März 2009-März 2010: Vor genau einem Jahr wurden die Chèques-services für die Kinderbetreuung eingeführt. Die Idee hat ihren Weg gemacht – auch wenn besonders den Gemeinden ein gehöriges Maß an Improvisationskunst abverlangt worden ist. Gemeinden, die sich rückblickend eingestehen müssen, über Jahre andere kommunalpolitische Prioritäten gesetzt zu haben, um dann vom Betreuungsboom überrascht zu werden.
Dass in den zurückliegenden zwölf Monaten 41 797 von 69 725 bezugsberechtigten Kindern eine Benutzerkarte ausgestellt wurde, zeugt vom Erfolg der Dienstleistungsschecks. Gerne wird die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie als ein gesellschaftliches Ideal dargestellt. Wer dieses Gesellschaftsmodell fordert, muss auch dessen Gelingen fördern. Die Politik steht in der Pflicht, den betroffenen Bürgern bestmögliche Bedingungen zu bieten, auf dass sie familiäre Verpflichtungen und professionelle Pflichten in Einklang bringen können.
Gewiss, man darf die soziale Realität, mit der die Berufstätigkeit beider Elternteile zum Regelfall geworden ist, gut oder schlecht finden. Man darf aber keinesfalls die Augen vor dieser Wirklichkeit verschließen. Das ist hierzulande in der Familienpolitik nicht der Fall gewesen. So ist das Modell der Maison relais kreiert worden. Damit erhielt die außerschulische Betreuung der Kinder ein Korsett an Kriterien, die zwischen Rümelingen und Ulflingen die gleiche Gültigkeit besitzen. Die Maison relais als Pendant zur Grundschule; Bildung und Betreuung als die zwei Fußstützen am Startblock, die Jungen und Mädchen einen optimalen Auftakt zu ihrem hürdenreichen Lebens-Parcours gewährleisten.
Mit der Einführung der Chèques-services wird die Organisation der Betreuung um den finanziellen Faktor ergänzt: Gratisstunden und gestaffelte Gebühren. Das Portemonnaie soll nicht zu jenem Argument avancieren, das die optimale Startchance zunichte macht. Die Chèques-services eignen sich demzufolge auch nicht für parteipolitische Polemik. Sie sind weder ein elektorales Präsent noch ein ungedeckter Scheck. Dadurch, dass sich sämtliche Betreuungsstunden (über die drei kostenlosen Wochenstunden hinaus) am Einkommen der Erziehungsberechtigten ausrichten, erlauben die Dienstleistungsschecks Chancengleichheit. Auf dem Papier.
In der Praxis ist dies – noch – nicht der Fall. Vor allem Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen gehören noch zu selten zu den Gästen in den Betreuungseinrichtungen. Lediglich ein Drittel aus dieser gefährdeten gesellschaftlichen Zielgruppe gehört zur Stammkundschaft. Hier sind die Verantwortlichen gefordert, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um Remedur zu schaffen. Alle Kinder sollen die gleichen Betreuungsbedingungen in Anspruch nehmen dürfen – wobei diese Betreuung auch zur sozialen Kohäsion beiträgt. Gelingt dies ausgerechnet bei jenen Jungen und Mädchen nicht, deren Alltag sich nicht auf der Sonnenseite des Lebens abspielt, dann wird gerade in jungen Jahren eine gute Gelegenheit vertan, die Armutsspirale zu durchbrechen.
Ein solches Versagen darf sich die Politik nicht leisten. Zumal die Chèques-services eine Sachleistung darstellen, die den Kindern direkt zugutekommt, und nicht eine Geldleistung sind, bei der die Tür zur Zweckentfremdung offen bleibt.
marc.schlammes@wort.lu