31.08.2010 10:19 Uhr




 Leitartikel
Büchse der Pandora
Jakub Adamowicz
Jakub Adamowicz

Am heutigen 31. August endet offiziell die Kampfmission „Iraqi Freedom“, die im März 2003 den Sturz des Regimes von Saddam Hussein eingeleitet hatte. Siebeneinhalb Jahre später gibt es im Zweistromland wenig zu feiern: Zwar gehört die Schreckensherrschaft des im Dezember 2006 hingerichteten Diktators der Vergangenheit an.

Doch das gewagte Experiment, im Irak eine Demokratie mit Vorbildcharakter für den gesamten Nahen und Mittleren Osten zu schaffen, ist gescheitert. Der heutige Irak samt den Flüssen Euphrat und Tigris liegt auf dem Gebiet des alten Mesopotamiens, wo vor Jahrtausenden eine der ersten Hochkulturen der Menschheit entstand. Mit der stolzen Vergangenheit hat das moderne Staatswesen indes wenig gemeinsam: Nach dem ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs wurden die drei Vilayets Bagdad, Basra und Mossul willkürlich zum neuen Staat Irak verschmolzen. Dabei waren Ölvorkommen ausschlaggebend.

Deshalb setzt sich die Bevölkerung des Landes heute aus einer – vom Iran unterstützten – schiitischen Mehrheit sowie einer sunnitischen und einer kurdischen Minderheit zusammen.

Die Errichtung einer Demokratie etwa nach Schweizer Vorbild gestaltet sich auch deshalb schwierig, weil die Baath-Partei jahrzehntelang mit teils menschenverachtenden Methoden die drei Volksgruppen gegeneinander ausspielt hat. Die unter dem Sunniten Saddam Hussein unterdrückten Schiiten greifen nun nach der Macht über den Irak. Sunnitische und kurdische Stämme sind in der Defensive. Somit sind neue Konflikte vorprogrammiert: Die 50 000 im Irak verbleibenden US-Soldaten sollen vor allem die Ölfelder sichern und die schiitisch geprägte Zentralregierung in Bagdad stärken, damit der Ölexport weiter an Fahrt aufnehmen kann. Marginalisierte sunnitische Clans drohen unterdessen zu Verbündeten des ebenfalls im Irak tätigen Terror-Netzwerks Al-Qaida zu werden. Unter diesen Umständen wäre es naiv, die Gefahr eines irakischen Bürgerkriegs zu verkennen.

Diese wenig verheißungsvolle Entwicklung im Irak vollzieht sich nicht im luftleeren Raum. Sie hat direkte Auswirkungen auf die mittelfristige außenpolitische Ausrichtung der Türkei, das weitere Heranreifen des Iran zur Regionalmacht und die in Zukunft verfügbaren Optionen zur Lösung des Nahost-Konflikts.

Ankara, Teheran und Moskau haben längst damit begonnen, ihre Außenpolitiken auf die Zeit nach der US-Präsenz im Irak und in Afghanistan auszurichten. Während die Türkei ihre Beziehungen zu Israel dramatisch herabgestuft hat, liefert Russland dem Iran angereichertes Uran für den Meiler in Buschehr, das auch zum Bau von Atomwaffen verwendet werden kann. Fernab westlicher Mächte haben sich die Präsidenten Russlands, Pakistans, Afghanistans und Tadschikistans vor zwei Wochen auf dem Vierergipfel von Sotschi auf eine Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen verständigt.

Vor diesem Hintergrund sind die USA und die EU gefordert, eine kohärente außenpolitische Strategie für den Mittleren Osten zu entwickeln. Doch über das Monopol der Entscheidungsfindung in der Region verfügt Washington nach dem gescheiterten Irak-Experiment nicht mehr. Vielmehr sind alle Regionalmächte gefordert, von der rohstoffreichen und somit kriegsanfälligen Region weitere Konflikte abzuwenden.

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