27.08.2010 11:23 Uhr




 Leitartikel
Der digitale Kartograph
Christophe Langenbrink
Christophe Langenbrink

Die Welt kartografisch zu erfassen und auf ein Stück Papier zu bringen, war stets ein Menschheitstraum. Ganze Geschichtsbücher beschreiben, wie Entdecker, Abenteurer und Wissenschaftler im Dienste von König und Vaterland in waghalsigen Expeditionen neue Welten erforschten und diese auf einer Karte einzeichneten.

Vordergründiges Ziel – neben der Orientierung – sein eigenes Territorium zu markieren bzw. seinen Einfluss auf andere Gebiete auszuweiten. In der heutigen Welt hat die klassische Landkarte so gut wie ausgedient. Heute wird die Entdeckung unseres Globus nicht mehr auf Namen wie Amerigo Vespucci, Marco Polo oder Christoph Kolumbus zurückzuführen sein. Heute wird sie digital erobert und der Kartograph des 21. Jahrhunderts heißt „Google“. Mit seiner neuesten Errungenschaft „Street View“ taucht nun der Internetdienstleister in die Landkarte ein. Der Konzern aus dem bezeichneten Ort Mountain View schafft neue Fakten und schert sich wenig um die Konsequenzen seines Handelns. Google überlässt es anderen, Lösungen für sein Geschäftsmodell zu finden.

Hand aufs Herz! Wer hat nicht mal neugierig seinen Wohn-, Ferien- oder Arbeitsort anhand der Satellitenbilder, die das US-Unternehmen zur Verfügung stellt, sehen wollen? Faszinierend – wie der Blick aus einem Flugzeug – ist die Sicht von oben, die mit einfachen Mausklicks auf dem Computerbildschirm ein reales Abbild seines gesuchten Zielobjektes generiert. Zweifelsohne ist es den Erfindern der führenden Internet-Suchmaschine gelungen, Bilder unserer Erde kostenlos und für jedermann einsehbar darzustellen. Mit Street View geht Google eine großen Schritt weiter und kommt dabei – ohne um Erlaubnis zu bitten – bis vor unsere Haustür.

Trotz der kostenfreien Bereitstellung von verlockenden Einblicken in ganze Straßenzüge gibt es dem kalifornischen Unternehmen noch lange nicht das Recht zu tun und zu lassen, was es will, ohne dabei an die Folgen zu denken. Die visuelle Darstellungen eines Hauses ist an sich keine direkte Verletzung der Persönlichkeitsrechte, weil diese eher mit der Angabe der Privatadresse verflochten ist. Trotzdem hat eine so mächtige Suchmaschine eine bisher ungekannte Reichweite. Mit Street View verbindet Google nämlich ein vielversprechendes Geschäftsmodell.

Die Strategie mit diesem Dienst ist es, neue Werbeformen über das mobile Telefon an den Mann zu bringen. Schon jetzt gibt es weltweit mehr Handys als Computer. Ein Markt, der bisher von alt eingesessenen Konzernen und Apple dominiert wird. Vor allem ein Markt, in dem noch viel Entwicklungspotenzial steckt. Das ist ein Geschäft, das Google sich nicht durch die Finger gehen lassen will. Wer also glaubt, der Internetdienstleiter handle aus purem Altruismus, der täuscht sich gewaltig. Zwar ist es nicht verwerflich, mit einer guten Idee Geld zu verdienen.

Doch ist es bedenklich, wenn er mit seinen Diensten dank unserer persönlichen Daten Milliarden scheffeln, ohne dass wir als Betroffene gefragt werden. Daher sollte jeder selbst entscheiden dürfen, ob seine digitalen Geodaten für gewerbliche Zwecke genutzt werden dürfen. Mit Argusaugen verfolgt Luxemburg die Diskussion um Street View in Deutschland. Hinter der Datenschutzproblematik verbirgt sich die Frage wie wir in einer Welt leben wollen, die alles aufzeichnet und kaum Raum für Privatsphäre zulässt.

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