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 Leitartikel
13.03.2010 08:00 Uhr, aktualisiert 13.03.2010 08:33 Uhr

Mehrwert Bildung

Von Marc Glesener
Marc Glesener

Schulreformen gehören zu den wohl schwierigsten politischen Unterfangen überhaupt. Einerseits, weil Entscheidungen und Richtungsvorgaben einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaften in ihrer Gesamtheit nehmen. Andererseits weil in unterrichtspolitischen Fragen sämtliche Akteure – und das sind nicht wenige – eingebunden werden wollen, vor allem aber meist präzise Vorstellungen haben, was ihre Interessenlage angeht.

Das ist ihr gutes Recht, erschwert die politische Entscheidungsfindung allerdings in erheblichem Maße. Eine Schulreform anzugehen ist demnach an sich schon ein couragierter Akt, der Anerkennung verdient. Mady Delvaux-Stehres tut es. Und sie ist eine Wiederholungstäterin. Die Bildungsministerin hat mit ihrer Grundschulreform ein klares Zeichen der Erneuerung gesetzt. Wohl kann man einzelne Elemente dieses Vorhabens kritisch hinterfragen. Wohl fehlte in einigen Punkten der politische Mut zur Tat (Beispiel Schuldirektoren in den Grundschulen). Doch alles in allem ist der Novellierungsansatz der Ministerin positiv zu werten. Eben weil er Schule und gesellschaftliche Wirklichkeit enger aufeinander abzustimmen versucht.

Nun zum Inhalt dessen, was an weiterem Reformstoff vorgeschlagen wird. Die Sekundarschüler sollen, so das Leitmotiv, möglichst gut auf ihre Studien beziehungsweise auf die Arbeitswelt vorbereitet werden. Dreh- und Angelpunkt ist eine neue Herangehensweise, die Wissen fächerübergreifend vermitteln und dadurch die Kompetenzen der Jugendlichen in einer breiteren Perspektive stärken soll. Konkret bedeutet dies zum Beispiel für den klassischen Sekundarunterricht, dass es so wenig wie möglich Sektionen geben wird, die Zahl von fakultativen Fachkursen allerdings ausgebaut werden soll. Das wäre eine richtungweisende Abkehr vom bisherigen System, das durch seine rigide Struktur wenig Spielraum für vernetzten Unterricht und einen globalen Ansatz beim Vermitteln von Wissen ließ.

Folge dessen war eine meist absolut fachspezifische Art der Wissensvermittlung, die wenig Brücken baute und – aus Lehrersicht – keinen Ansporn zum Miteinander lieferte (Stichwort: Teamwork). Dabei ist Unterrichten in ganzheitlicher Perspektive zu sehen, sozusagen global. Klare Akzente will die Ministerin auch beim Sprachenunterricht setzen. Dort soll vor allem das Englische einen höheren Stellenwert bekommen. Endlich, könnte man sagen, denn – ob es den Luxemburgern nun gefällt, oder nicht – an der Sprache Shakespeares führt in der Welt, in der wir leben, nun wirklich kein Weg mehr vorbei. In der (luxemburgischen!) Wirtschaftswelt, aber längst auch schon im kulturellen Bereich ist Englisch das kommunikative Bindeglied schlechthin. Dem können sich die Luxemburger nicht verschließen. Es sei denn, wir sind tatsächlich dazu bereit, eine der bisherigen systemischen Stärken aufzugeben, die unser Bildungswesen bis dato ausgezeichnet hat, nämlich die Vielsprachigkeit.

Stärke, ja! Auch wenn, so schlimm das auch klingen mag, die Mehrsprachigkeit in bestimmter Weise zu einer Schwäche von Unterricht made in Luxembourg mutierte. Dann etwa, wenn sich Deutsch oder Französisch bestimmten Schülern brutal als Kompetenz- oder gar als Diplombarriere in den Weg stellte. Das ist leider öfters der Fall, als es Schulpolitiker oder -verantwortliche zugeben wollen. Allein der Erfolg von privaten Schulen untermauert diese These. Mehrsprachigkeit ist zweifellos eine Stärke. Doch ohne Anpassung an die wirklichen, demografischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im Land und weit darüber hinaus kann aus einer wahren Stärke rasch das Gegenteil erwachsen. Ist das der Fall, leiden darunter tausende junge Menschen, denen, verlassen sie das heimische System, ein harter Wind ins Gesicht bläst. Um die Zukunft dieser Jugendlichen geht es bei Schulreformen, die einer klaren Hierarchisierung der Prioritäten unterliegen müssen.

An oberster Stelle der Prioritätenliste sollte die Vorbereitung aufs Studium und die Berufswelt stehen. Nichts anderes. Worauf es ankommt, ist der globale Ansatz. Ziel ist es, um es im Wirtschaftsjargon auszudrücken, das System kompetitiv zu machen. Fit für die Zukunft. Wobei es natürlich so sein muss, dass die Schule mündige und kritische Bürger heranbildet, die auch Gefahren ausmachen können, die die Gesellschaft bedrohen. Dazu gehören auch Fehlentwicklungen, die einen ökonomischen Hintergrund haben, wie beispielsweise die tiefe Krise, die zur Zeit auch der jungen Generation perspektivisch erheblich schadet. Ein qualitativ hochwertiges Schulsystem aufbauen, erhalten und konsequent fördern, daran führt für ein Land wie Luxemburg, dessen Hauptrohstoff Wissen ist, kein Weg vorbei. Eigentlich müssten wir besser sein als andere. Mittelmaß zu sein können wir uns nicht länger leisten.

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