von Nathalie Rovatti
Die alten Sinterkamine aus den 1970er-Jahren, die das Bild von Belval auf Sassenheimer Seite prägen, so wie es die Hochöfen auf Escher Seite tun, sind in einem alarmierend schlechten Zustand. Die 115 und 75 Meter hohen Schornsteine weisen sowohl im Bereich der Innen- und Außenvermauerung als auch im Innenfutter und Sockelbereich so starke Schäden auf, dass die Gefahr herabfallender loser Mauersteine und darüber hinaus sogar akute Einsturzgefahr besteht. Um einen Abriss dieser Bauwerke mit Symbolcharakter auf den alten Brachen zu vermeiden, haben sich agora und die Gemeinde Sassenheim nun zu einem Rückbau beider Kamine durchgerungen. Sie sollen auf eine Höhe von nur mehr 40 Meter gestutzt werden.
Der Sassenheimer Bürgermeister Georges Engel sprach gestern von „keinem schönen Moment für unsere Gemeinde“. Die Kamine hätten schließlich mehrere Jahrzehnte das Industriegelände von Belval geprägt und seien auch fester Bestandteil des Masterplans zur Rekonversion der Brachen. Rund zwei Drittel von Belval liegen bekanntlich auf Sassenheimer Terrain und sämtliche Bauten, wie das neue Wohnviertel, die Schule, das Lyzeum, der Park und die Wassertreppe, waren unter Einbeziehung der Schornsteine geplant worden.
„Es betrübt uns sehr, dass wir das staatliche Denkmalschutzamt nicht überzeugen konnten, sich verstärkt für die Restaurierung der Kamine einzusetzen. Da wir als Gemeinde aber nicht das Risiko von Verletzungen oder Schlimmerem durch herabfallende Steinfragmente oder gar einen kompletten Einsturz verantworten wollen, sind wir dem Vorschlag der agora nachgekommen und haben als Gemeinderat beschlossen, dem Rückbau zuzustimmen. Ein kompletter Abriss stand für uns außer Frage“, so Georges Engel.
Agora, die für Belval zuständige Entwicklungsgesellschaft, hatte im Hinblick auf die verschiedenen Baumaßnahmen, die in den kommenden Monaten rund um die Schornsteine in Angriff genommen werden, ein deutsches Expertenbüro mit einer Analyse über den Zustand der Kamine beauftragt. „Das Ergebnis war niederschmetternd. Um eine Grundsicherung und damit zumindest einen Teilerhalt zu gewährleisten, empfiehlt das Büro den Abbruch des Schaftmauerwerks auf mindestens 40 Meter. Mit den Arbeiten sollte ursprünglich erst Mitte 2010 begonnen werden.
Aufgrund der außergewöhnlich starken winterlichen Witterungsbedingungen in den vergangenen Wochen sind die Schäden jedoch so weit fortgeschritten, dass nun schnelles Handeln erforderlich ist“, so agora-Direktor Vincent Delwiche gestern Morgen. Der Rückbau wird nicht durch Sprengung erfolgen. Die einzeln gemauerten Steinkränze sollen Schicht für Schicht abgetragen werden. Guy Klepper, der für Infrastrukturen zuständige Direktor von agora, sprach von einer Dauer der Arbeiten zwischen zwei und drei Monaten. Weiter erklärte Vincent Delwiche, dass in den vergangenen Monaten verschiedene Alternativen zum Rückbau geprüft worden seien – auch in Gesprächen mit der „Amicale des Hauts-Fourneaux“ und dem Mouvement écologique, die sich der Bewahrung der Industriedenkmäler in Belval verschrieben haben – jedoch keine Lösung gefunden werden konnte, die den kompletten Erhalt der Kamine in ihrer jetzigen Form ermöglicht hätte.
„Beide Bauwerke sind seit 1987 stillgelegt. In den vergangenen fast drei Jahrzehnten wurde kein Unterhalt geleistet, und jetzt sind die Schäden zu groß. Um die Gefahr für die Allgemeinheit einzudämmen, hat agora als Erstmaßnahme einen Sicherheitsperimeter rund um die Kamine definiert. Dieser behindert aktuell jedoch die anstehenden Erschließungsmaßnahmen im ,Square Mile‘ sowie im Park Belval“, so der agora-Verantwortliche. Was die Schäden anbelangt, so sind u. a. riesige Risse in den Kaminen, die sich von innen nach außen ziehen, sowie unzählige Hohl-Nischen, die die gesamte Baustruktur schwächen. Besonders jetzt, wo Regenwasser in diese Rillen eindringt und friert, erhöht sich das Risiko, dass es zum Einsturz kommen kann, um ein Vielfaches.
Welchen Zweck die Schornsteine in Zukunft erfüllen sollen, ist noch unklar. Wie Vincent Delwiche erklärte, werde sich jedoch nicht nur darum bemüht, ihren Symbol- und „Land Mark“-Charakter zu erhalten. Die Zeugen der einstigen Industrieaktivitäten auf dem Gelände sollen auch in der „schönen, neuen Welt Belval“ einer neuen Bestimmung zugeführt werden. „Derzeit sind verschiedene Arbeitsgruppen im Rahmen eines Wettbewerbes dabei, mögliche Konzepte auszuarbeiten. Vorstellbar wären beispielsweise die Bauwerke mit Solarschildern zur Energiegewinnung einzukleiden oder an ihrem Fuß ein Restaurant zu eröffnen. Ich hoffe, dass wir noch in diesem Jahr zu einem Ergebnis kommen“, meint Vincent Delwiche.