24.08.2010 08:48 Uhr




 Leitartikel
Ein verkanntes Problem
Dani Schumacher
Dani Schumacher

Seit Jahren steigt die Arbeitslosigkeit kontinuierlich an. Vor zehn Jahren waren gerade einmal 4379 Erwerbslose bei der Adem gemeldet, im Juli 2010 hatten 13639 Menschen keinen Job. Innerhalb einer Dekade stieg die Arbeitslosenquote von 2,5 auf 5,7 Prozent. Und obwohl sich die Zahl der Arbeitslosen in einem Zeitraum von zehn Jahren mehr als verdreifacht hat, beherrschte das Thema nie wirklich die öffentliche Meinung.

Dass die Erwerbslosigkeit in Luxemburg im Gegensatz zu anderen Ländern nie zum alles beherrschenden Thema wurde, hat mehrere Ursachen. Zum einen fielen die Zahlen hierzulande noch recht moderat aus. Dann erreichte die Arbeitslosigkeit lange nicht die Mitte der Gesellschaft. Die Hauptleidtragenden waren oft Grenzgänger oder Arbeitnehmer, die sich von vornherein mit Jobs zufrieden geben mussten, die als unattraktiv gelten. Arbeitslos wurden bislang immer nur die anderen. Dass die Erwerbslosigkeit nie als wirklich gravierendes Problem wahrgenommen wurde, liegt aber auch daran, dass die luxemburgische Wirtschaft selbst in Krisenzeiten als verlässliche Jobmaschine galt. Sogar auf dem Höhepunkt der aktuellen Krise ging die Gesamtbeschäftigung nie zurück.

Weil sich das Problem der Arbeitslosigkeit nur langsam zuspitzte, wurde es lange nicht konsequent genug angegangen und ist nun umso schwerer in den Griff zu bekommen. Die Arbeitslosigkeit in Luxemburg ist zu einem Großteil strukturell bedingt. Es reicht also nicht, auf den wirtschaftlichen Aufschwung zu warten. Auch wenn die Wirtschaft wieder brummt, wird das Heer der Arbeitslosen nicht merklich schrumpfen. Mit der vielzitierten Reform der Adem allein ist es folglich auch nicht getan. Das Arbeitsamt wird nämlich nur aktiv, wenn das Kind schon im Brunnen liegt.

Eine wirksame Bekämpfung der Arbeitslosigkeit muss wesentlich früher ansetzen. Und zwar dort, wo das Problem zum Großteil seine Wurzeln hat: bei der Ausbildung. Immerhin hat fast die Hälfte der Erwerbslosen überhaupt kein Diplom, und unser Schulsystem sorgt für stetigen Nachschub, indem es pro Jahr mehr als 1 000 Schulabbrecher produziert. Das Problem ist zwar erkannt und das Bildungssystem wurde auch schon teilweise reformiert, doch bis die einzelnen Reformen greifen, wächst das Heer der Arbeitslosen munter weiter. In Krisenzeiten rächen sich die Versäumnisse der Vergangenheit noch gnadenloser.

Unbedingt reformbedürftig ist auch die berufliche Wiedereingliederung. Mehr als ein Viertel aller Erwerblosen befindet sich in der Prozedur des „reclassement externe“, darunter viele Arbeitnehmer, die neben ihren gesundheitlichen Problemen zudem nur über geringe Qualifikationen verfügen. Die Reform wurde viel zu lange hinausgeschoben. Sollte nun im Herbst endlich der entsprechende Gesetzentwurf präsentiert werden, kommt er für viele Betroffene zu spät. Viele sind nämlich längst nicht mehr vermittelbar. Auf sie wartet dann nur noch die Früh- oder die Invalidenrente. Dabei war das „reclassement externe“ ursprünglich auch eingeführt worden, um Druck von den Rentenkassen zu nehmen. Wenn Beschäftigungsminister Nicolas Schmit will, dass die Menschen in Zukunft länger in Lohn und Brot bleiben, bietet sich ihm mit der Reform der beruflichen Wiedereingliederung eine sehr gute Gelegenheit, seinen Worten Taten folgen zu lassen.

Ihre Meinung zum Thema

( 0 )