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Wenige Fälle von Missbrauchstätern in Luxemburg bekannt
12.03.2010 18:29 Uhr

„Es wurde immer gehandelt, konsequent und präventiv“

Katholische Kirche setzt Arbeitsgruppe für Opferbetreuung ein / Ein Gespräch mit Generalvikar Mathias Schiltz

Kindesmissbrauch: Ein Interview von Marc Glesener und Marcel Kieffer


Foto: Marc Wilwert
Transparenz ist wichtig, sagt Mathias Schiltz.

Es hat in den vergangenen 50 Jahren auch Fälle von Kindesmissbrauch im Umfeld der Katholischen Kirche in Luxemburg gegeben. Von bis zu zehn Tätern spricht in diesem Zusammenhang Generalvikar Mathias Schiltz auf Nachfrage des LW.

Das Domkapitel beschloss nun die Einsetzung einer Kontaktperson und einer multidisziplinären Arbeitsgruppe zur Betreuung nachträglich auftretender Opfer.

Herr Generalvikar, die Nachrichten über z.T. Jahrzehnte zurückliegende Fälle von Kindesmissbrauch in immer mehr europäischen Ländern häufen sich, wobei schwere Vorwürfe auch gegen Diener der katholischen Kirche auftreten. In Luxemburg gibt es wohl nichts zu vermelden, doch dürfte die Thematik auch die katholische Kirche in unserem Land nicht unberührt lassen. Wie geht sie derzeit mit dieser Problematik um?

Dieses Thema ist ja schon länger in der Öffentlichkeit, es trat zuerst in den USA auf und ist nun, in erschreckenden Maße, in immer mehr europäischen Ländern aufgetaucht. Wird sind als Kirche in Luxemburg nicht gewöhnt, uns in die Angelegenheiten anderer Länder und Diözesen einzumischen, doch hat das Ganze ein solches Ausmaß angenommen, dass wir die Augen vor dieser Realität nicht schließen können.

Immerhin ist Luxemburg keine Insel, und es ist nicht ausgeschlossen, dass diese skandalöse Welle auch Luxemburg erfassen und bisher unbekannte Fälle zu Tage fördern kann.

Welches Ausmaß könnte denn eine solche Entwicklung in unserem Land nehmen?

Ob es viele Geschädigte in Luxemburg gibt, weiß ich nicht, ich glaube aber nicht, dass das Ausmaß der Problematik auch nur proportional an das heranreicht, was wir aus unseren Nachbarländern hören. In den mehr als 43 Jahren, in denen ich in der Bistumsverwaltung tätig bin, sind mir weniger als zehn Fälle zu Ohren gekommen. Wenn ich sage Fälle, dann betrifft dies nicht die schwer zu beziffernde Zahl der Opfer, sondern jene der verdächtigten Personen.

Wie ist denn bei diesen bekannten Fällen mit den Verdächtigten umgegangen worden?

Manche befanden sich bereits in der Prozedur, als ich 1966 in die Bistumsverwaltung eintrat; drei Geistliche wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, davon einer mit Bewährung. Sie wurden selbstverständlich nach Ablauf ihrer Strafe nicht mehr im kirchlichen Dienst eingesetzt. Auch andere Personen wurden sofort abgezogen bzw. laisiert.



Foto: Marc Wilwert
Das Luxemburger Domkapitel beriet am Donnerstag über die Problematik.

Ich kann jedenfalls behaupten, dass immer unverzüglich bei allen Verdachtsfällen vonseiten der Bistumsobrigkeit gehandelt wurde, konsequent und präventiv. Es wurde alles unternommen, um Schlimmeres zu verhindern, sobald es Anzeichen von Verfehlungen gab, die sich dann auch verdeutlichten. Man darf nicht vergessen, dass in der Zeit, von der wir sprechen, in den 60er und 70er Jahren, dieses Thema absolut tabu war, und es demnach auch oft schwer war, der Sache auf den Grund zu gehen und die Opfer zum Reden zu ermutigen.

Oft genug konnte man nur auf Indizien von Drittpersonen hin vorgehen, aber es wurde immer gehandelt, sobald diese Indizien deutlich genug waren, um Maßnahmen zu ergreifen. Diese erstreckten sich von vorzeitigen Pensionierungen über Auslandsmissionen bis hin zu Auslagerungen in andere Berufssparten und Laisierungen, so dass jegliche weitere Kontakte mit Kindern unterbunden wurden.

Bis in welchen rezenteren Zeitraum reichen diese von Ihnen beschriebenen Fälle zurück?

Die letzten mir bekannten Fälle spielten sich in den 90er Jahren ab. Dabei wurde auch Kontakt mit der Staatsanwaltschaft aufgenommen, die dann weiter vorging, während von unserer Seite die kirchenrechtlichen Konsequenzen getroffen wurden.

(...)

Ich denke nicht, dass man von einem wirklichen Schneeballeffekt in Luxemburg ausgehen kann, d.h. dass man die von mir erwähnte Zahl von weniger als zehn Verdachtspersonen jetzt mit 10 oder 100 multiplizieren müsste. Natürlich ist man nie vor Überraschungen gefeit.

Doch haben wir für alle Fälle, am Donnerstag im Domkapitel beschlossen, eine Ansprechperson für eventuell eingehende Hinweise und Klagen einzusetzen. Sie soll von einer multidisziplinären Arbeitsgruppe unterstützt werden, der sowohl weibliche als auch männliche Psychologen, Juristen, Mediziner, Theologen, Kirchenrechtler usw. angehören.

Die Namen der genannten Personen und die Adresse der Anlaufstelle werden soweit möglich im Lauf der kommenden Woche veröffentlicht. Darüber hinaus streben wir eine Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, dem Familienministerium, der Menschenrechtskommission, der Ombudsfrau für Kinderrechte usw. an.