01.09.2010 09:17 Uhr




 Leitartikel
Blut, Boden und Bretter
Ady Richard
Ady Richard

Nicht von ungefähr stammt das Doppelwort vom „Blut und Boden“ aus Oswald Spenglers – ein Bewunderer Mussolinis – „Der Untergang des Abendlandes“ von 1918/22. August Winnig weitete 1926 die Formel zum „Schicksal der Völker“ aus.

Dann wurde das rechte Schlagwort zu einem Propagandamotto von Hitlers Nationalsozialisten. Und führte schließlich Millionen von Menschen – darunter mehr als sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens – in das Blut des Todes und in den Boden der Massen- und Militärgräber. Ohne die geistig brandstiftende Blut-und-Boden-Ideologie des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts wäre die Menschheit nicht so tief in ihren eigenen Abgrund gefallen. Es ist deshalb wichtig, aus den Fehlern der Geschichte – der politischen, der staatsphilosophischen und geistigkulturellen – zu lernen und geistigen Brandstiftern entgegenzutreten, bevor das ganze Haus Europa wieder in Flammen steht.

Denn um ein chinesisches Sprichwort zu paraphrasieren: Auch der größte Brand beginnt mit dem ersten Funken. Das jüngste Buch von Thilo Sarrazin mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ sprüht nur so von solchen Blut-und-Bodenfunken! Und auch vor dicken Brettern vor dem Kopf! Im Hintergrund schwingt zudem Spenglers und auch vieler Menschen Angst vor dem tatsächlichen Untergang des „christlichen Abendlandes“ mit.

Dabei ist das Christentum an keine Rasse und an kein Land gebunden, sondern eine Religion der Gleichheit aller Menschen. Bewusst oder unbewusst spielt Sarrazin so auch mit der Angst vieler Westeuropäer vor der Islamisierung Europas. Und auch mit der Angst vor einem Verlust der eigenen nationalen Identität. Ohne jedoch die Frage nach der eigentlichen Natur und nach dem tatsächlichen Ursprung dieser Identitäten, die immer auch auf Mythen beruhen, wirklich zu beantworten.

Von der Bereicherung der westlichen durch einen Dialog mit der islamischen Kultur einmal ganz zu schweigen. Für Sarrazin soll am deutschen Wesen immer noch die Welt genesen. Der supranationale Charakter Europas und auch der weltoffene Charakter der europäischen Gesellschaft und Wertegemeinschaft – denn auf die Werte einer Gesellschaft kommt es letztlich an! – kommt beim Bundesbankvorstand, der staatsphilosophisch immer noch im 19. Jahrhundert steckt, nicht vor.

Die eigentliche rote Linie, die Sarrazin überschritten hat, sind indes seine „genetischen“ Analysen der semitischen Eigenarten. Hier bewegt sich der rechtsextreme Pseudointellektuelle an der Grenze zur Nazi-Ideologie. Es ist deshalb an der Zeit, Sarrazin vor die Tür zu setzen. Nicht nur vor die Tür der SPD. Nein, auch der deutsche Bundespräsident Christian Wulff muss Verantwortung übernehmen und Sarrazin aus dem Vorstand der Bundesbank – eine Institution der Bundesrepublik – entlassen. Ihre Vorstände werden im In- und Ausland als Vertreter Berlins wahrgenommen.

Volksverhetzung darf da keinen Platz haben! Doch auch Lehren gilt es aus der Debatte zu ziehen: Das Migrantenthema muss endlich positiv-konstruktiv und politisch-soziologisch debattiert werden. Gleiches gilt für die nationalstaatliche Identitätsdebatte in der EU. Und auch für den kritischen Dialog mit dem Islam als Religion und als Gesellschaftsform. Ohne dabei Kennedys Anti-Clash-Wort von den „grundlegenden Gemeinsamkeiten“ aller Menschen zu vergessen.

Denn in der Tat „bewohnen wir alle diesen kleinen Planeten. Wir atmen die gleiche Luft. Wir alle schätzen die Zukunft unserer Kinder. Und wir sind alle sterblich.“

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