Von Nathalie Rovatti
Mit der am Dienstag begonnenen dreitägigen Staatsvisite in Portugal will das großherzogliche Paar u. a. seine Verbundenheit mit dem Land unterstreichen, aus dem die größte Immigrationsgemeinschaft Luxemburgs stammt. Seit 1964 wurden portugiesische Arbeitskräfte in ihrem Heimatland angeworben, um in Luxemburg im Baugewerbe tätig zu werden. Das Zusammenleben zwischen Luxemburgern und Zuwanderern gestaltete sich seither nicht immer einfach.
Wie stellt sich die Situation heute dar? Und wie ist es um die Integration der portugiesischen Gemeinschaft in Luxemburg bestellt? Darüber unterhielt sich das „Luxemburger Wort“mit Guy Reger, dem Präsidenten der „Amitié Portugal-Luxembourg“ (APL).
Die APL, gegründet 1969, ist die älteste Vereinigung in Luxemburg, die sich um die Beziehungen zwischen Luxemburgern und Einwanderern mit portugiesischsprachigem Hintergrund bemüht. „Es wird immer von Integration gesprochen. Dabei ist Integration ein Wort, das sehr unterschiedlich ausgelegt werden kann. Für uns als APL steht eines fest: Integration geht nur, wenn sie nicht einseitig verstanden und nicht mit Assimilation gleichgesetzt wird. Von den Zuwanderern zu verlangen, alle ihre Lebensgewohnheiten einfach gegen unsere einzutauschen, das kann nicht funktionieren“, stellt Guy Reger sofort klar.
Eine große Gefahr sieht er deshalb auch in den, wie er sagt, „kommunitaristische Tendenzen“ sowohl auf Seiten der portugiesischen als auch der luxemburgischen Bevölkerung im Land. „Wenn es uns nicht gelingt, diese bewusste Abschottung positiv aufzuweichen, wird es auch nicht gelingen, die Gesellschaft zusammenwachsen zu lassen. Hier muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden“, so Guy Reger.
Die Zahl der in Luxemburg lebenden Portugiesen beziffert Guy Reger auf 80.000. „Ich weiß, dass gerne von 100.000 gesprochen wird – auch von Seiten der Portugiesen selbst. Das schließt dann allerdings jene mit ein, die inzwischen die Luxemburger Nationalität angenommen haben. Ich sehe eine Gefahr darin, die Zahlen bewusst nach oben korrigieren zu wollen. Es geht schließlich nicht darum, zwei Parallelgesellschaften zu installieren“.
Guy Reger geht sehr offen mit dem Thema um. Er stellt auch unmissverständlich klar, dass das Ziel nicht sein darf, alles in Luxemburg auf die Einwanderer auszurichten. „Vielmehr sollen wir ihnen entgegenkommen. Ihnen den Start in einem fremden Land vereinfachen und sie auf diese Weise auffangen. Wer sich angenommen und willkommen fühlt, ist auch offen für das Neue“, so der APL-Vorsitzende.
„Wir dürfen nicht vergessen, dass die Probleme der jungen portugiesischen Generationen andere sind, als die ihrer Eltern und Großeltern. Viele junge Portugiesen haben heute hochkarätige Diplome. Und doch haben sie es immer noch bedeutend schwerer hierzulande in der Berufswelt Fuß zu fassen, als Luxemburger oder Zuwanderer anderer Nationalitäten mit den gleichen Abschlüssen. Das längst überholte Bild vom Bauarbeiter und der Putzfrau hat in den Köpfen hierzulande leider immer noch Bestand“, so Guy Reger.
Aus- und Weiterbildung bezeichnet er als zentrale Themen im Integrationsprozess. Die Zahl der Portugiesen, die diese Angebote nutzen, sei hoch, „auch weil viele verstanden haben, dass eine gute Bildung neue Wege eröffnet“. In diesem Prozess bemüht sich die APL besonders um die Eltern. „Wenn Vater und Mutter erkennen, dass eine gute Bildung der Schlüssel zu einer besseren Zukunft ist, werden sie ihren Kinder das vermitteln. Allerdings gilt es auch entsprechende Kursangebote zu schaffen, die sowohl die älteren, als auch die jungen Zuwanderergenerationen ansprechen. Das Umfeld spielt dabei eine wichtige Rolle. Nur wer gefördert wird, kann sich weiterentwickeln“, so Guy Reger.
Ein weiterer Aspekt der Guy Reger zufolge ebenfalls viel zum gegenseitigen Verständnis beitragen kann ist Aufarbeitung der Geschichte der portugiesischen Immigration in Luxemburg. „Es darf nicht vergessen werden, dass die Portugiesen in den 1960er-Jahren nicht von selbst den Weg hierher gefunden haben. Vielmehr wurden sie im Auftrag des Luxemburger Staates rekrutiert. Und das nicht nur um Arbeitskräfte für das Baugewerbe zu gewinnen, sondern auch um das demografische Gleichgewicht zu sichern“, erinnert sich Guy Reger.
Im Auftrag der APL hat ein Wissenschaftler sich in den vergangenen Monaten mit diesem Kapitel luso-luxemburgischer Geschichte befasst. Geplant ist ein Buch herauszubringen, das dieses Thema eingehend beleuchtet.
Kritik übt Guy Reger an der Vorgehensweise des Staates in Bezug auf die Eingliederung: „Ich würde mir eine engere Zusammenarbeit der öffentlichen Hand mit den verschiedenen Vereinigungen wünschen. Durch ihre Arbeit auf dem Terrain kennen sich Letztere besser aus, was die Bedürfnisse, Erwartungen und Ängste der Zuwanderer angeht. Das würde vieles vereinfachen“. Von der Staatsvisite erhofft sich die APL, dass die Gelegenheit genutzt wird, einen Dialog aufzubauen, in dem beide Seiten nicht nur reden, sondern sich auch gegenseitig zuhören.