29.08.2010 13:40 Uhr




 Leitartikel
Konjunktursorgen
Von Andreas Holpert
Andreas Holpert

Viele Augen blicken derzeit gespannt auf die US-Wirtschaft. Droht die weltweit größte Volkswirtschaft erneut in die Rezession abzurutschen und den Rest der Welt mit in ein neues Konjunkturtal zu reißen? Oder handelt es sich bei den in jüngster Zeit merklich enttäuschend ausgefallenen Konjunkturdaten nur um eine ausgedehnte Schwächephase?

An den Börsen, die besonders sensibel und in der Regel sehr früh auf kommende Entwicklungen reagieren, scheinen Investoren mit Schlimmerem zu rechnen. Der aktuelle Trend an den Kapitalmärkten weist eindeutig nach unten. Dazu trägt allerdings nicht allein die schwächelnde US-Wirtschaft bei. Auch die Herabstufung Irlands durch die Ratingagentur Standard&Poors, die die Probleme der Schuldensünder im Euroraum wieder ins Blickfeld rückt, treibt Anlegern Sorgenfalten auf die Stirn.

Die Bedenken über die konjunkturelle Entwicklung jenseits des Atlantiks sowie den Verlust an Bonität der grünen Insel sind neben der Angst einer Überhitzung Chinas die größten Gefahren, um die zuletzt spürbare Erholung in Europa wieder abzuwürgen. Experten, wie der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, befürchten sogar einen Rückfall in die Rezession. Die schwächelnde US-Wirtschaft trifft auf eine fragile Konjunkturlage in Europa.

Trotz einiger erfreulicher Meldungen z. B. über den Aufschwung in Deutschland, hängt den Euro-Staaten nach wie vor ein enormer Schuldenklotz am Bein. Das bremst das Wachstum. Die Haushaltsdefizite werden nach Einschätzung der EU-Kommission in diesem Jahr auf durchschnittlich 6,6 Prozent des BIP anziehen. Die EU-Obergrenze (Maastricht-Kriterien) liegt bei 3,0 Prozent! Griechenland und Irland liegen mit erwarteten 8,1 Prozent bzw. 11,7 Prozent noch weit darüber. Großbritannien – kein Mitglied der Währungsgemeinschaft, aber Partner in der politischen Union – steht vor einem Rekord-Schuldenberg von fast 900 Milliarden Pfund und einem Haushaltsdefizit von bald 12 Prozent.

In Deutschland betrug die Defizitquote im ersten Halbjahr 3,5 Prozent. Aber auch dort wird mit einem Anstieg der Verschuldung in diesem Jahr gerechnet. Für etwas Licht am trüben Horizont sorgt, dass im großen Nachbarland die Wirtschaft dank eines boomenden Exportgeschäfts brummt. Schon keimt die Hoffnung, dass Europas größte Volkswirtschaft wieder die Rolle der Konjunkturlokomotive übernehmen kann. Doch ein Deutschland allein reicht nicht aus, um den Abwärtsrisiken nachhaltig zu trotzen.

Der europäische Wirtschaftsmotor wird voraussichtlich wieder ins Stocken geraten. Mit einer erneuten Rezession rechnen Volkswirte jedoch nicht. Die Möglichkeiten der Regierungen sind begrenzt. Für neue Konjunkturpakete fehlt das Geld. Außerdem dürfen die Staatsschulden nicht weiter nach oben getrieben werden – im Gegenteil. Um sinkenden Einnahmen zu begegnen, ist eine Erhöhung der Steuern derzeit kein Mittel, weil die Unternehmen das Kapital für neue Investitionen brauchen. Die erfolgen allerdings nur, wenn es auch eine Nachfrage gibt.

Hauptaufgabe der Euro-Staaten bleibt daher, die Schuldenberge abzutragen. Viele Länder scheinen ihr Potenzial noch nicht gänzlich ausgeschöpft zu haben. Luxemburg, das sein Defizit zu zwei Drittel über Sparmaßnahmen abbauen will, gehört dazu. Es gibt also noch Handlungsspielraum.

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