Ich bin immer noch hin- und her gerissen. Ich bin eine Frau mit Gefühlen, ich reagiere stark emotional und es berührt mich schon sehr, wie viele Luxemburger an mir hängen. Das lässt mich nicht kalt. Glauben Sie mir: Das macht auch mir die Entscheidung schwer, obwohl ich ansonsten eigentlich ein sehr entscheidungsfreudiger und rational handelnder Mensch bin.
Trotzdem möchte ich eines klarstellen: Die Idee, dass ich ein halbes Jahr lang nach Shanghai umziehen soll, stammt von mir. Ich habe den Vorschlag bereits vor etwas mehr als zehn Monaten gemacht. Allerdings hat es sehr lange gedauert, bis sich die Luxemburger Veranstalter wieder bei mir meldeten. Manchmal sind die Entscheidungswege hier zu Lande doch noch sehr lang. Ich habe mich in dieser Angelegenheit mittlerweile auch an den Ombudsmann gewandt. Oder sagt man gewendet? Manchmal fällt es mir doch schwer, mich auf Deutsch auszudrücken. Ich spreche meistens Luxemburgisch.
Auf der einen Seite reizt es mich sehr, in Shanghai für das Großherzogtum werben zu dürfen. Besonders freue ich mich auch auf eine Begegnung mit der kleinen Meerjungfrau und auf Gespräche mit jungen Frauen aus aller Welt. Auf der anderen Seite muss ich aber zugeben, dass ich eigentlich ein bodenständiger, pardon ein sockelständiger Mensch bin. Ich bin noch nie in meinem Leben geflogen und die Flugangst macht mir schon jetzt zu schaffen. Ich habe aber bereits erste Kontakte mit einem Therapeuten aufgenommen und werde mich Anfang kommender Woche gegen ansteckende Krankheiten impfen lassen. Die Mitarbeiter des Reisebüros haben wirklich an alles gedacht.
Ich habe in den vergangenen Wochen lange Gespräche mit Ausstellungskommissar Robert Goebbels, mit Mitgliedern des Board of cultural development und mit meinem Personal-Trainer Pierre Dillenbourg geführt. Wir werden uns bis Mitte April auf ein Konzept einigen. Ich behalte mir aber ausdrücklich ein Mitspracherecht vor. Wichtig – das glaube ich zumindest – wird es sein, Luxemburg differenziert und vielschichtig darzustellen.
Das Großherzogtum ist mehr als nur das Pei-Museum, mehr als nur die Kasematten, mehr als nur das Ginsterfest und mehr als nur dieser Vertrag von Schengen. Luxemburg bekommt noch in diesem Jahr einen zweiten Saturn-Markt, Luxemburg hat einen Nachtmarathon mit wechselnden Austragungsorten, Luxemburg hat ein Ego-Bezahlsystem und in Luxemburg wird ein Velodrom gebaut. All diese Aspekte werden die Besucher der Weltausstellung mit Sicherheit stark interessieren. Ich habe vor, Workshops und Prominenten-Treffen zu veranstalten. Architekt Pei wird mich dabei unterstützen. Mit ihm habe ich bereits ein – wie man in unseren Kreisen zu sagen pflegt - Public-Private-Partnership vereinbart.
Ich muss doch sehr bitten. Ich bin kein Girl. Ich bin eine reife Frau. Man gönnt sich doch auch sonst nicht alles. Ich nehme die Strapazen einer langen Reise in der Cargolux-Holzklasse auf mich. Sie müssen mir schon zugestehen, dass ich bei der Weltausstellung meine Vorzüge ins rechte Licht rücken werde und mich selbstreferenziell als Botschafterin positionieren möchte, so wie Franz Kafka es in seinem Spätwerk über die psycho-soziale Komponente in der postmodernen Event-Kultur beschrieben hat. Ich tue das aber nicht für mich. Ich tue das für die Stadt und das Land Luxemburg, für Europa, für die ganze Welt und für die Vinsmoselle. Ich bin sicher, ich werde einen starken Eindruck hinterlassen.
… unterbrechen Sie mich nicht! Glauben Sie mir: Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten auf meinem Sockel viele Prominente kommen und gehen sehen. Ich weiß, wie das Geschäft läuft. Meine Geschäftspartner und Sponsoren wissen das auch. Ich werde ihnen exklusive Rahmenbedingungen zur Selbstdarstellung liefern. Nachdem meine Teilnahme an der Expo bekannt wurde, haben sich bereits sieben Parlamentskommissionen entschieden, ebenfalls nach China zu reisen. Seien Sie ehrlich: Wer in Luxemburg würde es innerhalb so kurzer Zeit schaffen, derart viele Politiker zu bewegen?
Ich habe mir Fotos angeschaut und die Pläne erklären lassen. Ich bin seit längerem mit dem Architekten des Pavillons befreundet. François Valentiny lädt mich jedes Jahr zu seiner 1.-Mai-Party ein – ich glaube wir haben uns auch schon mal in seinem schönen Garten getroffen. Dieses Jahr wird die Party nicht in Remerschen, sondern in Shanghai stattfinden. Auch das ist ein Ereignis. Ein Stück Luxemburger Garten-Party-Kultur wird einfach exportiert.
Ich bin sehr auf den Pavillon gespannt. Eine kleine Vorstellung habe ich aber schon. Bei gutem Wetter in Luxemburg reicht mein Blick von der Place de la Constitution in Luxemburg bis zum Petrisberg in Trier; dort steht der von Valentiny erdachte Luxemburg-Turm. Für mich ist dieser direkte Blickkontakt auch menschlich sehr wichtig – so kann ich mich mental auf mein Gastspiel in Shanghai vorbereiten.
Wir – meine Berater und ich – verfolgen dies mit Interesse. Wir werden uns dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen lassen und konsequent auf unserem Weg weitermarschieren. Wir haben eine Mission zu erfüllen und können nicht auf jeden einzelnen hören. Ich selbst werde in den kommenden Tagen und Wochen aber verstärkt das Gespräch mit den Luxemburgern und mit den Luxemburgerinnen suchen. Ich werde eine Pressekonferenz geben und ich werde Journalisten nach Shanghai einladen. In einem Blog werde ich auch in der ersten Mai-Woche täglich auf wort.lu aus der chinesischen Stadt berichten – das verspricht ein großer Spaß zu werden und ist für mich eine interessante Herausforderung.