07.09.2010 07:01 Uhr, aktualisiert 07.09.2010 11:02 Uhr




Interview mit dem Präsidenten der „Amitié Portugal-Luxembourg“
„Integration nicht mit Assimilation gleichstellen“
LW-Gespäch mit Guy Reger von „Amitié Portugal-Luxembourg“ über die Situation der in Luxemburg lebenden Portugiesen

Foto: Anouk Antony
Bereits im Jahr 2000 absolvierte das damalige erbgroßherzogliche Paar eine dreitägige Visite in Portugal, hier beim Stadtbummel durch das zum Weltkulturerbe zählende Evora.

Von Nathalie Rovatti

Mit der am Dienstag begonnenen dreitägigen Staatsvisite in Portugal will das großherzogliche Paar u. a. seine Verbundenheit mit dem Land unterstreichen, aus dem die größte Immigrationsgemeinschaft Luxemburgs stammt. Seit 1964 wurden portugiesische Arbeitskräfte in ihrem Heimatland angeworben, um in Luxemburg im Baugewerbe tätig zu werden. Das Zusammenleben zwischen Luxemburgern und Zuwanderern gestaltete sich seither nicht immer einfach.

Wie stellt sich die Situation heute dar? Und wie ist es um die Integration der portugiesischen Gemeinschaft in Luxemburg bestellt? Darüber unterhielt sich das „Luxemburger Wort“mit Guy Reger, dem Präsidenten der „Amitié Portugal-Luxembourg“ (APL).

Die APL, gegründet 1969, ist die älteste Vereinigung in Luxemburg, die sich um die Beziehungen zwischen Luxemburgern und Einwanderern mit portugiesischsprachigem Hintergrund bemüht. „Es wird immer von Integration gesprochen. Dabei ist Integration ein Wort, das sehr unterschiedlich ausgelegt werden kann. Für uns als APL steht eines fest: Integration geht nur, wenn sie nicht einseitig verstanden und nicht mit Assimilation gleichgesetzt wird. Von den Zuwanderern zu verlangen, alle ihre Lebensgewohnheiten einfach gegen unsere einzutauschen, das kann nicht funktionieren“, stellt Guy Reger sofort klar.

Eine große Gefahr sieht er deshalb auch in den, wie er sagt, „kommunitaristische Tendenzen“ sowohl auf Seiten der portugiesischen als auch der luxemburgischen Bevölkerung im Land. „Wenn es uns nicht gelingt, diese bewusste Abschottung positiv aufzuweichen, wird es auch nicht gelingen, die Gesellschaft zusammenwachsen zu lassen. Hier muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden“, so Guy Reger.


Foto: Guy Jallay
Guy Reger, Präsident der „Amitié Portugal-Luxembourg“.

Keine Parallel-Gesellschaften

Die Zahl der in Luxemburg lebenden Portugiesen beziffert Guy Reger auf 80.000. „Ich weiß, dass gerne von 100.000 gesprochen wird – auch von Seiten der Portugiesen selbst. Das schließt dann allerdings jene mit ein, die inzwischen die Luxemburger Nationalität angenommen haben. Ich sehe eine Gefahr darin, die Zahlen bewusst nach oben korrigieren zu wollen. Es geht schließlich nicht darum, zwei Parallelgesellschaften zu installieren“.

Guy Reger geht sehr offen mit dem Thema um. Er stellt auch unmissverständlich klar, dass das Ziel nicht sein darf, alles in Luxemburg auf die Einwanderer auszurichten. „Vielmehr sollen wir ihnen entgegenkommen. Ihnen den Start in einem fremden Land vereinfachen und sie auf diese Weise auffangen. Wer sich angenommen und willkommen fühlt, ist auch offen für das Neue“, so der APL-Vorsitzende.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass die Probleme der jungen portugiesischen Generationen andere sind, als die ihrer Eltern und Großeltern. Viele junge Portugiesen haben heute hochkarätige Diplome. Und doch haben sie es immer noch bedeutend schwerer hierzulande in der Berufswelt Fuß zu fassen, als Luxemburger oder Zuwanderer anderer Nationalitäten mit den gleichen Abschlüssen. Das längst überholte Bild vom Bauarbeiter und der Putzfrau hat in den Köpfen hierzulande leider immer noch Bestand“, so Guy Reger.

Aus- und Weiterbildung bezeichnet er als zentrale Themen im Integrationsprozess. Die Zahl der Portugiesen, die diese Angebote nutzen, sei hoch, „auch weil viele verstanden haben, dass eine gute Bildung neue Wege eröffnet“. In diesem Prozess bemüht sich die APL besonders um die Eltern. „Wenn Vater und Mutter erkennen, dass eine gute Bildung der Schlüssel zu einer besseren Zukunft ist, werden sie ihren Kinder das vermitteln. Allerdings gilt es auch entsprechende Kursangebote zu schaffen, die sowohl die älteren, als auch die jungen Zuwanderergenerationen ansprechen. Das Umfeld spielt dabei eine wichtige Rolle. Nur wer gefördert wird, kann sich weiterentwickeln“, so Guy Reger.

Anwerbung in den 1960er-Jahren

Ein weiterer Aspekt der Guy Reger zufolge ebenfalls viel zum gegenseitigen Verständnis beitragen kann ist Aufarbeitung der Geschichte der portugiesischen Immigration in Luxemburg. „Es darf nicht vergessen werden, dass die Portugiesen in den 1960er-Jahren nicht von selbst den Weg hierher gefunden haben. Vielmehr wurden sie im Auftrag des Luxemburger Staates rekrutiert. Und das nicht nur um Arbeitskräfte für das Baugewerbe zu gewinnen, sondern auch um das demografische Gleichgewicht zu sichern“, erinnert sich Guy Reger.

Im Auftrag der APL hat ein Wissenschaftler sich in den vergangenen Monaten mit diesem Kapitel luso-luxemburgischer Geschichte befasst. Geplant ist ein Buch herauszubringen, das dieses Thema eingehend beleuchtet.

Kritik übt Guy Reger an der Vorgehensweise des Staates in Bezug auf die Eingliederung: „Ich würde mir eine engere Zusammenarbeit der öffentlichen Hand mit den verschiedenen Vereinigungen wünschen. Durch ihre Arbeit auf dem Terrain kennen sich Letztere besser aus, was die Bedürfnisse, Erwartungen und Ängste der Zuwanderer angeht. Das würde vieles vereinfachen“. Von der Staatsvisite erhofft sich die APL, dass die Gelegenheit genutzt wird, einen Dialog aufzubauen, in dem beide Seiten nicht nur reden, sondern sich auch gegenseitig zuhören.

Ihre Meinung zum Thema

( 3 )
  • Ramba Zamba meint:
    09.09.2010, 12:09 Uhr
    Dofir schreiwt jo och kéen mei eppes bei déem Thema. Behält éen seng Méenung fir sech mée wehe et keim eng Keier en letzbuerger "Sarrazin" mat enger Partei, dann heieren mier dei Méenungen an Prozenter dei d'Politik net well wessen.
  • Sacha B. meint:
    08.09.2010, 15:54 Uhr
    De Lëtzebuerger huet keng Fuerderungen ze stellen. Integratioun ass en zimlech kriddelecht Thema, de Problem ass deen, soubaal irgendeen Kritik opkommen léisst un verschiddene Bevölkerungsgruppen, dann gëtt een allzegär an de rietsen Eck gedreckt. An sou mecht een all Diskussioun futti. Kloer Integratioun ass net Assimilatioun, mee wéi wäit därf een eng Integratioun dann verwässeren ? Waat ass dann nach Integratioun ? Ass een integréiert wann een hei lieft an seng Steieren hei bezillt an lëtzebuerger Plaquen um Auto huet ? E Lëtzebuerger Sarazzin deen verschidden Integratiounsproblemer kloer an däitlech uschwätz ouni alles ze Verschéineren (gudd Beispill eis Sprooch, déi net immens beléift ass resp. verschidden Auslänner déi mol nach net Franséisch oder Däitsch kennen) de giff hei Land net aal ginn. De giff an de rietsesten Eck gedreckt ginn deen et gëtt an vunn de Politiker verdäiwelt.
  • Timon Müllenheim meint:
    08.09.2010, 11:34 Uhr
    Sehr geehrte 'Luxemburger Wort'-Redaktion,
    ich finde es sehr schade, dass in diesem Artikel, genau wie im Zeitungsartikel "Integration nicht mit Assimilation gleichstellen" von Dienstag, dem 7. September 2010 (Seite 2/3), nichts vom wahren Haupt-Integrationsproblem, nämlich der mangelnden Sprachkenntnisse, zu lesen ist.

    Viele Ausländer, vor allem jedoch sehr zahlreiche Portugiesen, leben seit mehreren Jahrzehnten in Luxemburg und sprechen, geschweige denn verstehen, noch immer nicht unsere Nationalsprache Luxemburgisch und können sich dadurch gezwungener Maßen nicht wirklich integrieren. Dies wird auch aus dem Artikel "Neue Regelung nutzt vor allem den Einkaufszentren" von Montag, dem 6. September 2010 (Seite 2/3) ersichtlich, denn neben zu wenig Einkaufszentren in den Innenstädten und noch vor den nicht idealen Öffnungszeiten ist vor allem die schlechte Servicequalität der Grund, weshalb so viele Luxemburger lieber im Ausland, z.B. in Trier, shoppen gehen als hierzulande. Denn wie kann der Service gut sein, wenn die Verkäufe die Kunden nicht einmal in ihrer Nationalsprache bedienen können; sicherlich jedem Einkäufer in Luxemburg kommen die Worte "Quoi? Comment?" nur zu bekannt vor.

    Um zurück zu den Portugiesen zu kommen, bei denen zahlreiche sich leider nur mit stark gebrochenem Französisch unterhalten können. Wie kann denn Integration funktionieren, wenn die junge Generation, Luxemburgisch nur mangelhaft in den Schulen lernt und diese Sprache kaum anwendet? Die Schulbusse werden doch heute längst von den fremden frankophonen Sprachen Französisch und Portugiesisch beherrscht. Warum soll denn jemand Luxemburgisch lernen, wenn er es doch überhaupt nicht muss? Kein Wunder, man kann ja zwischen Deutsch und Französisch als erste Hauptsprache wählen; ein weiterer Grund wodurch Kluft zur Integration deutlich größer wird. Auch die beiden großen Gratis-Zeitungen, 'l'Essentiel' und 'Point24' tragen durch die Tatsache, dass sie mehrheitlich auf Französisch sind, erscheckend zu diesem negativen Trend bei.

    Sind am Ende etwa die Immigranten, wie "ich" z.B., die Dummen, die lieber die Nationalsprache Luxemburgisch perfekt lernen, anstatt sich mehr um Fremdsprachen wie Französisch zu kümmern und sich gerne in die Luxemburger Gesellschaft integrieren würden?! Sind die, die Dummen, welche sich zusätzliche, auch neben der Schule (wo man z.B. leider kaum Luxemburgisch schreiben lernt) um Integration bemühen? Sind etwa die "wir" Luxemburger bald Außenseiten im eigenen Land? Das darf einfach nicht sein!

    D'Politik as hei massiv gefrot: Mir brauchen endlech innovativ Integratiounsgesetzer; jiddereen den hei am Land schaffen wëll, sollt an Zukunft eis Nationalsprooch, Lëtzebuergesch op mannst verstoen! D'Fro as; wéini kënnt endlech den Lëtzebuerger Sarrazin oder Wilders; denn "Mir wëllen bleiwen wat mir sin!"?!