von Joëlle Merges
Am morgigen Samstag wird weltweit der Tag gegen die Armut begangen, und im Hinblick auf diesen Termin hat der Statec am Donnerstag seinen Jahresbericht zur Beschäftigung und zur sozialen Kohäsion veröffentlicht. Untersucht haben die staatlichen Statistiker nicht nur das Armutsrisiko und die Beschäftigungsquote, sondern auch die Entwicklung der Kaufkraft und die Mittelschicht.
Sie ist der Liberalen liebstes Kind: die Mittelschicht. Die Mittelschicht stand im Mittelpunkt des Wahlprogramms der Demokratischen Partei. Die Mittelschicht stand im Mittelpunkt der parlamentarischen Rentrée der DP. Die Liberalen wollen die Mittelschicht verteidigen, denn die Mittelschicht gehört zu den Verlierern von Schwarz-Rot, behaupten Parteichef Meisch und Fraktionschef Bettel.
Wissenschaftlich belegen lässt sich diese These nicht. Jedenfalls nicht anhand des Sozialberichts des Statec. Die staatlichen Statistiker haben berechnet, dass rund 60 Prozent der Bevölkerung der sogenannten Mittelschicht angehören. Über die Jahre hinweg betrachtet blieb dieser Prozentsatz in etwa gleich, er ist in der jüngsten Zeit sogar noch etwas angestiegen. Von einem Schrumpfen der Mittelschicht, wie es zum Teil im Ausland gemessen werde, könne hierzulande keine Rede sein, betonte Statec-Direktor Serge Allegrezza bei der Vorstellung der Sozialstudie.
Wer gehört nun zu dieser Mittelschicht? Der Statec geht von einem verfügbaren Einkommen aus, das zwischen 1 800 und 3 900 Euro monatlich liegt. Zu einem überwiegenden Teil besitzen die Menschen der Mittelschicht den luxemburgischen Pass, verfügen über einen relativ hohen Bildungsstand und sind als Angestellte oder Beamte tätig. Den Statec-Angaben zufolge hat sich der Lebensstandard der Mittelschicht in den vergangenen Jahren stetig verbessert. Die gleiche Feststellung trifft allerdings auch auf die Unter- und die Oberschicht zu. Von 2007 auf 2008 sei das verfügbare Einkommen im Durchschnitt um 4,5 Prozent gestiegen, die Kaufkraft habe sich im gleichen Zeitraum um ein Prozent verbessert.
Das ist zwar nicht gerade viel, aber besser als gar nichts. Die Krise macht sich im Statec-Bericht kaum bemerkbar. Weder ist das Armutsrisiko deutlich angestiegen (der Anteil der von Armut bedrohten Menschen lag im vergangenen Jahr bei 13,4 Prozent gegenüber 13,5 Prozent im Jahr 2007), noch machen sich starke Ungleichgewichte in der Gesellschaft bemerkbar. Allerdings befürchtet der Statec-Direktor, dass die Oberschicht weniger durch die Krise in Mitleidenschaft gerät, als dies für die übrigen Bevölkerungsteile der Fall sein werde. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sieht Serge Allegrezza dennoch nicht.
Wie es um diese soziale Vernetzung bestellt ist, haben die staatlichen Statistiker ebenfalls untersucht, wobei sie sich sowohl auf objektive Daten wie auf das Empfinden der Bürger berufen. Ganz abstrakt kann man sagen, dass die Luxemburger trotz hohem Pro-Kopf-Einkommen nicht gerade zu den glücklichsten Menschen in Europa zählen. Ein Blick auf die Indikatoren, an denen der Statec den sozialen Zusammenhalt ermittelt hat, ergibt jedoch ein differenziertes Bild. Fragt man sie nach ihren persönlichen Lebensbedingungen, dann empfinden sich die Luxemburger überhaupt nicht als arm. Die Luxemburger sind auch ausländerfreundlicher, als dies fast überall sonst in der EU der Fall ist. Was das Gesellschaftsmodell angeht, so findet Serge Allegrezza starke Ähnlichkeiten zwischen dem luxemburgischen und dem skandinavischen. „Die Regierung sollte sich bei der Gestaltung der Sozialpolitik an diesen Übereinstimmungen inspirieren.“