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Interview zur Luxemburger Sprache
26.02.2010 10:12 Uhr, aktualisiert 26.02.2010 10:17 Uhr

„Es gibt ein neues Selbstbewusstsein!“



Foto: Guy Jallay
Im Gespräch: Fernand Fehlen (links) und Peter Gilles.



Foto: Olivier Jaminon
Nicht nur beim Turmbau zu Babel gab es Verständigungsschwierigkeiten. Doch bedroht die Mehrsprachigkeit das Luxemburgische? „Nein“, sagen Sprachwissenschaftler.

Interview von Birgit Pfaus-Ravida

Im Unesco-Atlas der bedrohten Sprachen war Luxemburgisch vor genau einem Jahr als „gefährdet“ eingestuft worden. Diese Einordnung hatte damals für große Aufregung gesorgt. Wie am Donnerstag berichtet, wurde dieser Online-Atlas jetzt in einem wesentlichen Punkt geändert: Nicht schätzungsweise 300 000 Menschen sprächen Luxemburgisch, sondern 390 000. Mit dieser Zahl liegt die Unesco nun viel näher an der Schätzung „400 000“, mit der die Universität Luxemburg arbeitet. Sprachwissenschaftler Professor Peter Gilles und Sprachensoziologe Fernand Fehlen im Gespräch über Zahlen und Tendenzen rund um die luxemburgische Nationalsprache.

390 000 Luxemburgisch-Sprecher – wie kommt diese Zahl zustande? Warum schätzt die Uni sogar 400 000? Zählen nur Muttersprachler dazu? Oder auch im Land lebende Ausländer und Grenzgänger?

Fernand Fehlen: Unsere Zahl 400 000, die ich in meinen „Baleine“-Studien verwendet habe, beruht auf Umfragen bei Luxemburgern und Ausländern. Ich kam auf 280 000 Menschen mit luxemburgischer Nationalität, davon etwa 270 000, die wirklich Luxemburgisch sprechen. Dazu kommen etwa 220 000 Ausländer, von denen die Hälfte, also 110 000, Luxemburgisch spricht. Außerdem etwa 150 000 Grenzgänger, von denen zwischen 20 000 und 30 000 Luxemburgisch können. Interessant ist, dass in anderen mehrsprachigen Ländern solche Zahlen bei Volkszählungen abgefragt werden. Das ist hierzulande nicht der Fall, wäre aber sinnvoll. Doch die Chancen stehen gut, dass das bald gemacht wird.

Peter Gilles: In ihrem Atlas der bedrohten Sprachen stützt sich die Unesco übrigens auf die Quelle „Ethnologue“, die in einer privaten religiösen linguistischen Organisation in den USA verankert ist. Die Quelle ist, sagen wir es vorsichtig, nicht immer zuverlässig.

Im vergangenen Jahr hatte die Unesco Luxemburgisch auf der ersten von fünf Stufen, die zum Aussterben einer Sprache führen, angesiedelt. Ist Luxemburgisch jetzt wirklich nicht mehr im „unsicheren Status“? Laut Unesco und auch im persönlichen Empfinden Vieler steht sie ja in starker Konkurrenz zum Französischen und zum Deutschen ...

Peter Gilles: Luxemburgisch war nie auf einem „unsicheren Status“. Natürlich gehen durch fremdsprachliche Einflüsse Worte verloren beziehungsweise werden durch andere ersetzt. Das findet man als Sprachwissenschaftler auch schade. Doch solange die Struktur, die Grammatik nicht betroffen ist und sich nur der Wortschatz verändert, ist die Sprache nicht in Gefahr. Es ist unangebracht, solche Dinge zu politisieren. Es gab in Luxemburg schon immer Regionen, in denen der „Kéisecker“ „Igel“ hieß. Und: In allen Sprachen gibt es viele Varianten. Man kann nicht sagen: „Es gibt nur ein Luxemburgisch.“ Luxemburgisch ist so komplex wie andere Sprachen auch. Und Sprachpuristen gibt es wiederum in jedem Land. Übrigens hat Peter Klein schon im 19. Jahrhundert gesagt, Luxemburgisch sei so „französisiert“, dass bald „niemand mehr Luxemburgisch spricht.“ Jetzt sind wir 150 Jahre später – und Luxemburgisch ist immer noch nicht ausgestorben. Das zeigt: Geschichte und Argumente wiederholen sich.

Fernand Fehlen: Rein soziologisch gesehen ist es aber hierzulande schon immer noch so, dass sich die gebildete Schicht durch ihre Mehrsprachigkeit von der Masse abhebt und abheben wil, beispielsweise, indem man sich generell schnell dem fremdsprachigen Gesprächspartner anpasst oder bei offiziellen Gelegenheiten Französisch spricht – die „Bildungssprache“.

Apropos Bildung: Tut der Staat nach der gesetzlichen Verankerung als Nationalsprache im Jahr 1984 heute wirklich genug dafür, das Luxemburgische zu schützen, mehr noch, es zu pflegen?



Fernand Fehlen: Es gibt zwar Ansätze, aber ich sage immer noch: Nein, das ist nicht genug. Luxemburgisch ist im Primärschulunterricht und in den Lyzeen nicht ausreichend verankert. Es wird nicht systematisch gelehrt. Doch trotzdem hat es sich in einigen Fächern, auch inoffiziell, etabliert. Kinder, die nicht Muttersprachler sind, haben dann Nachteile, weil ihnen die Systematik der Sprache fehlt und sie dem Unterricht nicht so gut folgen können.

Peter Gilles: Zwar wird die Rolle der Schriftlichkeit für Sprachen oft überbewertet, und in Luxemburg ist definitiv der mündliche Gebrauch der Sprache wichtiger. Doch ohne Schriftlichkeit geht es eben nun mal nicht. Darum muss gerade der Schulbereich gesondert betrachtet werden. Die Kinder müssen eine normierte Form des Luxemburgischen kennenlernen.

Eine normierte schriftliche Form des Luxemburgischen, also die exakte Rechtschreibung, kennen viele Luxemburger nach eigenen Angaben selbst nicht hundertprozentig. Und doch kann man heute viel öfter Luxemburgisch lesen als noch vor einigen Jahren.

Peter Gilles: Ja, dazu tragen vor allem die sogenannten Neuen Medien bei. Ob Handy-SMS, Internet-Chat oder Facebook: Luxemburger benutzen hier ganz selbstverständlich ihre Sprache. Und auch, wenn die Rechtschreibung nicht immer stimmt, ist das ein eindeutiges Zeichen: Es gibt ein neues Selbstbewusstsein. Gerade die Jungen finden das Benutzen „ihrer“ Sprache ganz selbstverständlich. Ich habe mal meine Studenten gefragt, in welcher Sprache der Spruch auf ihrem Anrufbeantworter ist. Die Antwort war bei allen Luxemburgern: „Luxemburgisch“.

Fernand Fehlen: Ja, Luxemburgisch wird in immer mehr Funktionen gebraucht, da findet ein Wandel statt, was das Selbstbewusstsein angeht. Trotzdem insistiere ich: Luxemburgisch soll endlich die „Aura“ einer Hochsprache beziehungsweise einer Kultursprache bekommen und also auch in der Schule gelehrt werden.

Immer wieder kommt die oft emotionale Debatte auf, ob Luxemburgisch eindeutig eine Sprache ist oder doch ein Dialekt. Wie viele Merkmale einer Sprache hat Luxemburgisch, wie viele eines Dialektes?


Peter Gilles: Das kann man nicht aufschlüsseln. Wenn man sich eine Sprache linguistisch gesehen als Objekt ansieht, dann macht es sprachwissenschaftlich gesehen keinen Sinn, zwischen Dialekt und Sprache zu differenzieren. Alles, was wir als Dialekt bezeichnen, ist wissenschaftlich gesehen so funktional wie Hochfranzösisch oder Hochdeutsch. Es gibt keine Sprachform ohne vollständige Grammatik. Man kann allerdings den Punkt „Wortschatz“ anbringen. Wie flexibel ist der? Kann ich damit auch komplizierte Sachverhalte ausdrücken? Kann ich nicht nur über Essen und Wetter, sondern auch über Atomkraft und Identitätskrisen reden? Wenn ich das mit „Ja“ beantworte, dann zeigt das, dass Luxemburgisch über die Kapazitäten verfügt, als vollwertige Sprache angesehen zu werden.

Fernand Fehlen: Aus soziolinguistischer Sicht gebe ich diesen Anstoß: Sprache ist das, was Leute als Sprache ansehen.

Ihre Meinung zum Thema

( 6 )
  • N. Gabrielle Capra meint:
    09.03.2010, 20:13 Uhr
    Wers glaubt wird selig!
    Et gött vill zevill Franzéisch geschwat an och esouguer an den daitschsprochegen Zeitungen geschriwwen. A mir sollen et bezuelen, esouguer déi déi ken Daitsch am Krich duerfte léieren. Eis 3 gängeg Sprochen sinn vill zevill komplizéiert, se misse Ballast ofgeheien. Se mussen ofspecken wa mer se rette wöllen. Och wann d'Schüler an d'Studenten d'SMS op Létzeburgesch schreiwen, get dach ken hinn a schreiwt déi ganz Doppellauten. Firwat och.? Ech schreiwen se jiddefalls net méi, an ech schreiwe vill Létzeburgesch. Ech kucken och net all Wuert am Dictionnaire no, ech hale mech meschtens un den daitsche Stamm wann ech onsécher sinn!
    Nodems ech den ¨ émmer niewt den e gesat hunn, ersetzen ech den ë einfach duerch den é.

    Am Daitschen lossen ech den ß einfach falen. Ech sinn dach net méi helleg wéi de Popst. Mat der Tast alt an 225 de scharfen s ze schreiwen. D'Schwaiz huet emol kéng Tast op hirem Clavier franco-suisse virgesinn. A mir ginn hinn a strietezn eis Kanner duebel an draifach mat eppes wat total onnötz ass.

    z.B. dat Wuert Päerd, wou mer nach en ä dotéschent knetzelen. Perd, get och. Jiddefalls hunn ech ébemol d'Feler am Daitsche gemacht an dann machen eis Kanner déi Feler doutsécher och.
  • georges colling meint:
    27.02.2010, 12:33 Uhr
    Le'wen Här Rainer

    O dach, ech sin een aale Lëtzebuerger,eso' guer een uraalen,well ech sin ee Feschmaarter Jong, meng Famillien ass eng Traditionell Feschmaarter,ech muss zwar der Gesondheet zu le'ft am Ausland liewen,awer dofir sin ech, a matt Stolz, nach emmer een treien Lëtzeburger.
    Et huet mech onheemlech gefreet,äre Kommentar iwer meng Meenong,ech schecken iech dofir ee ganze Ko'p Sonn no Lëtzeburg,hei hun ech de' am Iwerfloss.

    Ett gre'sst matt vill Respekt aus deem sche'nen Teneriffa
    Ären treie Lëtzeburger

    GOGO
  • Rainer Fickers meint:
    26.02.2010, 22:17 Uhr
    @Georges Colling: ganz richteg! An dat schreift een, de kee Lëtzebuerger ass, mais Neibelsch. Sidd frou, dass Dir t'Lëtzebuergescht als Sprooch behaalt an fleegt, mir do uewen hätten och gär eist "Platt" emol unerkannt, nët nëmmen Daitsch, dat um Fong guer nët eis Mammensprooch ass!
    D'Héichsproochen wéi Daitsch, Franzéisch asw. sin um Fong kënstlech Sproochen, déi op ee Kompromiss baséieren. Dialekter sin vill méei aal, dat soll ee nët vergiessen! Dofir sténkt mir t'Arroganz vun verschiddenen Léit vis-à-vis vum Lëtzebuergeschen immens!!
  • benny boudia meint:
    26.02.2010, 15:20 Uhr
    Fehlen: "Dazu kommen etwa 220 000 Ausländer, von denen die Hälfte, also 110 000, Luxemburgisch spricht."

    Lenin: „Eine Lüge, die oft genug erzählt wird, wird irgendwann zur Wahrheit!"

    mä wat solle se och soss soen, schliisslech gi se vum Stat bezuelt. Gutt bezuelt :-)
  • georges colling meint:
    26.02.2010, 15:03 Uhr
    Hallo le'f Letzebuerger

    Git ee mol bei d'Eischen Denkmol,den Här huet iech eppes ze soen,an dann denkt dir och emol un den Här Dicks a Lenz,eis Sprooch haat nach emmer ee gro'sse Firdeel,mir brauchen keng Grammatik,jiddereen schreift et eso' we' hien daat schwetzt.
    Eis Sproch,wann dir et net sollt wessen,gett schons me' laang geschwaat we' vill anerer,an si ass emmer nach do,a wärt och nach laang bleiwen.
    d'Preisesch ass am Moment drun ee Amerikaneschen Dialekt ze gin,also waat soll dee ganze Palaver do iwerhaapt.
    Wien eis Sprooch net well axepte'eren,dee soll sech emol t'Fro stellen,waat hien iwwerhaapt wellt.
    Fir mech ass Spuenesch och net Spuenesch,well ech sin och där Sproch mächtech,an nach ee puer aanerer.

    Also da le'ert eemol nach sche'n, da geet daat schons.

    Äre le'we GOGO
  • Tom Schmeler meint:
    26.02.2010, 11:06 Uhr
    "Interessant ist, dass in anderen mehrsprachigen Ländern solche Zahlen bei Volkszählungen abgefragt werden. Das ist hierzulande nicht der Fall, wäre aber sinnvoll. Doch die Chancen stehen gut, dass das bald gemacht wird"

    Soen ech jo !

    Wiesou as den Artikel op Daitsch ?