt wird?

Andreas Burkert: Die Frage ist doch: Wer macht da etwas kaputt? Sicherlich nicht kritische Berichterstatter, die das schreiben, was sie wissen. Sondern ganz allein der Radsport, der im Gegensatz zu einigen Berichterstattern nichts dazu lernt aus Lügen und Affären. Es geht aktuell nicht darum, Luxemburg oder Herrn Schleck zu ärgern. Sondern darum, Informationen, die ich erst drei Tage vor der Veröffentlichung erhalten habe, zur Verfügung zu stellen. Vor allem dem Radsport. Denn er hat weiterhin ein großes Problem.

Fürchten Sie nicht, mit dieser Haltung zu einem der letzten Kämpfer einer vom Aussterben bedrohten Art zu werden? In Luxemburg reagierte man eher skeptisch auf Journalisten, die schlechte Botschaften überbringen als auf die Botschaft selbst.

Andreas Burkert: Damit sind wir wieder beim Thema: der Distanz. Sportjournalisten sind - nicht nur in Luxemburg, und nicht nur im Radsport - leider sehr häufig Fans, die es über die Zuschauerbarriere in den Innenraum geschafft haben. Zumindest benehmen Sie sich so: Sie jubeln im Ziel, sie duzen den Sportler, sie ignorieren unangenehme Dinge und stellen keine unangenehmen Fragen - wie jetzt auch in Luxemburg bei Frank Schleck. Er darf ja derzeit Antworten geben - zumindest habe ich bisher nur solche vernommen -, in denen das Entscheidende fehlt. Die Frage muss doch lauten: ,Herr Schleck, der Staatsanwalt und das deutsche BKA haben ohne Zweifel festgestellt, dass Sie Geld an Fuentes überwiesen haben. Wie erklären Sie uns das?' Oder auch: ,Wären Sie bereit, einen DNS-Abgleich mit dem Blut, das in Madrid dem ,Amigo de Birillo' zugeordnet wird, durchzuführen?' Aber Schleck wird wissen, weshalb er sich windet. Und die Journalisten werden wissen, weshalb Sie das nicht fragen.

Wie reagieren der Radsportzirkus und dessen Hauptdarsteller auf Sie? Spricht man überhaupt noch mit Ihnen?

Andreas Burkert: Natürlich spürt man die ablehnenden Blicke. Das muss man aushalten. Aber ansonsten verhalten sich die meisten Hauptdarsteller doch recht professionell. Sie reden mit mir, einzige Ausnahme ist bisher der deutsche Verbandspräsident Scharping, der partout nicht auf kritische Fragen zu weiterhin ungelösten Affären in seinem BDR antwortete. Auch das nimmt man dann bald hin - man arbeitet einfach weiter. Wirkliche Anfeindungen mit Kraftausdrücken habe ich bisher nur von einigen wenigen deutschen Fernsehjournalisten vernommen. Auch da fürchten sich wohl welche, dass ihnen der Tour-Sommer in Frankreich genommen wird. Man sollte diese Leute deshalb vielleicht nicht als Journalisten bezeichnen.

Zurück nach Luxemburg. Das Image von Frank Schleck ist angekratzt. Wie sehen Sie seine Zukunft, auch und vor allem vor dem Hintergrund der Zusammenarbeit mit Bjarne Riis?

Andreas Burkert: Kann man Riis heute trauen? Ich weiß es nicht. Bei ihm haben ja doch sehr viele im Radsport ein ungutes Gefühl. Er hat Ivan Basso und Frank Schleck als seine Söhne bezeichnet. Er wusste nicht, was seine Söhne trieben, mit denen er so viel Zeit im Jahr verbrachte? Das ist unglaubwürdig. Die Karriere von Frank Schleck ist jetzt befleckt, und das wird sie bleiben, mit oder ohne Verfahren. Den Dopingverdacht kann er nicht mehr ausräumen, und die luxemburgische Sportjustiz muss das nun aufrichtig bewerten. Er dürfte ja kaum unbedenkliche Vitamine im Wert von rund 7.000 Euro von einem Dopingarzt bestellt haben - von einem Gynäkologen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass dies die einzige Überweisung gewesen ist. Andy Schleck wird ebenfalls vom verdächtigen Mittelsmann Giovanni Lombardi gemanagt. Nein, das beweist nichts. Aber es ist leider so, ohne eine einzige Ausnahme: Bisher haben die simpelsten Zusammenhänge stets zur Wahrheit geführt - sofern sie denn ans Licht kam.