23.08.2010 08:26 Uhr




 Leitartikel
Quo vadis Journalismus?
Joseph Lorent
Josy Lorent

Zwei internationale Meldungen in letzter Zeit über das Pressewesen sind aufschlussreich und regen zum Nachdenken über Grundsätzliches an. Da ist zum einen der Bericht der „World Association of Newspapers“ (WAN), laut dem es der geschriebenen Presse weltweit (wieder) besser geht. Die Gesamtauflage der 12 477 Tageszeitungen ist demnach 2009 mit 517 Millionen Exemplaren nur leicht um 0,8 Prozent zurückgegangen. Trotz anhaltender Wirtschaftskrise hat sich der Rückgang der Werbeeinnahmen verlangsamt, und für das laufende Jahr kann sogar mit einem Wachstum von 3,5 Prozent gerechnet werden. Über einen Zeitraum von fünf Jahren stiegen die Verkaufszahlen global um 5,7 Prozent.

Allein in der sogenannten entwickelten Welt werden durchwegs weniger Zeitungen gekauft. Die Ursachen für diese Tendenz sind nicht eindeutig, wenngleich die vielfältige, sich rasant fortentwickelnde Digitalisierung der Medien unverkennbar eine Rolle spielt. Man darf sich aber auch die Frage stellen, inwiefern die Printmedien in unseren Breitengraden vom fundierten und lehrreichen Inhalt her noch den Erwartungen einer wissbegierigen, seriösen Leserschaft entsprechen.

Eben in diese Richtung geht zum anderen die in Form eines 370-seitigen Jahrbuches herausgegebene Bestandsaufnahme einer Schweizer Forschergruppe, über deren kritische Bilanz und düstere Perspektiven die NZZ in ihrer Ausgabe vom vergangenen 16. August berichtete.

Im Kern geht es bei dieser aufschlussreichen Studie um die ohne weiteres auch auf andere Länder anwendbare Frage, ob die Medien wirklich so unterrichten, dass die Bürger wohlinformiert an den demokratischen Prozessen teilnehmen können.

Aus den von den Autoren als höchst problematisch erkannten Trends seien einzelne Schlussfolgerungen herausgegriffen. Eine erste Erkenntnis lautet, dass in allen Mediengattungen das Angebot an Klatsch bzw. sogenannten Soft News wächst, wodurch die klassischen publizistischen Kernthemen Politik, Wirtschaft und Kultur zurückgedrängt werden. Auch lasse die Nachhaltigkeit der Berichterstattung nach, wohingegen episodische, auf Personen, Konflikte und Katastrophen zugespitzte Informationen zunehmen. Der recherchierende, einordnende Journalismus gerate weiter unter Druck, während die Bedeutung derjenigen Medien, die wenig zur Informationsqualität beitragen, ständig wachse. Nicht zuletzt im Sog der Gratismedien, so die Bestandsaufnahme weiter, orientiert die Presse sich vermehrt an den Unterhaltungsbedürfnissen der Medienkonsumenten statt an den Informationsbedürfnissen der Bürger.

Angesichts dieser Entwicklungen, aber auch als Ablehnung des Zeitgeistes, der den Verbraucher anstelle des Lesers gerückt hat, und als Gegenwehr zur Boulevardisierung der Presse stellt sich mehr denn je die Frage: Wohin des Weges, Journalismus? Wenn berechtigterweise Journalisten sich als Wachhunde der Demokratie verstanden wissen wollen, dann dürfen sie aber nicht nur kritisieren und sich als Richter etwa mittels Vorverurteilungen aufspielen, sondern sie müssen auch gründlich recherchieren, analysieren, Vorschläge machen und mit Engagement für Werte einstehen. Wenn es zutrifft, dass ein Journalist vom Wesen her ein Antikonformist ist, so hat er jedoch auch eine staatsbürgerliche Rolle wahrzunehmen!

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